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SZ Bad Tölz-Wolfratshausen:"Kleine Schubser" zu mehr Mut

Café Miteinand

Sabine Richter (links) und Tanja Rudolph haben das Inklusionsprojekt „Café Miteinand“ in Bad Tölz initiiert. Die Leser der "Süddeutschen Zeitung" halfen mit ihren Spenden bei der Grundausstattung. Foto: Manfred Neubauer

Sie brauchen warme Kleidung, ein Bett oder Hilfe zur Selbsthilfe: Auch im Landkreis leben Menschen in Armut. Der SZ-Adventskalender hilft.

Von Claudia Koestler

Was für ein ungeheuerliches Jahr. Eines, das den Alltag für wahrscheinlich jeden Menschen auf dem Erdball durcheinander gewirbelt hat. Freunde treffen, Spaß haben, das Leben unbeschwert genießen - was für viele Leute lange Zeit selbstverständlich war, ist nun durch die Corona-Pandemie stark eingeschränkt oder unerreichbar. Doch nicht wenige mussten und müssen ganz unabhängig von dem grassierenden Virus dauerhaft mit großen Einschränkungen leben. Zum Beispiel, weil die Gesundheit nicht mitspielt und eine Krankheit das Leben schwer beeinflusst. Oder aber wenn das Geld knapp ist und nicht nur Wünsche unerfüllbar bleiben, sondern auch dringend benötigte Anschaffungen nicht mehr zu stemmen sind. Auch in einer wirtschaftlich florierenden Region wie dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es Einwohner, die in bitterer Armut leben. Es sind Menschen, die oftmals Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen haben. Oder Senioren, die nach einem arbeitsreichen Leben mit ihrer bescheidenen Rente kaum noch die teure Miete bezahlen können. Familien, die werkeln und sich anstrengen, aber dennoch jeden Cent dreimal umdrehen müssen.

Einigen von ihnen konnte in diesem Jahr geholfen werden, und zwar mit einer Spende durch den SZ-Adventskalender für gute Werke. Möglich wurde die vielfältige Hilfe im Landkreis allerdings erst durch eine besondere Geste der Mitmenschlichkeit: Nur dank der großzügigen Unterstützung durch die Leser ist es möglich, dass das Hilfswerk Jahr für Jahr Bedürftigen diese Spenden gewähren kann. Und die Gesamtsumme war 2020 wieder sagenhaft: 8,2 Millionen Euro haben die Leser der Süddeutschen Zeitung bei der 71. Aktion des SZ-Adventskalenders für gute Werke heuer gespendet. Davon konnten das ganze Jahr über mehr als 571 500 Euro im Verbreitungsgebiet der Landkreis-Redaktionen der SZ ausgeschüttet werden. In Bad Tölz-Wolfratshausen wurden insgesamt über das Jahr verteilt knapp 68 700 Euro an Bedürftige überwiesen, davon nahezu 40 000 Euro an Einzelpersonen und fast 23 000 an soziale Einrichtungen und Verbände, die damit wiederum Menschen unterstützen können.

Diese überwältigende Spendenbereitschaft ist aber auch ein Auftrag, weiter mit vollem Engagement für die Menschen im Landkreis da zu sein. Deshalb geht der SZ-Adventskalender nun in eine neue Runde, um jenen, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden und oft unverschuldet in Not geraten sind, einen Lichtblick zu geben. Menschen, die krank, behindert, alt, arbeits- oder wohnungslos sind und deshalb an der Armutsgrenze leben, erhalten Hilfe, um ihre heikle Lage zu überwinden und neuen Mut zu schöpfen. Häufig sind es gerade die kleinen Dinge, wie ein Bett, warme Kleidung für den Winter oder eine neue Matratze, die sich bedürftige Menschen nicht leisten, ihnen aber viel Lebensqualität geben können. Einigen Menschen aus dem Landkreis konnte der SZ-Adventskalender auf diese Weise im vergangenen Jahr bei der Erfüllung solcher Wünsche helfen.

Zum Beispiel Rosalie B. (alle Namen geändert, Anm. d.Red.). Ihre zwei Kinder haben erst fast das Teenageralter erreicht und doch schon so viel mitgemacht. Dass sie ihren Vater verloren haben - ohne jede Möglichkeit, sich zu verabschieden - müssen sie noch verarbeiten. Plötzlich alleinerziehend - diese Situation war auch für Rosalie B. mehr als schwer. Finanziell war es für sie, obwohl berufstätig, schon immer etwas eng. Als sie nach Jahren endlich genug gespart hatte, um zu ihren Eltern zu fahren und die Kinder in den Urlaub mitzunehmen, kam der Schock: Auf einer Bergtour war ihr Mann und Vater ihrer Kinder zusammengebrochen. Auch die schnell eintreffenden Bergretter konnten nichts mehr für ihn tun. Seither fühle sie sich "wie in einem Albtraum" gefangen, berichtete die 38-Jährige. Für die warmen Winterschuhe und die Winterkleidung für die Familie reichte das Geld einfach nicht mehr. Der "kleine Schubser finanzieller Art", wie sie es nannte, war genau das, was die Familie brauchte, um nach dem Schock und der Trauer wieder nach vorne blicken zu können.

Auch Wolfgang B. freute sich über eine Spende. Nach dem Krebstod seiner Frau muss sich der erst 22 Jahre alte Mann alleine um seine 18 Monate alte Tochter kümmern. "Es waren wirklich unfassbar grausame Erlebnisse", sagte der junge Witwer über das, was er durchgemacht hatte. Andere in seinem Alter begeben sich erst einmal ins volle Leben, treffen Freunde, schrauben an Motorrädern oder Autos, testen ihre Chancen bei den Mädchen. Die Dinge sind noch ohne Schwere, ohne größere Belastungen. Doch bei Wolfgang lief es anders. Der Krebstod seiner Frau war nicht der einzige Todesfall, den der junge Mann verarbeiten musste. 2017 starben erst seine geliebte Großmutter, dann sein Onkel. Und keine zwei Jahre darauf auch seine Frau, nachdem sie tapfer gegen den Tumor in der Brust angekämpft hatte, der vier Monate nach der Geburt der gemeinsamen Tochter aufgetreten war. Chemotherapie und Bestrahlung schlugen bei der jungen Frau nicht an, sie litt unter extremen Schmerzen. Und nachdem die Ärzte sie als unheilbar entlassen hatten, wachte Wolfgang B. mehr als 70 Stunden lang an ihrem Bett, bis sie in seinen Armen starb. Seither liegt seine ganze Aufmerksamkeit auf dem Wohlergehen der kleinen Tochter. Wie er sich kümmert, sie im Auge hat bei ihren kleinen Entdeckungstouren, mit ihr knuddelt, für sie kocht, wie er sorgsam ihre frisch gewaschene Kleidung stapelt: Darin liegt Sorgsamkeit und viel Liebe. Doch den Alltag als alleinerziehender Witwer mit gerade mal 22 Jahren zu bewältigen - da wird es oft sehr knapp für die kleine Familie. Hier konnte der SZ-Adventskalender unbürokratisch helfen - so wie viele vom Hilfswerk der Süddeutschen Zeitung individuell und rasch Hilfe erhalten.

Darüber hinaus werden auch Vereine und Organisationen bei ihrer karitativen Arbeit unterstützt. Darunter beispielsweise das "Café Miteinand" in Tölz, das etwas ganz Besonderes ist. Denn unter den Personen, die sich um die Gäste kümmern, ihnen die Heißgetränke aufbrühen oder ein Stück vom Kuchen abschneiden und servieren, sind Jugendliche mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Sie öffnen zusammen mit Ehrenamtlichen einmal in der Woche die Türen zum "Café Miteinand" und lernen so einen ganz realen Arbeitsalltag kennen. Das Inklusionsprojekt wurde kürzlich sogar mit einem Preis beim bayernweiten Wettbewerb der Diakonie zum Thema Teilhabe ausgezeichnet. Die SZ-Leser haben bei der Grundausstattung des Cafés im evangelischen Gemeindehaus geholfen. Bei der Einrichtung eines Spielplatzes mit Seilbahn und Baumhaus des integrativen Horts in Wolfratshausen erhielt der Kinder- und Jugendförderverein eine großzügige Spende.

Es sind allerdings nicht nur dringend benötigte Anschaffungen, die Menschen aus dem Landkreis durch den "Adventskalender für gute Werke" der SZ bekommen. Dadurch, dass über ihre Sorgen und Schwierigkeiten berichtet wird, erfahren sie auch, dass sie nicht alleine gelassen werden. Das trägt - dies zeigt die Erfahrung - oftmals zur psychischen Stabilisierung bei und stärkt das Selbstbewusstsein. Denn wer spürt, dass er mit seinem Schicksal nicht alleine gelassen wird, dass es Menschen gibt, die sich interessieren und helfen, die schwere Situation zu überstehen, der schöpft leichter den Mut, weiter zu kämpfen. Dass sie das ermöglichen, dafür gebührt den Lesern der Süddeutschen Zeitung vor allem eines: ganz großer und herzlicher Dank.

© SZ vom 21.11.2020

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