SZ-Adventskalender Nur die nackte Haut gerettet

Kreisbrandinspektor Christian Sydoriak sprach von einem "gewaltigen Feuer", Anwohner beschrieben, "dass der ganze Himmel blutrot" gewesen sei, als im Juli die ehemalige Reitanlage in Flammen aufging, in der Sozialhilfeempfänger lebten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Überlebenden der Brandkatastrophe in der ehemaligen Ickinger Reitanlage standen nach dem Feuer vor dem Nichts. Die Hilfsbereitschaft war groß, doch die Spenden sind aufgebraucht. Dabei sind die Wünsche bescheiden - sich etwa gesündere Lebensmittel leisten zu können.

Von Susanne Hauck

Er hat nicht schlafen können in dieser heißen Julinacht. Ein Glück. Weil er deswegen hörte, wie es oben an der Decke komisch knisterte. Erst glaubte er, ein Marder läuft hin und her. "Aber dann hat's den Qualm aus den Rigips-Fugen rausgedrückt." Er begriff sofort: das ist Feuer! Rannte zu seinen Zimmernachbarn, hämmerte sie raus. "Ich hab' geschrien wie verrückt." Dann durch die Tür, durchs Fenster. Kaum waren sie im Freien, war schon das Wumm der Explosion zu hören, loderte das Feuer bis zum Himmel. Am 23. Juli ging die ehemalige Ickinger Reitschule in Flammen auf. Sieben Männer lebten hier - Sozialhilfeempfänger, Menschen am Rand der Gesellschaft. Fünf kamen mit dem Leben davon, einer davon mit lebensgefährlichen Verletzungen. Zwei schafften es nicht rechtzeitig aus der Feuerhölle.

Ein knappes halbes Jahr ist die Brandkatastrophe jetzt her. Zwei der Überlebenden erzählen, wie es ihnen danach erging. Mit buchstäblich nichts am Leib sind sie raus, der eine in der Joggingpants, der andere in der Unterhose. Sie haben ihr Leben gerettet, aber sonst alles verloren. Am schlimmsten ist für sie natürlich der Tod der Mitbewohner, mit denen sie am Isarweg eng zusammenlebten. Verbrannt ist aber auch Harlekin, der treue alte Hund, der wegen seiner schwarzen Fellfärbung über dem Auge so hieß. Seinem Besitzer fällt das Sprechen schwer: "Meine Zahnprothese ist auch Asche, die lag noch am Nachtkastl." Ihr Zuhause ist weg, und damit Möbel, Kühlschrank, Fernseher, Ausweise, Bargeld, bis hin zu den Hanteln fürs Fitnesstraining. Sie hatten sowieso schon wenig, und jetzt stehen sie vor dem Nichts.

So können Sie spenden

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Eine Welle der Hilfsbereitschaft hätten sie erfahren, berichten die beiden dankbar.

Der eine ist ein kräftiger, umgänglicher Mann mit einigen Tätowierungen. Der andere ist groß und muss erst seine Schüchternheit überwinden, ehe er offen erzählt. Immer wieder kommen sie darauf zurück, dass Ickinger Bürger sie in der ersten Zeit in ihre Häuser aufgenommen, und "ruckzuck" mit Kleidung und dem Notwendigsten versorgt hätten.

Viel Gutes sagen sie auch für die unbürokratische Hilfe der Gemeinde, die den nun Obdachlosen eine Unterkunft beschaffte. Brigitte Weber nickt. Die kleine Frau mit dem großen Herzen und den charakteristischen roten Pagenkopf hat zusammen mit Hans Dondl und Berthold Kaltenegger einen Helferkreis gegründet, die "Brandhilfe Isarweg". Ein Benefizkonzert wurde veranstaltet und ein Spendenkonto eingerichtet. Weber, die in der Nachbarschaftshilfe tätig ist, kümmert sich schon seit ein paar Jahren um "ihre Burschen". Berührungsängste kennt sie nicht. Jeden Donnerstag unternimmt sie Besorgungsfahrten, und für sie war es immer selbstverständlich, diesen Dienst nicht nur den gebrechlichen alten Damen in den Ickinger Villen anzubieten, sondern auch den Bewohnern vom Reitstall, mit denen nicht jeder zu tun haben wollte. Nach dem Brand ist der Kontakt noch intensiver geworden, Weber kommt regelmäßig vorbei und schaut, ob sie etwas brauchen. Die beiden Männer, um die es hier geht, haben im katholischen Pfarrhaus ein Quartier gefunden. Für den dritten wurde ein Bauwagen beschafft, der vierte wohnt oft bei seiner Freundin. Zum fünften haben sie keinen Kontakt, er soll abgeschirmt in einem Stift liegen.

Ein Zimmer für zwei Leute. Die Couchen kann man zum Schlafen ausziehen, dann füllen sie fast den ganzen Raum. Ein Tisch mit zwei Stühlen, Schränkchen, Fernseher und Kühlschrank, etwas Hausrat, auch das passt noch hinein. Gebrauchte Sachen, die sie mit Hilfe der Spenden kaufen konnten. Im Eingang ein Schrank, darin verbergen sich eine Kochplatte und eine Spüle. Alles ist sehr ordentlich und aufgeräumt. Wie läuft es, wenn man täglich so eng aufeinander hockt? "Wenn man nicht trinkt, geht das", sagen sie. Alkohol hat in ihrem Leben eine große Rolle gespielt, das ist vorbei, aber er hat sie krank gemacht. Der Jüngere muss mit der Diagnose Leberzirrhose zurechtkommen. Seit ihm das der Arzt vor fünf Jahren mitteilte, trinkt der 47-Jährige nicht mehr. "Keinen Tropfen." Brigitte Weber bestätigt das. Früher schaffte er als Straßenbauer, aber das ist lange her. 13 Jahre lang wohnte er unten am Isarweg. Der Ältere konnte nicht mehr als Maler arbeiten, ständige Schwindelanfälle machten es unmöglich, auf der Leiter zu stehen. Er hat mit Polyneuropathie und den damit einhergehenden Nervenschädigungen zu kämpfen, er musste das Gehen wieder lernen. "Nach dem Krankenhaus vor drei Jahren wollte ich nicht mehr mit dem Saufen anfangen", erzählt er. "Mein Leben lang hab' ich getrunken, um lustig zu sein, aber dann hab' ich gemerkt, dass ich das auch ohne Alkohol sein kann." Der 56-Jährige muss lachen, weil ihm einfällt, dass es in der Brandnacht jemand gut meinte und ihm auf den Schock ein Bier anbot. Er hat es ausgeschlagen. Es ist den zwei trockenen Alkoholikern nicht immer leicht gefallen, Nein zum Schnaps zu sagen, wenn die übrigen Mitbewohner in der Reitschule alle zechten. Umso mehr sind sie in den "zig Jahren", in denen sie sich kennen, zusammengerückt. "Wir vertragen uns, wir sind wie Brüder."

Zwei Tote, ein schwer Verletzter und ein geschätzter Sachschaden in Höhe von mehreren 100000 Euro waren die Bilanz des verheerenden Brandes der Reithalle in Icking in der Nacht zum 23. Juli.

(Foto: Manfred Neubauer)

Brüder, die sich aber doch wünschen, dass sie der Enge entkommen und jeder eine eigene kleine Wohnung beziehen kann. Zwar plant die Gemeinde, Wohncontainer am Bauhof-Gelände für sie aufstellen. Das geht aber nicht von heute auf morgen, da erst der Flächennutzungsplan geändert werden muss.

Die Ickinger haben viel geholfen, doch die Spenden sind jetzt aufgebraucht. Die zwei haben gelernt, mit wenig auszukommen, sie haben ihren Stolz und würden ihre Situation nie bejammern. Doch mit dem bisschen Rente und der Sozialhilfe kommen sie nicht weit, schon weil sie sich ab und zu eine Fahrkarte zur Familie kaufen wollen. Der eine möchte zur Mutter nach Böblingen, der andere zu seiner Tochter nach München und den Enkeln etwas mitbringen. Es wäre daher ihr großer Wunsch, sich statt immer dem billigen Eintopf aus der Konservendose frisches Gemüse und gutes Fleisch leisten zu können, mal eine gesunde Orange und ein ordentliches Brot zu essen. "Einmal quer durch den Supermarkt einkaufen, das wäre schön." Auch für die anderen beiden ehemaligen Mitbewohner stehen Lebensmittel ganz oben auf der Liste.

Die Nacht vom 23. Juli, die können sie nicht vergessen. Der Ältere versucht, pragmatisch damit umzugehen. "Es hilft nichts, man muss es so nehmen, wie es ist." Der Jüngere kommt schlechter damit zurecht. Ihn verfolgen die Erinnerungen. Die Gedanken, sie kommen immer wieder und kreisen im Kopf, bis er schmerzt. "Da sind Menschen verbrannt, die wir lange kannten", sagt er und wird ganz leise.