SZ-Adventskalender:"Wie ein Brennglas"

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SZ-Adventskalender: Die Mitarbeiter der Brücke Oberland kümmern sich um Jugendliche und Familien in sozialen Schweirigekeiten und neuerdings auch um Geflüchtete: Mirjam Majer (Mitte) mit Kerstin Putzirer und Matthias Englert.

Die Mitarbeiter der Brücke Oberland kümmern sich um Jugendliche und Familien in sozialen Schweirigekeiten und neuerdings auch um Geflüchtete: Mirjam Majer (Mitte) mit Kerstin Putzirer und Matthias Englert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Verein "Brücke Oberland" kümmert sich um Jugendliche und Familien mit sozialen Problemen, sowie um Geflüchtete im Landkreis. Corona hat deren Schwierigkeiten noch einmal verstärkt.

Von Petra Schneider

Vor fünf Jahren ist der 33-jährige Adil (Name geändert) vor dem Krieg in Syrien geflohen. 25 Tage waren er und seine Frau mit den vier kleinen Kindern unterwegs, bis sie es von Idlib nach München geschafft haben - über das Mittelmeer, die Türkei und Griechenland. Die Familie ist seitdem noch um drei weitere Kinder gewachsen. Sie leben momentan zu neunt in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Bad Tölz; als sogenannte Fehlbeleger, weil ihr Asylantrag anerkannt wurde und sie keinen Anspruch mehr auf eine vom Landratsamt gestellte Unterkunft haben. Vier Kinder in einem Zimmer, drei in einem zweiten, die Eltern im Wohnzimmer. Adil sucht einen Job, "ich würde jede Arbeit annehmen", sagt der Syrer, der sich mit der deutschen Sprache noch ein bisschen schwer tut. Und er sucht dringend eine größere Wohnung für seine Familie.

Zum Gespräch ist er in die Räume des gemeinnützigen Vereins "Brücke Oberland" in Bad Tölz gekommen, der die Familie unterstützt. Er sei dankbar für die Hilfe, etwa beim Ausfüllen von Formularen, bei den Terminen mit Behörden, Ärzten, der Schule. "Die Helfer sind sehr gut zu uns", erklärt der Familienvater.

Am 28. Februar läuft der Mietvertrag für ihre Wohnung aus. Und was dann? "Im schlimmsten Fall Container", sagt Mirjam Majer, "als Notlösung, um Obdachlosigkeit zu vermeiden." Die Wohnungsnot sei ein Riesenproblem in der Region. Wenn Familien, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, eine bezahlbare und angemessene Wohnung hätten, dann würden viele Probleme gar nicht erst entstehen. Majer ist Sozialpädagogin und Leiterin des Bereichs Ambulante Erziehungshilfen bei der Brücke Oberland. Eigentlich kümmert sich der Jugend- und Familienhilfeverein nicht vorrangig um Geflüchtete. Aber mit den vielen Menschen, die 2015 kamen, "wurden wir ins kalte Wasser geschmissen", sagt Majer. Von Krieg und Flucht traumatisierte Kinder, Jugendliche mit Granatsplittern im Arm - das habe den Verein vor neue Aufgaben gestellt.

Die Brücke Oberland wurde im Jahr 1984 im Landkreis Weilheim-Schongau gegründet, der unabhängige Verein ist auch in Garmisch-Partenkirchen und seit 2005 im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aktiv. Die Zielsetzung der Gründungsmitglieder lautete ursprünglich: Straffälligen Jugendlichen "Brücken bauen", ihnen einen Weg zurück in einen geregelten Alltag bahnen und eine Perspektive aufzeigen.

Nach den Luftangriffen in Idlib

Die syrische Stadt Idlib nach Luftangriffen. 5,6 Millionen Syrer sind bereits vor dem Krieg geflüchtet, einige sind auch im Landkreis gelandet. Ihnen hilft die Brücke Oberland.

(Foto: dpa)

Mit dem seit 1991 geltenden Kinder- und Jugendhilfegesetz wurden die Aufgaben erweitert; die "Brücke" ist seitdem einer jener Träger, den die Jugendämter beauftragen, wenn Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien in schwierigen Lebenssituationen bewilligt wurden: Bei konflikthaften Scheidungen, wenn Eltern psychisch krank, alkohol- oder drogenabhängig sind, für ganz junge Mütter ohne soziales Netz, bei Armut oder traumatischen Fluchterfahrungen. Je nach Bedarf, meist ein oder zweimal die Woche, besuchen die Sozialpädagogen die Familien zuhause, die Betreuung läuft in der Regel zwei Jahre. "Das Ziel ist, die Familien so zu stabilisieren, dass sie alleine weiter können", sagt Majer. Auch bei straffällig gewordenen Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren kommen die Brücke-Mitarbeiter zum Einsatz. Neben Sozialstunden bei Delikten wie Diebstahl, Cannabis-Konsum oder Körperverletzung können Richter einen Betreuer für die jugendlichen Straftäter anordnen.

In der Tölzer Geschäftsstelle an der Hindenburgstraße arbeiten acht Festangestellte und sechs Freiberufler, allesamt Sozialpädagogen. Zurzeit betreuen sie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen etwa 70 Familien. Finanziert wird die Arbeit vom Jugendamt. Von den Gerichten werden zudem Mittel aus Geldstrafen zugeteilt, auch Spenden helfen dem Verein. Die Kooperation mit dem Landratsamt laufe sehr gut, betont die Bereichsleiterin. Weil aber die Kreisbehörden wegen steigender Sozialausgaben sparen müssten, sehe die Situation momentan so aus: "Die Mittel werden weniger, und der Bedarf steigt." Denn neuerdings sei noch ein weiteres Problemfeld dazugekommen: Corona. Unter den Lockdowns hätten besonders Kinder und Jugendliche gelitten, feste Strukturen durch Kitas und Schulen seien weggebrochen. "Die Belastungen zeigen sich bei immer jüngeren Kindern", beobachten die Sozialpädagogen. Soziale Isolation, der Druck vor allem auf schwächere Schüler, die durch den Distanzunterricht "komplett den Anschluss verloren haben". Ganz abgesehen davon, dass nicht alle Familien, und schon gar nicht Geflüchtete, die nötige Ausstattung für den digitalen Unterricht hätten. Zugleich sei die Unterstützung durch Helferkreise weniger geworden, weil das Thema ein bisschen in den Hintergrund gerückt sei.

Die Pandemie überlagert vieles, und sie wirke "wie ein Brennglas", sagt Majer. Latente Probleme hätten sich verschärft: Schlafstörungen, Suizidgedanken, Selbstverletzungen oder Essstörungen träten vermehrt auf. Die Computerspielsucht sei gestiegen, auch übergewichtige Kinder und Jugendliche gebe es deutlich mehr. "Und wenn Kleinkinder ständig Erwachsene mit Masken vor sich haben, dann ist das für die Entwicklung nicht förderlich." Majer beobachtet, dass auch im Landkreis die Fälle von häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdung zunehmen. Sorgen macht den Sozialpädagogen auch eine andere Entwicklung: Seit etwa zehn Jahren steige die Zahl "konflikthafter Trennungen". "Kinder sind die Leidtragenden, wenn Eltern in ihrer Wut auf den Partner nicht mehr sehen, was sie ihren Kindern antun". Mit Beratungsgesprächen, sozialpädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen versuchen die Brücke-Mitarbeiter Krisensituationen zum Wohl der Kinder zu lösen. Eine dringend nötige und sinnvolle Aufgabe, die freilich auch belastend sein kann.

Wenn sie sich etwas wünschen könnten, dann wäre das ein "Teamtag", sagt die Leiterin. Einfach einmal einen Tag außerhalb der Arbeit gemeinsam miteinander verbringen. Denn der Rückhalt der Kolleginnen und Kollegen sei wichtig in diesem Job. Aber für Teambuilding-Maßnahmen fehle einfach das Geld.

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