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SZ-Adventskalender:Harter Alltag nach Burn-out

Ein alleinerziehender Vater sorgt für drei kleine Kinder. Persönliche Verluste und finanzielle Sorgen belasten die Familie.

Von Claudia Koestler, Bad Tölz-Wolfratshausen

"Es ist mir wirklich unangenehm, ja peinlich", sagt Roland F.. Und der großgewachsene Mann mit der tiefen Stimme, der Anfang 50 ist, wird dabei ganz leise. Dass er nun um Hilfe bitten muss, quält ihn. Denn eigentlich ist es ja schon seit vielen Jahren anders herum: Roland F. hilft anderen, vor allem seiner Familie. Seit mehr als zehn Jahren kümmert er sich nun schon um die drei jüngsten Kinder aus seiner inzwischen geschiedenen Ehe. Ein viertes Kind - das älteste - starb mit gerade einmal zwei Jahren an einem angeborenen, nicht behandelbaren Herzfehler, noch bevor es ein Spenderherz erhalten konnte. Als der Tragödie aber drei gesunde Kinder folgten, schien es für das Paar und vor allem für Roland F. wieder aufwärts zu gehen. Auch deshalb, weil die Mutter kurz nach der Geburt wieder arbeiten gehen wollte. Doch als sie einen anderen Mann kennenlernte, verließ sie kurzerhand die Familie und ließ auch die drei Kinder zurück beim Vater. Seither ist er alleinerziehend und versucht, seinem Nachwuchs eine behütete Kindheit und Jugend zu bieten, trotz aller Schwierigkeiten und trotz allen Trennungsschmerzes.

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Das jedoch forderte all seine Kräfte: Als ausgebildeter Handwerker arbeitete er zwar wegen der Kinder in Teilzeit, übernahm aber die Nachtschichten, um tagsüber ganz für die Kleinen da sein zu können. Dann starb zunächst sein Bruder, und 2017 auch noch seine Mutter. "Das war ein absoluter Schock", sagt Roland F. Denn ihr Tod kam gänzlich unerwartet. Seine Tante hatte sich den Oberschenkel bei einem Unfall gesplittert, seine Mutter wollte sie deshalb im Krankenhaus besuchen, kam dort aber nie an. Als die Familie zu Hause nachsah, fanden sie sie leblos vor, weil aus ungeklärten Gründen ihre Aorta gerissen war.

"Meine Mama fehlt an allen Ecken und Enden, als Vertrauensperson, als Ratgeberin, als Stütze", erzählt Roland F. Dazu kamen permanente Geldsorgen, weil er mit seiner Teilzeitarbeit nicht genug für die Familie verdienen konnte. "Man ist nur am Schieben, am Schauen, was geht und was nicht, und man versucht obendrein ja auch, seine Sorgen vor den Kindern geheim zu halten - man will ja stark sein für sie". In einer Vater-Kind-Kur versuchte er zusammen mit den Kindern, die Trauer zu bewältigen. Doch kaum wieder zuhause, fiel er erst recht in ein Loch. Die Diagnose: Burn-out. "Es war, als ob jemand mir den Boden unter den Füßen weggezogen hätte", erzählt er.

Der Weg in eine psychosomatische Klinik half Roland F. Inzwischen geht es dem Vater und Handwerker besser. Seine Arbeit konnte er wieder aufnehmen und zurückkehren in eine gewisse Normalität. Doch die knappe Finanzlage ist geblieben, und so trifft ihn eine Zahnarztrechnung für den jüngsten Sohn hart: "Die Kasse übernimmt die Kosten der Behandlung, aber nicht die Narkose." Knapp 300 Euro, für Roland F. vor allem im Moment viel Geld. Und eine echte Überwindung: "Aber manchmal muss man einfach um Hilfe bitten. Es nicht zu tun macht es ja auch nicht besser."

© SZ vom 08.01.2020

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