SZ-Adventskalender:Krank durch jahrelangen Stress

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SZ-Adventskalender: Traurige Eltern - trauriges Kind? Die Anlagen für eine Depression finden sich schon in den Genen. Man kann aber viel dafür tun, dass sie nicht ausbricht.

Traurige Eltern - trauriges Kind? Die Anlagen für eine Depression finden sich schon in den Genen. Man kann aber viel dafür tun, dass sie nicht ausbricht.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Martina S. und ihr Sohn müssen von 450 Euro im Monat leben

Von Petra Schneider

Das Leben kostet Martina S. (Name geändert) viel Kraft - die ihr oft fehlt. Die 47-Jährige leidet seit Jahren unter physischen und psychischen Problemen: Sie hat ein chronisches Erschöpfungssyndrom, muss sich immer wieder ausruhen, um weitermachen zu können. Chronische Muskelschmerzen plagen sie, ihr Rücken macht ihr zu schaffen, sie kann sich kaum bücken. Sie hat einen Schwerbehindertenausweis, mehr als 13 Stunden pro Woche kann die gelernte Bürokauffrau nicht in ihrem Job an einer Grundschule arbeiten.

Versucht hat sie es: Weil sie dringend ein neues Auto brauchte, habe sie im Sommer aushilfsweise an einer Tankstelle gearbeitet, erzählt die 47-Jährige, "aber das habe ich nicht lange geschafft". Ihre Tochter, die eine Ausbildung macht, ist inzwischen ausgezogen. Sie hat Bafög beantragt, und S. gibt ihr das Kindergeld. Für sich selbst und ihren 17-jährigen Sohn, der noch in die Schule geht, bleiben 450 Euro im Monat zum Leben: für Lebensmittel, Sprit, Kleidung, Schulsachen, Medikamente. "Wenn etwas kaputt geht, kann ich mir nicht einmal kleine Sachen leisten", sagt S. Kürzlich hatte sie einen Auffahrunfall - 4500 Euro Schaden. Die Selbstbeteiligung von 300 Euro ist für sie eine Katastrophe. Ganz zu schweigen von den Zahnarztkosten, die auf sie zukommen, weil sich unter einem Implantat Bakterien angesiedelt haben und die Krankenkasse die Behandlung nicht übernimmt. In ihrem Leben sei "rundherum Stress", sagt S. Jahrelanger Stress, der sie krank gemacht habe.

Mit 16 Jahren lernte sie ihren ersten Mann kennen, die Tochter wurde geboren, zwei Jahre später der Sohn. Die Ehe zerbrach, weil ihr Mann trank. Wenn der Handwerker von der Arbeit nach Hause kam, sei er in den Keller gegangen und habe getrunken. Der Kühlschrank sei voller Bier gewesen, die Tochter habe er sogar mit in die Kneipe genommen. Als es immer schlimmer wurde, habe sie sich von dem alkoholkranken Ehemann getrennt. Beide lernten neue Partner kennen: Ihr Ex-Mann zog mit seiner neuen Lebensgefährtin, einer Alkoholikerin, zusammen. "Die beiden wollten mir die Kinder wegnehmen, damit sie das Kindergeld bekommen", so S. Ihre Tochter zog schließlich zum Vater und dessen Lebensgefährtin, Unterhalt für den Sohn zahlte er daraufhin nicht mehr. Im Vorjahr habe er die Tochter rausgeschmissen, die Lebensgefährtin sei gestorben, ihr Ex-Mann lebe auf der Straße. Wo, das wisse sie nicht. S. lernte einen 19 Jahre älteren Mann kennen, aber auch diese Ehe ging nicht gut. Elf Jahre waren die beiden zusammen, im Oktober ist er ausgezogen. Auch diese Trennung war nicht einvernehmlich. "Lieber zahle ich die Miete alleine, als dass ich Geld von ihm nehme", sagt S. Hartz IV möchte sie nicht beantragen. Sie will versuchen, eine volle Erwerbsminderungsrente zu bekommen.

Auch an den Kindern sind die Jahre mit dem alkoholkranken Vater und die Streitereien mit dem neuen Mann der Mutter nicht spurlos vorüber gegangen. Ihre Tochter hat ADHS, leidet unter Depressionen und musste einige Monate in eine psychiatrische Klinik. Der Sohn hat eine soziale Phobie. Die Anwesenheit vieler Menschen löst bei ihm Panikattacken aus. Er nehme deshalb jeden Morgen schon den Bus um halb sieben, weil der nicht so voll sei. Nach der Schule geht er von Gaißach zu Fuß bis zu ihrer Wohnung nach Bad Heilbrunn. Er bräuchte ein neues Bett und Kommoden, "weil seine alten Möbel auseinander fallen", sagt S. Sie würde sich einen kabellosen Staubsauger wünschen, weil sie sich wegen ihres Rückens kaum bücken kann. Auch an Haushaltsgeräten fehlt es: Topf, Pfanne, Wäschekorb, Kaffeemaschine, eine Lampe, ein Wäschekorb. Für S. reicht es nur für das Nötigste.

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