SZ-Adventskalender Kampf nach der Flucht

Eine junge Nigerianerin muss mit ansehen, wie ihr Vater Opfer eines Attentats wird. Während sie um ihr Leben läuft, wird sie schwanger, doch das Kind kommt schwer behindert zur Welt. Der SZ-Adventskalender will helfen.

Von Claudia Koestler

Es ist eine Szene, wie man sie eigentlich nur aus Filmen kennt. Doch für Luisa F. (Name geändert) wurde es real, und zu einem wahren Albtraum, den sie beschreibt: Auf offener Straße habe ihr Vater bemerkt, dass sie beide auf dem Nachhauseweg verfolgt wurden. In dem Gewusel der Straßen sah sie, wie einer der Männer eine Pistole zückte. Trotz dutzender Zeugen und mitten im Tageslicht zielte der Mann auf ihren Vater, drückte ab - und verletzte ihn tödlich. "Es war ein politisches Attentat", sagt Luisa F. heute. Ihr Vater sei öffentlich für seine liberalen Überzeugungen eingetreten und deshalb zwischen die Fronten verfeindeter politischer Lager geraten. Während die junge Frau ihrem Vater zu Hilfe eilen wollte, hätte sich ihr Blick mit dem des Auftragsmörders gekreuzt. "Irgendjemand zog mich in dem Moment weg und schrie, ich solle laufen, laufen", erinnert sich die Mitte 20-Jährige. Denn nicht nur hatte sie den Mörder ihres Vaters erkannt. Auch er wusste, wer sie war, wo sie lebte. Seit diesem Tag ist Luisa F. auf der Flucht. "Ich bin um mein Leben gelaufen", sagt sie.

Doch ein Happy End ist für die junge Frau aus Nigeria nicht in Sicht. Zunächst wollte Luisa zu Verwandten im eigenen Land fliehen, doch schnell war ihr klar, auch dort würde sie nicht sicher sein. Mit so gut wie keinem Gepäck lief sie weiter, fuhr auf Lastwagen und Zügen bis über die Staatsgrenzen, immer weiter. Den Blick permanent über die Schulter gerichtet: "Ich wusste ja, die Mörder meines Vaters sind gut vernetzt, sicher fühlt man sich nie." Luisa F. kam auf ihrer Flucht in Libyen an, ohne Geld, ohne Kontakte, ohne Wissen, wie es nun für sie weitergehen sollte. Irgendjemand erzählte ihr von Unterkünften und von den Möglichkeiten, etwas Geld zu verdienen - doch für Luisa ging das Martyrium weiter. Als Frau alleine fühlte sie sich in dem ihr fremden Land wie Freiwild - und das Gefühl wurde brutale Realität. "Viele Männer dort dachten, alle Frauen sind Prostituierte. Sie haben sich einfach die Frauen genommen." Luisa spricht von Vergewaltigungen und stockt immer wieder mitten in den Erzählungen. "Eine sehr schlimme Zeit", fügt sie an, das Sprechen darüber fällt ihr sichtlich schwer. Nur so viel: Luisa F. wurde schwanger, "aber einen Vater hat das Kind nicht", sagt sie mit Nachdruck.

Schon während der Schwangerschaft bemerkt sie, etwas stimmt nicht. "Ich wurde krank, sehr krank". Sie fühlte sich alleine, als Getriebene, hatte nur einen Gedanken: es nach Europa zu schaffen, vielleicht kann man ihr dort helfen. Ihr, aber auch dem Kind. Luisa F. bestieg eines der vielen Schlauchboote, die von der libyschen Küste nach Italien treiben. Die Überfahrt dauerte Tage, ohne Wasser, ohne Nahrung, ehe sie gerettet werden konnten. Von Sizilien aus ging es für die Hochschwangere zunächst nach Genua, bevor sie nach Deutschland ausreisen konnte. Dort brachte sie schließlich einen Jungen zur Welt.

Auf einem Schlauchboot ähnlich wie diesem überquerte die schwangere Luisa F. das Mittelmeer von Libyen nach Italien.

(Foto: dpa)

Dieser aber leidet von Geburt an unter schwersten Behinderungen, vor allem unter einer schweren Hirnschädigung. Dadurch hat der Bub zusätzlich epileptische Anfälle. "Die Ärzte dachten, er würde sofort sterben", weiß Barbara Waibl, Familienkoordinatorin bei der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München. Dort wird der Junge seit seiner Geburt palliativ betreut. Denn obwohl er so schwer behindert auf die Welt kam, hat er sich bisher schon zwei Jahre lang durchgekämpft. Eine Hoffnung auf Besserung oder gar ein selbständiges Leben gibt es für ihn jedoch nicht. Aber das Palliativteam des Kinderhospizes kämpft darum, dass es ihm wenigstens in der verbleibenden Zeit so gut wie möglich geht.

"Er kann nicht selbständig sitzen, nicht einmal lachen", sagt Luisa F. Viermal am Tag benötigt der Bub Medikamente. Zweimal im Monat darf die Mutter ihn mit zu sich in ihr neues Zuhause im Landkreis nehmen, damit er zumindest ein bisschen Familienleben erlebt. "Aber das grundsätzliche Abschiednehmen von dem Kind ist natürlich ein Prozess, der dauert, und der viel Kraft braucht", weiß Waibl. Zumal sich Luisa F. nicht nur mit diesem Gedanken tragen muss, sondern sich zugleich auch alleine in ihrem neuen Leben in einem anderen Land, einer anderen Kultur zurecht finden muss. Inzwischen ist ihr Asylantrag anerkannt, doch sie muss noch daran arbeiten, anzukommen und die für sie fremde Sprache lernen. Ein Fahrrad mit Anhänger, das wäre für sie in dem ganzen Albtraum, den sie durchlitten hat, ein kleiner Hoffnungsschimmer. "Dann wäre ich mobiler, ich könnte zum Sprachkurs fahren und zum Einkaufen", sagt sie. Ein kleiner Schritt in das, was die junge Mutter seit vielen Jahren nicht mehr kennt: Normalität.