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SZ-Adventskalender:Handgriffe für ein würdiges Leben

Die Leiterin der Wolfratshauser Obdachlosenhilfe Ines Lobenstein hat immer wieder mit Menschen zu tun, die von Umzügen überfordert sind. Nun will sie ein Team gründen, das beim Ankommen im neuen Zuhause hilft.

Als Leiterin der Caritas-Wohnungslosenhilfe in Wolfratshausen hat Ines Lobenstein einen schwierigen Job. Schließlich muss sie in einem hart umkämpften und daher überteuerten Immobilienmarkt immer wieder adäquate und bezahlbare Wohnungen suchen - für die, die es in der Gesellschaft nicht einfach haben. Dass sie für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten und Suchtproblematiken oder für anerkannte Asylbewerber überhaupt etwas in Wolfratshausen findet, grenzt oft genug an ein Wunder und ist nur ihrem hartnäckigen Einsatz zu verdanken. Mit der Vermittlung einer Wohnung aber hört ihre Arbeit nicht auf. Denn für viele ihrer Klienten stellen der Umzug und das Ankommen im neuen Zuhause Probleme dar, die sie allein nicht lösen können.

Zum Beispiel bei der Küche. Die ist auch in Sozialwohnungen in der Regel nicht vorhanden und muss eigens besorgt und eingebaut werden. Ein Phänomen in Deutschland, das Lobenstein nicht ganz nachvollziehen kann. In der Schweiz etwa würden Wohnungen grundsätzlich mit einer gewissen Grundausstattung vermietet, sagt sie. Die aber müsse sich der Mieter hier selbst beschaffen. Normalerweise heißt das: Man sucht eine gebrauchte im Internet, holt sie ab und organisiert Handwerker oder Freunde, die beim Einbau und Anschluss der Geräte helfen. Viele ihrer Klienten könnten das alles nicht. "Wir haben ganz viele Menschen, die arm an sozialen Kontakten sind, schlecht selber planen können und mit den neuen Medien nicht vertraut sind", sagt Lobenstein. "Die kann ich nicht allein lassen und sagen: Jetzt hast Du eine Wohnung, setz' dich doch auf den Fußboden."

Lobenstein berichtet von einer Frau mit geistiger Behinderung, die nun aus der Sauerlacher Straße 15 ausziehen müsse und selbst von Kleinigkeiten wie Möbelkauf oder dem Anbringen einer Lampe völlig überfordert sei. Und von einem Mann, der einen Schlaganfall gehabt habe und nun aus der Obdachlosenunterkunft in Eurasburg in eine Wohnung ziehe. "Er traut sich nicht, bei Bekannten um Hilfe für den Umzug zu fragen, weil er selbst nicht mehr helfen kann", sagt Lobenstein. Also habe sie seinen alten Freundeskreis aktiviert, mit anzupacken.

Für eine junge Familie, anerkannte Asylbewerber mit einem Kleinkind, hatte Lobenstein eine Zweizimmerwohnung in der Stadt und über ebay-Kleinanzeigen auch eine passende Küche gefunden. Um den Elektroherd anzuschließen, brauchten sie jedoch Hilfe. Also startete die 53-Jährige einen Aufruf auf Facebook. Der erste Kommentator postete darunter einen Link aus den Gelben Seiten zu Elektrikern in Wolfratshausen, über den Lobenstein nur müde lächeln kann. Denn abgesehen davon, dass die Kosten für die Familie trotz des festen Jobs des Vaters kaum bezahlbar seien: Für die meisten Handwerker seien solche Kleinigkeiten angesichts der Auftragslage uninteressant, kurzfristig sei kaum jemand zu bekommen, sagt Lobenstein. Ihr Aufruf erhielt jedoch viel positive Resonanz in den 40 Kommentaren. Schließlich fand sich ein Elektrikermeister, der sich bereit erklärte, den Herd gebührenfrei anzuschließen.

Solche Fälle machen Lobenstein und ihrem Team jedoch viel zusätzliche Arbeit. "Wir haben gemerkt, dass das bei uns sehr viele Ressourcen bindet", sagt die Caritas-leiterin, die neben ihren Beruf auch Vorsitzende des Wolfratshauser Asyl-Helferkreises ist. Immer wieder gebe es Menschen, die alt und vereinsamt seien oder ein Handicap hätten. "Die sitzen vor mir und wissen gar nicht, wie sie den nächsten Schritt machen sollen, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können", sagt Lobenstein. "Ich sehe Not und möchte helfen können. Aber ich bin die Frau am Schreibtisch und kann das eigentlich gar nicht leisten."

Deswegen will die Caritas-Leiterin nun eine Gruppe gründen, die hilfsbedürftigen Menschen beim Umzug und beim Einbau von Küchen, Lampen und anderen Geräten hilft. Sie stellt sich eine Art "mobilen Umzugsservice" vor, ehrenamtlich organisiert mit einem Team von handwerklich begabten Freiwilligen, die bereit sind, kleinere Anschlüsse und Installationen durchzuführen. Organisiert werden soll das Team von einem Ehrenamtlichen, der Lust darauf hat, das Ganze in die Hand zu nehmen. "Ich suche einen Kümmerer mit Herzblut", sagt Lobenstein. Der müsse weder handwerklich besonders geschickt noch besonders stark sein, erklärt sie. "Aber er muss die ganze Logistik dahinter verstehen und sie organisieren wollen." Für das Team sucht sie Menschen, die anpacken wollen und das nötige Know-How mitbringen, etwa Elektriker oder Installateure, die einen Herd oder einen Wasserhahn anschließen können. Wichtig wäre auch ein Transporter, mit dem man im Bedarf Möbel und Geräte abholen kann. Unterstützt werde die Truppe von Helfern aus dem "Repair-Café" sowie von Asylbewerbern, die beim Tragen helfen.

Das "mobile Umzugsteam" soll nach Lobensteins Plan als neues Ressort dem Nachbarschaftshilfeverein "Bürger für Bürger" zugeordnet werden, der von ihrem Mann Peter geleitet wird. Damit wären alle Helfer versichert, erklärt die 53-Jährige. Sorgen vor Haftungsfragen brauche niemand zu haben: Anschlüsse von Geräten würden von befugten Meistern abgenommen.

Um die Arbeit zu vereinfachen, will Lobenstein hochwertiges Werkzeug anschaffen, das die Helfer zuverlässig verwenden können. In den Koffer sollen etwa ein Bohrer, ein Akkuschrauber und alles, was für elektrische Anschlüsse nötig ist. "Es muss natürlich den Sicherheitsstandards entsprechen. Und es sollte gutes Material sein, das nicht kaputt geht." Dazu soll auch mindestens eine stabile Sackkarre, mit der man Geräte oder Möbel transportieren kann. Dieser Grundstock an Material vereinfache die Hilfe, erklärt Lobenstein. "Das Werkzeug muss dann nicht mehr extra organisiert werden."

Die Gruppe soll nur denen helfen, die es wirklich nötig haben, betont die Wolfratshauserin. Das könne etwa auch eine alleinerziehende Mutter sein, die einen Schrank aufbauen müsse. Das mobile Umzugs-Team solle aber nicht die bestehende Dienstleistungsbörse ersetzen und eine billige Alternative für Bürger werden, die auch einen Handwerker beauftragen könnten. Etwa vier, fünfmal pro Jahr wären die Helfer wohl gefragt. Für ihre Einsätze könnten sie eine Aufwandsentschädigung von etwa zehn Euro pro Stunde erhalten.

Die Caritas-Leiterin hofft, dass sich bald die Richtigen bei ihr melden. Dann könne das neue Team bald allen Bedürftigen mit ein paar Handgriffen zu einer Grundausstattung verhelfen, die eigentlich selbstverständlich sei, um ein ordentliches Leben im neuen Zuhause zu führen. "So ein mobiler Umzugsservice wäre ein Traum", sagt Lobenstein. "Dann wäre diese Stadt wieder ein Stück menschlicher."

Wer den mobilen Umzugsservice organisieren oder mithelfen möchte, kann sich unter Telefon 08171/29859 an Ines Lobenstein wenden .

© SZ vom 07.12.2019
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