SZ-Gespräch:"Etwas entzünden"

Die Stiftung Nantesbuch lädt zum ersten "Moosbrand Fest" ein. Das Programm ist ambitioniert, die Preise sind moderat. Annette Kinitz und Jörg Garbrecht erklären das Konzept

Interview von Stephanie Schwaderer

Die Stiftung Nantesbuch weckt Neugier: Zur Eröffnung des "Langen Hauses" im winzigen Weiler Karpfsee (Gemeinde Bad Heilbrunn) kamen im Juni 2500 Gäste. Nun findet dort unter dem Titel "Moosbrand" das erste Literatur- und Musikfest statt. Annette Kinitz und Jörg Garbrecht sind Programmleiter der Stiftung.

SZ: "Moosbrand" - hatten Sie bei dieser Wortschöpfung eher Flammen oder etwas Hochprozentiges im Sinn?

Annette Kinitz: Weder noch: Moosbrand hieß in den Neunzigerjahren eine Literaturzeitschrift in Berlin. Wir haben dieses Kunstwort übernommen, weil es gut zu unserem Konzept passt, wir wollen hier, in dieser Moorlandschaft, etwas entzünden.

Berauschend dürfte das Wochenende aber auch werden. Allein wenn man sich das Staraufgebot anschaut: Sibylle Canonica, Corinna Harfouch, Raoul Schrott . . .

Jörg Garbrecht: Das stimmt. Unser Ansatz ist es, außergewöhnliche Persönlichkeiten an diesen Ort zu bringen. Dabei achten wir auf die Mischung. Die Erkundungen und Spaziergänge, die wir kontinuierlich anbieten, leiten Menschen mit Charisma und Wissen. Bei diesem Fest, das von Brigitte Labs-Ehlert kuratiert wurde, stechen einem die großen Namen ins Auge. Aber auch bei den Stars schauen wir genau hin: Prominente Künstler laden wir nicht ein, nur weil sie gerade mit ihrem Programm auf Tournee sind.

Kinitz: Wir setzen eigene Projekte um.

Das heißt, in Nantesbuch bekommen die Gäste nur Maßanfertigungen geboten, keine Kunst von der Stange?

Kinitz: Genau, wir konzipieren ein Programm speziell für diesen Ort.

Garbrecht: Und schöpfen die Themen aus diesem Ort, aus dieser Landschaft - da gibt es ökologische, kulturhistorische, biologische, künstlerische und geografische Ansatzpunkte. Ein Herzensanliegen der Stiftung ist es ja, uns hier zu verwurzeln.

Stiftung Nantesbuch

"Daphne", eine Skulptur von Markus Lüpertz, begrüßt die Gäste der Stiftung Nantesbuch in Karpfsee. Annette Kinitz (links) und Jörg Garbrecht zeichnen für das Programm verantwortlich.

(Foto: Manfred Neubauer)

Lässt Ihnen Susanne Klatten, die Stiftungsgründerin, dabei freie Hand?

Kinitz: Im Prinzip, ja. Natürlich stellen wir ihr das Jahresprogramm vor und besprechen es mit ihr. Sie gibt uns Denkanstöße, bringt philosophische Fragen ins Spiel.

Das Moosbrand-Programm ist hochintellektuell. Denken Sie, dass Sie damit in der Region ein Publikum finden?

Garbrecht: Neugierige und interessierte Menschen gibt es ja nicht nur in München. Wir hoffen, auch viele Menschen um uns herum zu erreichen.

Kinitz: Das Moosbrand-Programm ist anspruchsvoll. Für die Uraufführung mit Sibylle Canonica und dem Komponisten Mark Polscher am Freitagabend sollte man wohl einen gewissen Zugang mitbringen. Die beiden setzen sich in einer Performance mit Stéphane Mallamés Gedicht "Un Coup de Dés" auseinander. Raoul Schrott hingegen ist jemand, der Türen öffnet: Am Samstag dreht sich alles um sein Werk "Erste Erde. Epos", um Literatur und Musik, da kann man leichter einen Einstieg finden. Und am Sonntag liest Corinna Harfouch Gedichte und Dialoge, und das Kuss-Quartett spielt Schubert - was könnte es Schöneres für eine Matinee geben?

Klingt Schubert in Nantesbuch anders als in einem Konzertsaal in der Stadt?

Garbrecht: Die meisten Künstler, die hier auftreten, kommen vorher vorbei, um sich auf diesen Ort einzustimmen. Und dabei tauchen oft ganz neue Ideen auf - zum Programm, zu den Abläufen. Das kennt man ja von sich selbst, wenn man einen Tag in der Natur verbracht hat und heimkommt: Dann ist man ganz erfüllt, will etwas Besonderes kochen, sich ans Klavier setzen, etwas gestalten. Das Naturerlebnis weckt kreatives Potenzial.

Kinitz: Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass ein Künstler hier ankommt und völlig unberührt von diesem Ort ist. Man kann sich der Schönheit und Kraft dieses Platzes nicht entziehen. Das gilt auch für die Besucher. Wenn man nach dem Kulturgenuss hinaus ins Freie tritt, geschehen Dinge, die so in der Stadt nicht möglich wären. Das ist ähnlich wie am Ende einer Yoga-Stunde, wenn man sich noch fünf Minuten Tiefenentspannung gönnt: Da wirkt etwas nach, da beginnt etwas zu arbeiten.

Garbrecht: Wellnessprogramm mit Yoga bei Sonnenaufgang bieten wir hier nicht an, dafür gibt es herrliche Hotels in der näheren und weiteren Umgebung. Im "Langen Haus" der Stiftung Nantesbuch geht es um Kunst und Natur . . .

Kinitz: . . . um Denken und Fühlen; um das Berührtwerden.

Garbrecht: Wobei wir durchaus auch kontroverse Fragestellungen und Diskurse aufgreifen, sperrige Künstler einladen. Wir wollen unsere Gäste anregen, in Bewegung setzen, begeistern.

So ambitioniert das Programm ist, so moderat sind die Preise: Muss hohe Qualität nicht teuer sein?

Garbrecht: Wir wollen das Publikum nicht über die Preise selektieren.

Kinitz: Das entspricht der Zielsetzung der Stiftung: einen Ort für die Begegnung mit Kunst und Natur zu schaffen und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.

Moosbrand: Literatur- und Musikfest der Stiftung Nantesbuch, Freitag, 22. September, bis Sonntag, 24. September, "Langes Haus", Karpfsee, Bad Heilbrunn, Informationen unter www.stiftung-nantesbuch.de, Tel. 08046/231 91 15

© SZ vom 21.09.2017
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