Inge Klier ist eine geübte Zeitzeugin. Sie hat ihre Geschichte schon oft erzählt - und Erzählen ist ihr liebstes Hobby. "Ich brauch' das", sagt sie, die nicht nur die mündliche Überlieferung pflegt, sondern gern auch selbst schreibt, seit sie in Rente ist. Erinnerungen, auch Gedichte, Egerländer Mundart vor allem - all dies hält sie schriftlich fest, und das wiederum scheint sie jung zu halten. Inge Klier, adrett gekleidet, dezent geschminkt, Nägel lackiert, Perlen-Ohrringe zum perlenbestickten Kragen der weißen Bluse, ist heute erstaunliche 82 Jahre alt. Als ihre Familie - Vater, Mutter, fünf Töchter, von denen sie die Zweitälteste war - in Sittmesgrün bei Karlsbad ihre Koffer packen musste, war sie zwölf. Mädchen in diesem Alter seien neugierig, sagt sie. Deswegen wisse sie noch so viel über die Vertreibung im Herbst 1946, den Bahn-Transport, die Ankunft im Lager Buchberg bei Gelting.
Auch diese Szenerie hat sie schon oft beschrieben, sogar fürs Fernsehen: Die dreitägige "Horrorfahrt" - 22 Personen, einander großteils fremd, in einem fensterlosen Waggon, ein Eimer hinter einem hochkantgestellten Koffer als Toilette, alles finster, kalt, "unmöglich, diese Stimmung". Und wie dann der Transport mit Zwischenstopps in Eger, Marktredwitz und Allach (wo eigentlich schon keiner wieder einsteigen wollte, in München wäre man doch zu gern geblieben) zunächst am Wolfratshauser Bahnhof hielt. "Und wieder hieß es: Nicht aussteigen!" Eine Station noch, und dann - das Lager Buchberg. Keine menschliche Siedlung, die man doch erwartet hatte. "Jetzt kommen wir in ein Dorf", hätten alle gedacht, "da sind nette Leut, wie wir." Stattdessen: Holzbaracken, "verschlammt und verdreckt", und Wald. "Diese Enttäuschung!"

Aber da seien ja schon die Vertriebenen aus Graslitz gewesen, die Monate vorher angekommen waren. Die hätten gesagt: Mein Gott, wir wohnen auch da. Und so habe man sich gefügt. Inge Klier sinniert: "Was der Mensch alles aushält und womit er sich abfindet..."
Fünf "Ami-Pritschen" musste sich die siebenköpfige Familie in der Baracke teilen, Blechschränke hätten in den Räumen gestanden und gleich nebenan ein Holzvergaser-Lkw: "Der hat furchtbar ausgegast, das war sehr gefährlich." In den ersten Tagen seien sie vom Gasthaus, das es damals in Schwaigwall gegeben habe, mit warmer Suppe versorgt worden. Doch dann "musstest du dich einfach kümmern". Denn von dem Nichts, vor dem damals so viele gestanden hätten, sagt Klier, "von diesem berühmten Nichts hatten wir am allermeisten".
Zu den immer wiederkehrenden schönen Impressionen in Inge Kliers Erzählung gehört die Gemeinsamkeit der Vertriebenen. "Es war ein Zusammenhalt." Sie betont dies ein ums andere Mal. Und dass es gerade deswegen bergauf gegangen sei. "Wir sind unter uns geblieben", sagt sie. So seien die Traditionen erhalten geblieben und der Dialekt: "Das macht uns stark." Und heute noch stünden die Leute einander bei. In bestem Dialekt hört sich das so an: "Echalanda, hoalt's enk zom!"
Man spürt, wenn sie das sagt, auch das Selbstbewusstsein, das in der gemeinsamen Aufbauleistung gründet. Denn die Stadt Geretsried gäbe es ohne die Vertriebenen gar nicht: "Wir haben das praktisch zum Leben erweckt", sagt Inge Klier. Und hat dazu auch gleich ein paar Zeilen aus einem Gedicht auf den Lippen, das sie verfasst hat: "Diese Stadt wuchs nicht nach traditioneller Architektur, Brauchtum und Sitte, nicht wie ein geplantes Dorf mit Gasthaus, Kirche und Friedhof in der Mitte. Geretsried ist buchstäblich wie Phönix aus der Asche entstanden, es wuchs aus gesprengten Bunkern, Ruinen und Mauerresten, die noch vorhanden. Dass dies der Beginn war, eine Stadt im Grünen entstehen zu lassen - niemand hätte damals gewagt, so einen kühnen Gedanken zu fassen."


