Dass er offenbar schon länger auf dem Balkon steht und beharrlich der Winterkälte trotzt, liegt daran, dass er den Besuch sehnsüchtig erwartet. Schon von Weitem winkt er freundlich, und ist sichtlich aufgeregt, als er schließlich die Türe öffnet: "Zu mir kommt sonst ja nie jemand", erklärt Alexios D. (Name geändert). "Ich habe nie Besuch, schön, schön, dass Sie kommen."
Viel herzeigen kann der 73-Jährige allerdings nicht: Hinter der Türe gibt es nur einen winzigen, kahlen Raum, auf dessen Fensterbrett ein Wasserkocher, ein halbes Brot, eine Tasse und Besteck gruppiert sind, am Boden finden sich noch ein paar Teller, säuberlich gestapelt. Eine Küche, die keine ist, weil sie nicht eingerichtet ist. Links daneben eine kleine, fensterlose Toilette, und dann der eigentliche Raum, in dem sich fast das ganze Leben von Alexios D. abspielt: Wenige Quadratmeter, in denen ein altes, durchgelegenes Bett steht, ein Fernseher, ein Tisch mit zwei Stühlen, auf dem sich die Medikamentenschachteln stapeln. Der kleine Balkon, der sich noch anschließt, er ist für ihn neben dem Fernseher das Fenster zur Welt. Und die bietet nicht mehr die Ausblicke, die er sich doch so sehr wünschen würde.
Dabei hatte er so viele Hoffnungen und Träume, als er jung war, wie er erzählt. Aus einer großen griechischen Familie stammt er, doch das Geld war immer knapp. Weshalb er auch nicht lange in die Schule gegangen ist - stattdessen sollte er zu Hause mit anpacken, in der kleinen Landwirtschaft seiner Eltern. Doch Alexios D. hatte Großes vor: Er wollte Fußballer werden. Und zwar nicht irgendeiner, sondern ein richtig großer, in einem der Clubs, die auf der Weltbühne spielen. Als er 19 Jahre alt ist, nimmt er all seinen Mut und sein bisschen Erspartes zusammen und macht sich auf den Weg nach Deutschland.

Doch mit der ganz großen Karriere als Fußballer sollte es nicht klappen. Als sich der Traum zerschlägt, wechselt er in die Gastronomie. Doch auch hier geht nicht alles reibungslos. "Ich habe das 20 Jahre lang gemacht, aber es war nicht immer leicht", erzählt er. Denn weil er nicht sehr gut lesen und schreiben kann, überlässt er die Buchhaltung anderen - und wird prompt bestohlen. "Es waren schlechte Jahre, viel Ärger", sagt Alexios D., stoppt kurz und sucht nach den richtigen Worten und nach der Antwort, ob er tatsächlich mehr erzählen oder lieber vergessen will. "Es waren Gauner, ausgerechnet jene Leute, mit denen man zusammen etwas schaffen will, und dann so was." Er habe sich, beschreibt er nach einer kleinen Pause, zwar über Wasser halten können, aber der große Schock sollte erst noch kommen.
Als er vor acht Jahren in Rente gehen will, rächt es sich, dass er nicht vorsorgen hat können: Gerade einmal 311 Euro erhält D. monatlich und muss allein schon für die Miete aufstocken. "Ich spare - ich spare, wo ich kann", sagt er. Doch das Problem: Seine Sozialwohnung hat keine Küche, keinen Herd, keine Spüle. Außer seinem Wasserkocher, mit dem er sich Tütensuppen heißmacht und ab und an seinen geliebten Kaffee, hat er keine Möglichkeiten, sich etwas Richtiges zu kochen. Doch eine halbwegs ausgewogene Ernährung, sie wäre so wichtig. Zumal ihn erst kürzlich eine schwere Diagnose ereilt hat, von der die vielen Medikamentenschachteln auf dem Tisch zeugen. Alexios D. hat Lungenkrebs.
Die erste Chemotherapie hat er hinter sich, in diesem Monat muss er noch die zusätzlichen Bestrahlungen durchstehen. "Müde, immer müde", sagt der 73-Jährige, und kämpft mit den Tränen, als er sein Leben reflektiert. "Früher dachte ich, das Leben wird es schon richten. Aber es ist alles anders gekommen als ich dachte." Zu hoffen, zu träumen - das wagt er schon lange nicht mehr. Und doch gibt es da diese leise Sehnsucht auf etwas Gutes, das ihm wieder Hoffnung geben könnte. "Gesundheit, das ist alles, das ist das Wichtigste. Das weiß man, wenn man es nicht mehr hat", ist ihm klar. Dass er wieder gesunden könnte? Die Chance gibt es, doch für Alexios D. ist das eine Hoffnung, die gerade schwer zu haben ist. "Woran soll man die denn auch festmachen", seufzt er. Vielleicht an den Lebensumständen: ein anständiges Bett, eine kleine Küche, in der er für sich sorgen kann. "Das wäre ein Traum", sagt er mit großen Augen. Zumindest für diesen Moment huscht ein scheues Lächeln über sein graues Gesicht.