SZ-Adventskalender Von Tieren fürs Leben lernen

Das Eurasburger "Inselhaus" bietet eine besondere Pädagogik für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Der Umgang mit Ziegen und Pferden hilft ihnen, in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Doch die Instandhaltung der Infrastruktur bringt die Einrichtung an Grenzen.

Von Benjamin Engel

Wie ein Pferd zum ersten Mal einem Kind ganz von allein folgt, rührt Elke Burghardt jedes Mal. Wenn die mutigsten Schützlinge beim Reiten ihre Augen schließen, empfindet sie das als ganz besonders. "Wenn die Kinder reiten, erfahren sie so etwas wie getragen werden", schildert Burghardt. So sollen die Kinder mit Hilfe der tiergestützten Pädagogik Erfolgserlebnisse erfahren. "Es ist unsere Aufgabe, dass die Kinder ihren Lebensweg finden", berichtet Burghardt, die der Geschäftsführung in der "Inselhaus Kinder-und Jugendhilfe" assistiert.

Unterstützt werden dort Kinder und junge Erwachsene bis 21 Jahre, die benachteiligt oder teils geistig behindert sind. Im Kinderheim bei Eurasburg bemüht sich das Inselhaus-Team, die Tiere für die Therapie der Schützlinge besonders artgerecht zu halten. Doch dafür braucht es mit Stallungen und Zäunen auch entsprechende Infrastruktur. Die aber ist in die Jahre gekommen und muss deshalb erneuert werden. Für das Inselhaus sei die Instandhaltung schwer zu finanzieren, sagt Burghardt.

So können Sie spenden

Über sozial benachteiligte Kinder, Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten, alte Menschen in Not, Menschen mit Behinderung, kranke Mitbürger sowie über die Träume von Kindern aus armen Familien berichtet der "Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" in diesem Jahr.

Wer diesen und anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten. Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind von Montag bis Donnerstag von 9.30 bis 18 Uhr sowie Freitag und Samstag von 9.30 bis 16 Uhr im SZ-Servicezentrum, Fürstenfelder Straße 7, möglich. Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-adventskalender.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich.

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Einer der offenen Ställe für die sechs Therapiepferde bereitet der Burghardt die größten Sorgen. Der sogenannte Recki-Stall - benannt nach einem der ersten Therapie-Ponys im Inselhaus - ist alt und marode. Die Dachpappe löst sich. An der Hinterwand dringt Wasser ins Gemäuer. Der Bodenbelag ist aufgeworfen. "Das ist unser Problemkind", berichtet Burghardt. Das Inselhaus wolle den Stall dringend ersetzen und einen etwas größeren bauen. Die Probleme am alten Stall verursache womöglich auch die große Lärche in unmittelbarer Nähe mit ihrem Wurzelwerk. Der Baum müsse daher vielleicht gefällt werden, sagt Burghardt. Laut einem Gutachter werde die Lärche in einigen Jahren auch vermehrt Totholz abwerfen, was für Tier und Mensch gefährlich werde.

Und dann ist da noch die knapp einen Hektar große Pferdekoppel zum Auslauf der Tiere. Weil der Elektrozaun ständig ausfällt, sind die Wiesen nicht zu nutzen. Ständig nur Lücken zu kitten, sei sinnlos, schildert Burghardt. Deswegen müsse die Einzäunung von Grund auf neu installiert werden.

Direkt an der Einfahrt zum Kinderheim warten normalerweise sechs Ziegen in ihrem Gehege neugierig auf die Kinder. Derzeit steht es allerdings leer. Der 70 Jahre alte Zaun an der östlichen Grundstücksgrenze neigt sich weit nach außen. Das stabilisierende Betonfundament am Hang zerbröselt. So finden die Ziegen leicht Lücken, um entwischen zu können. Laut Burghardt würde es allein 8000 Euro kosten, den rund 100 Meter langen Zaun durch ein Waldstück zu reparieren. Bisher hätten sie zwar versucht die Lücken mit Brettern notdürftig zu schließen. Doch die Tiere fänden immer einen Weg, sagt sie. Momentan haben die Ziegen im ehemaligen Schafstall Unterschlupf gefunden, wo sonst Ziegel lagern. "Ziegen sind sehr zutraulich", schildert Burghardt. "Sie wollen gestreichelt werden." Die haptische Erfahrung sei für die Kinder entscheidend, indem sie beim Berühren die Wärme der Tiere spürten.

Elke Burghardt, Assistentin der Geschäftsführung.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Im Kinderheim bei Eurasburg gibt es zwei Gruppen mit jeweils neun Bewohnern. Ein zusätzlicher Platz wird für Kinder freigehalten, die im Notfall sofort aus ihrer Familie wegmüssen. Im Nebengebäude hat ein Jugendlicher eine kleine Wohnung, der schon lange in der Einrichtung lebt. Er soll lernen, seinen Haushalt selbst zu organisieren.

Im Inselhaus werden die Kinder gezielt gepflegt und gefördert. 1982 eröffneten Dörte Sambraus und Rolf Merten die Einrichtung. Die Montessori-Lehrerin hatte ihre Millionen-Erbschaft einsetzen wollen, um benachteiligte Kinder zu unterstützen. Sie hatte den gelernten Groß- und Einzelhandelskaufmann Merten, der über den zweiten Bildungsweg ein Psychologie-Studium abgeschlossen hatte, in Berlin kennengelernt. Gemeinsam suchten sie im Freistaat nach geeigneten Anwesen. Schließlich fanden sie das frühere Kinderheim in Lengenwies bei Eurasburg. 1985 begannen sie dort mit dem heilpädagogischen Reiten.

Die Einrichtungen des Inselhauses verteilen sich heute auf mehrere Standorte rund um Wolfratshausen und Eurasburg. Darin finden etwa 100 Kinder und Jugendliche eine Heimstatt, unter anderem auch in Wohngruppen. Wer von ihnen für eine tiergestützte Pädagogik infrage kommt, entscheidet ein psychologischer Fachdienst. In der Heilpädagogischen Tagesstätte in Wolfratshausen arbeitet das Inselhaus-Team zusätzlich auch mit Hunden. Die Tiere begleiten die Kinder durch den Alltag - in Einzel- oder Gruppenkonstellationen. Besonders gut helfe die Arbeit mit Tieren Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, berichtet Burghardt. Auch wer motorisch oder bei der Wahrnehmung Rückstände habe, profitiere. Für die Persönlichkeitsentwicklung sei das ein wichtiger Baustein, um in der Gesellschaft zurechtzukommen.

Faszinierend findet es Burghardt, wie die Kinder eine Beziehung zu den Tieren aufbauen. Die Kinder müssten sich beim Umgang etwa mit den Hunden sehr strukturiert und reflektiert verhalten. Auffallend sei, dass die Kinder sehr viel ruhiger an ihren Hausaufgaben arbeiteten, wenn ein Tier im Raum sei.

Zu Erziehungshilfen werden auch die Pferde. Die Tiere kommunizieren untereinander. Auch die Menschen könnten so mit den Pferden Verbindung aufnehmen, sagt Burghardt. Das erleichtere den Kontakt zu den Vierbeinern. Die Pferde würden die Kindern unvoreingenommen annehmen. Allerdings reagierten sie sofort wenn sie schlecht behandelt würden. Dann wendeten sie sich ab oder versuchten, wegzulaufen. Daraus lernten die Kinder ihr Verhalten zu ändern, um von den Tieren weiter Zuwendung zu bekommen. Eine Reitpädogin begleitet die Kinder in der Therapie, "übersetzt" für sie die Sprache des Pferdes.

Als Inselhaus-Geschäftsführer hat Rolf Merten im Oktober 2017 aufgehört. Nach 35 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe hatte er sich zurückgezogen. Ihm folgte Angelika Schmidbauer nach. Seit dem Tod von Dörte Sambraus im Jahr 1996 repräsentiert deren Tochter Catherine Kemeny die Einrichtungen als Gesellschafterin.

Erleichtert wäre Burghardt, wenn das Inselhaus mit den Instandsetzungsarbeiten rund um das Kinderheim in Lengenwies bald beginnen könnte. Dann könnten die Tiere endlich wieder auf die Koppel. Das hätten sie sich verdient. "Moses" etwa sei schon fast 30 Jahre alt. "Der ist ein ganz lieber", sagt Burghardt.

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