SZ-Serie: AngekommenDie Sehnsucht nach der Heimat blieb

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Rosalie Militzek kam erst 1962 aus Schlesien nach Geretsried. Hier setzte sie sich 40 Jahre lang als Vorsitzende der Landsmannschaft der Schlesier ein und prägte den Aufbau des Museums mit.

Von Claudia Koestler, Geretsried

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"Mama, was haben wir nur gemacht": An diesen Satz ihrer damals siebenjährigen Tochter erinnert sich Rosalie Militzek bis heute. Geschluchzt und bittere Tränen habe das Kind geweint, als sie den Zug verließen und angekommen waren: in Geretsried. "Fremd" habe auch sie sich gefühlt in dem Moment, doch für die Zukunft ihrer Tochter und ihre eigene musste sie stark bleiben. Selbst wenn auch ihr erster Eindruck der neuen Heimat "nicht schön" war: "Wir sind in eine Baracke eingeteilt worden, dort gab es nicht einmal Bettzeug, nur die nackte, gestreifte Matratze, die Scheiben waren ganz trüb vor Schmutz, na, das war schon eine Enttäuschung", erinnert sich die Oberschlesierin. Und: "Es war alles fremd und ungewohnt, wir haben gesagt, die haben hier drei Häuser aufs Kreuz, so ländlich."

Dennoch, ein neues Leben musste beginnen, für die gerade erst verwitwete Militzek und ihre Tochter, fernab der Heimat Schlesien, das "doch so anders, moderner" gewesen war. Zwar reiste Militzek erst 1962 aus. Dennoch ist die heute 92-Jährige eine der prägendsten Persönlichkeiten der jungen Geschichte Geretsrieds. Nicht nur führte sie 40 Jahre lang die Landsmannschaft der Ober- und Niederschlesier und stand vielen Aussiedlern bei deren Ankunft in Geretsried mit Rat und Tat zur Seite. Ohne Militzek wäre auch das renommierte Geretsrieder Stadtmuseum um zahlreiche Exponate ärmer: Überwiegend von ihr gestiftet ist nämlich das Porzellan, das aus den kunstfertigen und berühmten schlesischen Manufakturen stammt. Auch für die schlesischen Trachtenexponate zeichnet sie verantwortlich, denn sie besorgte die Schnittmuster.

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Hartmut Pöstges

"Wo Liebe und Friede das Haus regiert/da ist das ganze Haus geziert": Porzellan aus Schlesien ist dank Rosalie Militzek im Geretsrieder Museum zu sehen.

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Rosalie Militzek führte 40 Jahre lang die Landsmannschaft der Schlesier.

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Das letzte Weihnachtsfest in der alten Heimat.

Geboren wurde Militzek 1923 im oberschlesischen Kochlowitz, nur etwa sieben Kilometer von Kattowitz entfernt. Die gelernte Schuhfachverkäuferin erlebte dort eine glückliche Kindheit: "Vor dem Krieg waren wir frei, wir konnten deutsch sein und durften Deutsch sprechen, wir hatten ein gutes Leben und ein Haus, vor dem in jedem Frühjahr ein großer Kirschbaum prächtig blühte", erinnert sie sich. In ihrem Heimatort lernte sie auch ihren späteren Mann Hubert kennen, der in den örtlichen Kohlegruben für den Schachtbau verantwortlich zeichnete. Doch die Lebensumstände wurden für sie und ihre Familie während des Kriegs immer dramatischer. Die Mutter wurde verschleppt, der Vater kam in russische Gefangenschaft, die Familie verlor ihr Haus. Militzek musste in einer Rüstungsfabrik zwangsweise arbeiten, ihre fünf Jahre jüngere Schwester Maria-Anna Kubaty erkrankte schwer. Militzek bewahrte sich ihre Mitmenschlichkeit, eine Eigenschaft, die ihr Leben mehr als einmal entscheidend beeinflussen sollte.

In der Fabrik, in der sie arbeiten musste, bemerkte sie einen Polen, der sie beim Essen beobachtete: "Es war deutlich, wie sehr er Hunger litt", erinnert sie sich. So wickelte sie ihr eigenes Brot in Papier und deponierte es, für den Polen sichtbar, im Papierkorb. Prompt fischte er sich das Essen heraus. Als sie später vor die Aussiedlungskommission zitiert wurde, wollte sie bleiben, denn der Vater war noch immer nicht zurückgekehrt. Ein Papier rettete sie vor der Ausweisung: Jener Pole, inzwischen zum Fabrikleiter aufgestiegen, stellte ihr aus alter Dankbarkeit eine Bescheinigung aus, dass sie bleiben konnte.

Erst 1953 kehrte der Vater zurück, und als klar wurde, die Familie erhält ihr Haus nicht zurück, beschloss die Familie, nach Deutschland auszureisen. Doch jahrelang ließ man sie nicht gehen, auch weil ihr Mann Hubert als Facharbeiter in den Minen Schlesiens dringend gebraucht wurde. Erst 1962 wurde ihre Aussiedelung bewilligt. Doch das erlebte ihr Mann nicht mehr: Er war wenige Wochen zuvor verstorben.

Zur Ausreise aber verhalf ihr letztlich eine frühere Bekanntschaft und eine erste Verbindung nach Geretsried. Während des Kriegs hatte die Familie der Ehefrau eines Soldaten Unterschlupf gewährt, die aus Gelting stammte. Militzek nahm Kontakt auf, und tatsächlich bekräftigte die Geltingerin eine Einladung. "So sind wir nach Bayern gekommen, durch eine bayerische Frau", sagt ihre Schwester. Mit dem Zug kam Militzek schließlich im Oktober in Geretsried an, zwei Monate später kamen ihre Geschwister und Eltern nach.

Keine 14 Tage nach der Ausreise nahm sie eine Arbeit auf, in den Alkor-Werken in Solln. Auch in der Baracke musste sie nicht lange bleiben, sie erhielt eine kleine Wohnung in einem der ersten Geretsrieder Blöcke, die errichtet worden waren. Die Familie akklimatisierte sich schnell. "Es ist eigentlich ein schönes Land, und so sind wir geblieben", sagt ihre Schwester. Bei Militzek aber blieb das Heimweh. Zum einen, weil in Oberschlesien das Grab ihres Mannes liegt. Zum anderen, weil eben viele Erinnerungen mit der alten Heimat verbunden sind: "Das Leben, die Art, alles war anders, moderner. Wie gerne bin ich in den Nachbarstädten früher bummeln gegangen, dagegen kam einem Geretsried zu Anfang vor wie ein Bauernhof." Auch wenn sie heute glücklich ist über die Entwicklung der Stadt und "inzwischen hier zu Hause ist": Die stete Sehnsucht war ein Grund, warum sie sich 40 Jahre lang als Vorsitzende der Landsmannschaft der Schlesier einsetzte und den Aufbau des Museums mit prägte. "Es soll einfach etwas bleiben", bringt Militzek ihr Engagement auf den Punkt.

© SZ vom 01.04.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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