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SZ-Adventskalender:Einer für alle

Basteln und Malen gehören genauso zum Angebot des integrativen Horts wie Toben und sich Ausruhen. Die Kinder entscheiden weitgehend selbst, wann sie was tun. Es gibt aber auch klare Regeln, etwa jene, dass Hausaufgaben bis halb drei Uhr erledigt sein müssen.

(Foto: Ralf Gerard; Kinder- und Jugendförderverein/oh)

Im integrativen Hort in Wolfratshausen finden Kinder Freiheit und Offenheit, aber auch klare Strukturen. Jetzt plant die Einrichtung einen Spielplatz mit Seilbahn und Baumhaus im Garten der evangelischen Kirche.

Es hat Wochen und Monate gedauert, bis der achtjährige Sebastian (Namen geändert) sich im Hort so gezeigt hat, wie seine Mutter ihn kennt: Dem Jungen platzt schon mal der Kragen, dann schimpft er seinen Ärger aus sich raus - und zieht sich zurück. Sebastian hat es nicht leicht in seinem jungen Leben. Von Klein auf leidet er an Allergien und Asthma. Er hat Entwicklungsdefizite und motorische Einschränkungen, erst seit Kurzem kann er zum Beispiel hüpfen. Klettern? Das wäre eine Herausforderung, meint Hort-Leiterin Maria Harrer. Aber eine, die ihn weiterbringen würde. Und eine, die sich stellen könnte, wenn der integrative Hort des Kinder- und Jugendfördervereins Wolfratshausen sein nächstes Projekt verwirklichen kann: einen Spielplatz mit Baumhaus, Bauwagen, Seilrutsche und Sprossenwand im Garten der evangelischen Kirche Wolfratshausen, einer wunderbaren grünen Lunge inmitten der Stadt.

Große Offenheit und Freiheit, klare Strukturen und Grenzen: Das ist das Spannungsfeld, in dem Kinder des integrativen Horts spielen, lernen, essen, toben oder sich ausruhen. Und eben dies scheint der Grund zu sein für Aussagen wie diese: "Mein Sohn liebt das hier. Für ihn ist der Hort das Wichtigste", sagt die Mutter des siebenjährigen Alexander, der mit der Diagnose Dyskalkulie in die Einrichtung kam. "Der Hort ist sein zweites Zuhause", sagt Sebastians Mutter. Und dass er hier genau das finde, was er brauche: "Einen festen Freund, gute Bezugspersonen und gute Strukturen."

Siebzig Kinder zwischen sechs und zehn Jahren besuchen den Hort an der Bahnhofstraße, hinter dem Stadtarchiv. Fünf Plätze sind sogenannten I-Kindern vorbehalten, also jenen, die mit einer Diagnose kommen, wie Angststörung oder Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Bindungsstörung oder Legasthenie, und die einer besonderen Förderung bedürfen. Das "I" steht für Integration. Die Extraportion Förderung aber scheint wie nebenbei zu geschehen. Natürlich stecken in Wirklichkeit konzeptionelle Überlegungen und ausgefeilte Methoden dahinter. Aber die Kinder fallen in der Gesamtheit nicht auf, sie werden nicht herausgestellt, fühlen sich vielmehr wie eines von allen. "Hier ist so ein bunt gemischter Haufen", sagt Sebastians Mutter, das sei doch gerade das Schöne: "Es ist jedes Kind anders." Und dazu gehört auch, dass die Hälfte von ihnen migrantische Wurzeln hat; ihre Familien kommen aus Syrien, aus dem Irak oder Iran, aus Vietnam, Indien, Brasilien.

Zur Förderung gibt es zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung unterschiedlicher Art. In einem Raum sitzen sieben Kinder mit Kopfhörern auf den Ohren. Die sollen ablenkende Außengeräusche ausblenden und so die Konzentration erleichtern. In einem anderen Zimmer geht eine Erzieherin mit nur zwei Kindern die Hausaufgaben durch. Die beiden tun sich schwerer damit als andere, die winzige Gruppe macht es ihnen einfacher. Für Kinder wie Alexander gibt es die kybernetische Methode. Denn wer eine Rechenschwäche hat, lernt nicht einfach zwei plus zwei ist vier und hat dafür nach einigem Üben ein Gespür. Er muss eigene Strategien entwickeln. Die Kybernetik vermittelt das Rechnen über Bewegung und körperliche Wahrnehmung. "Er liebt das", sagt Alexanders Mutter. Denn er mache hier eine neue Erfahrung: Die speziell dafür ausgebildete Erzieherin korrigiere ihn nicht unentwegt, sondern lobe ihn für das, was er schafft. "Und dann hat sie auch noch Zeit, ihm Geschichten zu erzählen."

Zeit und Raum sind wichtig in diesem Hort, der von 11.15 bis 17.30 Uhr geöffnet hat. Die meisten Kinder, die nach ihrem individuellen Schulschluss herkommen, dürfen selbst entscheiden, wann sie welchen der "drei Bausteine" erledigen, erklärt die Leiterin: Mittagessen, Spielen, Hausaufgaben. "Sie können das eigenverantwortlich gestalten", sagt Harrer. Denn sie sollen hier auch lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen: Habe ich Hunger? Ab in den Speisesaal, wo es zwischen zwölf und halb zwei Uhr etwas Warmes zu essen gibt. Kann ich mich gerade gut konzentrieren? Dann gleich zu den Hausaufgaben, die jedenfalls bis halb drei erledigt sein müssen. Wer's bis dahin nicht geschafft hat, muss sie - manchmal zum Leidwesen der Eltern - zu Hause machen. Oder muss ich mich austoben? Dann gibt es viele Möglichkeiten: den Tanz- und den Bewegungsraum, den Höhlenbauraum, ein knallbuntes Zimmer zum Malen und Töpfern, ein "Wohnzimmer", in dem viele das gute alte "Vater-Mutter-Kind" spielen ("Der meistbesuchte Raum", wie Harrer sagt), Gruppen- und Rückzugsräume ...

Der Hort erstreckt sich über zwei Etagen, in denen die Kinder sich frei bewegen können. "Eigentlich habe ich versucht, hier ein bisschen was von dem umzusetzen, wie ich selbst aufgewachsen bin", sagt Maria Harrer. Die 27-Jährige stammt von einem Bauernhof. Ihre Kindheit war von der Freiheit des Spielens in der Natur bestimmt - mit der Einschränkung, dass sie um fünf Uhr zu Hause sein musste: "Sonst gab's schon auch mal einen Rüffel." So ähnlich sei es nun für die Hort-Kinder: "Sie haben viel Freiraum, aber gleichzeitig ist immer ein Ansprechpartner da, wenn was ist." Freiheit, so meint die Heilpädagogin und Erzieherin, habe immer auch mit Verantwortung zu tun.

Ins Freie können die Kinder natürlich auch: "Wir gehen täglich auf den Sportplatz bei der Hammerschmiedschule", sagt Harrer. Und für die neue Eisfläche an der Alten Floßlände habe sich der Hort schon jeden Tag etwas Zeit reserviert. Neu ist der Plan, einen eigenen Spielplatz zu schaffen. Dafür bietet die evangelische Kirche einen Teil ihres Gartens an. "Ich finde es wichtig", sagt Pfarrer Florian Gruber, "wenn unsere Kirche schon so einen großen Garten hat, dass er für alle, für die Gesellschaft nutzbar ist." Mittagsbetreuung und "Schulkindergarten" spielten jetzt schon dort; dem Kinder- und Jugendförderverein stelle die Kirche künftig ebenfalls einen Teil kostenlos zur Verfügung.

Die Anlage des Spielplatzes muss der Verein finanzieren, die Stadt gibt einen Zuschuss. Der SZ-Adventskalender möchte mit Hilfe der Leser ebenfalls einen Teil beitragen. Sebastians Mutter freut sich schon auf den neuen Spielplatz. Sie freut sich für ihren Sohn. Denn der, so sagt sie, komme im Hort aus sich heraus, lerne Bewegungen auszuprobieren, die er sich sonst nicht zutraue. Wenn die anderen Kinder einfach losrennen, toben, in Kürze vielleicht auch klettern und sich über die Seilrutsche schwingen, dann animiere ihn das mitzumachen. "Hier hat er die besten Vorbilder."