Unsicherer hat die Corona-Krise insbesondere den Schulalltag gemacht. Im Frühjahr fiel der persönliche Unterricht in den Bildungseinrichtungen wochenlang aus. Mit den neuen Ausgangsbeschränkungen soll jetzt wieder der Wechselunterricht kommen - eine Woche zu Hause, eine in der Schule. Selbst leistungsstarke Schüler an Gymnasien und Realschulen müssen sich darauf erst einmal einstellen. Viel zu wenig wird für Horst Niegel aber über die Jugendlichen geredet, die sich in der Schule schwer tun. "Was mich betrübt: Mit die größten Verlierer sind die Schülerinnen und Schüler an den Mittelschulen."
Der Verein "Arbeit für Jugend", dessen Vorsitzender Niegel ist, hilft Mittelschülern mit schlechteren Noten, ihren Abschluss zu schaffen und so größere Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu haben. An einen reinen Digitalunterricht von zu Hause aus sei für viele von ihnen kaum zu denken, sagt er. Oftmals fehlt es im Elternhaus an der technischen Ausstattung. Einen eigenen Laptop gibt es nicht. Manchmal wollen Vater und Mutter ihren aber auch dem Kind nicht geben - oder es existiert erst gar kein Internet, wie Niegel schildert. Zudem sind durch die Covid-19-Pandemie die Wissenslücken größer geworden. Daher hat der Verein "Arbeit für Jugend" für dieses Schuljahr zwei besondere Projekte organisiert, um Mittelschülern zu einem Abschluss zu verhelfen.
Zum Schuljahresbeginn im September hat eines dieser Projekte in der Wolfratshauser Wohnungseinrichtung der Stiftung "Jonas Better Place" begonnen. Im Haus lebt derzeit ein Dutzend Jugendlicher mit Flucht- und Migrationserfahrungen. Zwei Bewohner werden mit Hilfe des Vereins "Arbeit für Jugend" bis zu den Abschlussprüfungen im kommenden Jahr begleitet. Sie haben im Vorjahr die neunte Jahrgangsstufe der Wolfratshauser Mittelschule in Waldram besucht. Dort gehen auch zwei Mädchen aus dem früheren Jugoslawien in den Unterricht, die in demselben Projekt unterstützt werden.
Das Übungsprogramm ist umfangreich. Sechs Tage die Woche gibt es Unterricht, nur sonntags nicht. Von Mathematik über Deutsch bis zur Übung von Bewerbungen oder Vorstellungsgesprächen ist alles dabei. Dafür organisiert der Verein "Arbeit für Jugend" ein ganzes Betreuungsteam. Direkt finanziert wird eine Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache. Einer der ehrenamtlichen Coaches des Vereins hilft im Fach Mathematik. Eine Lehrkraft der Waldramer Mittelschule und deren Schwester komplettieren das Unterstützerquartett.
Auch Niegel selbst nennt das Vorhaben "anspruchsvoll". Die beiden Jugendlichen aus der Wohngruppe besuchten vormittags die Berufsschule in Bad Tölz und lernten dann noch nachmittags für die externen Quali-Prüfungen der Mittelschule im kommenden Jahr, erklärt er. Nicht zu vergessen sei dabei, dass die Jugendlichen womöglich auf der Flucht bis Europa traumatische Erfahrungen gemacht hätten, so Niegel. Das belaste zusätzlich.
Womöglich sind drei der ursprünglich fünf jungen Männer deshalb aus dem Projekt wieder abgesprungen. Bei den zwei verbliebenen habe er ein gutes Bauchgefühl, dass sie die Abschlussprüfungen der Mittelschule erfolgreich bestehen könnten, berichtet Niegel. "Wir wären überglücklich, wenn die beiden Jungs das schaffen würden." Wenn das gelänge, könnten beide sehr stolz auf sich sein, weil sie dann wirklich etwas erreicht hätten, sagt Niegel. Dem Ziel eines guten Ausbildungsplatzes wären sie dann wesentlich näher gekommen.
Gerade im Frühjahr hat die Pandemie bei manchen Jugendlichen Wissenslücken vertieft, weil die Schulen wochenlang geschlossen waren. Nur mit Fernunterricht sei das kaum auszugleichen gewesen, sagt Niegel. Daher hat sich die Geretsrieder Mittelschule an den Verein "Arbeit für Jugend" gewandt, um schwächere Jugendliche im Fach Mathematik zu unterstützen. "Wir wollen versuchen, dass das möglichst intensiv geht und sehr individuell", erklärt Niegel. Daher finanziert sein Verein für den zusätzlichen Vertiefungsunterricht in Mathematik einen Nachhilfelehrer.
Jeweils eine Stunde an den Tagen von Montag bis Mittwoch wiederholt dieser mit Schülern je einer der drei Regelklassen den Wochenstoff. Insgesamt sind es laut Niegel etwas mehr als ein Dutzend junge Leute. "Es ist ein Ergänzungskurs für die jeweilige Klasse", sagt er. So könnten individuelle Fragen beantwortet und Verständnisprobleme geklärt werden. Mit dem Nachhilfelehrer arbeite der Verein "Arbeit für Jugend" schon lange zusammen. Wichtig sei auch der enge Kontakt mit den Klassenlehrern.
So wie die Pandemie den Alltag der Schüler durchgewirbelt hat, sind auch die übrigen Aktivitäten von "Arbeit für Jugend" durcheinandergebracht worden. Die Zahl der für den Verein ehrenamtlich tätigen Coaches sei stark gesunken, sagt Niegel. Von knapp 40 seien aktuell nur noch um die 15 übrig geblieben. Überwiegend habe sich die Generation 60 plus engagiert. "Einige haben entsprechende Gesundheitsrisiken", berichtet Niegel. Die Ausgangsbeschränkungen infolge der Pandemie hätten viele verunsichert. Manche hätten das auch zum Anlass genommen nach vielen Jahren Engagement ganz aufzuhören.
Kurz vor der Jahrtausendwende hatte die Wolfratshauserin Ilse Nitzsche den Verein "Arbeit für Jugend" gegründet. 2011 wurde Niegel Vorsitzender. Für den Verein, so sagt er, bedeute die Pandemie einen großen Umbruch. "Wir brauchen definitiv wieder mehr Coaches." Denn auch wenn die meisten, die sich engagierten, bereits mehr als 50 Jahre alt seien, lebe der Verein vom Nachwuchs.