SZ-Adventskalender:Jähes Ende aller Pläne

Lesezeit: 2 min

Sabine R. kämpft sich nach Schlaganfall ins Leben zurück

Von Petra Schneider

Es war ein ganz normaler Tag, als das Leben von Sabine R. (Name geändert) völlig aus der Bahn geriet. An jenem 29. September 2013 kommt die damals 30-Jährige aus der Dusche, sie will einen Schluck trinken. Plötzlich fühlt sie sich so unwohl wie nie zuvor in ihrem Leben. "Oh Gott, was ist jetzt", habe sie gedacht. Ihre rechte Seite ist taub, sie hat kein Gefühl mehr in Arm und Bein. Sie kann nicht mehr sprechen, sich nicht bewegen. Ihr damaliger Freund, der Epileptiker ist, will keinen Rettungswagen rufen. "Wir schaffen das alleine", habe er gesagt. Ein fataler Fehler, denn die Ärzte in der Klinik diagnostizieren später einen Schlaganfall.

Viel Zeit verstreicht, irgendwann kommen doch Sanitäter und fahren sie in die Klinik Großhadern. Dort wird ein Pfropfen in der Leiste festgestellt, der gewandert ist. Eine Woche ist sie dort, dann wird sie ins Schwabinger Krankenhaus verlegt, bleibt dort bis Februar 2014, dann drei Monate Reha in Füssen. Sie muss alles wieder lernen: gehen, sprechen, essen. Ein Jahr lebt sie in der Tölzer Rehaklinik Neurokom, danach drei Jahre in einer betreuten Wohngemeinschaft. R. ist Kinderpflegerin, arbeitete in einer Kita in München. Sie liebt ihren Beruf, war immer gesund. In ihrer Freizeit ging sie schwimmen, hatte einen Freund, wollte eine Familie gründen. Die Krankheit setzte allen Plänen ein jähes Ende.

Ihr Freund trennte sich ein halbes Jahr später, ihren Beruf kann sie kaum mehr ausüben: Der rechte Arm ist spastisch, das rechte Bein macht Probleme. Sie hat Wortfindungsstörungen. Durch den Schlaganfall wurde bei ihr Rheuma ausgelöst und eine Autoimmunerkrankung, die das Bindegewebe betrifft. Seit 2018 lebt sie alleine mit ihrem Kater in einem kleinen Appartement. Sie hat sich mühsam zurück ins Leben gekämpft. "Ich bin positiv aufgelegt", sagt die 38-Jährige. Man müsse positiv bleiben, auch wenn das nicht immer leicht falle. Sie geht regelmäßig zur Logopädie, jede Woche ist Ergo- und Physiotherapie. Sie macht Übungen zuhause, kann sogar wieder schwimmen, obwohl ihre rechte Seite oft "komische Geschichten macht".

Zwei Jahre nach dem Schlaganfall hat sie wieder in der Kita in München angefangen, wo sie früher war; nur ein paar Stunden in der Woche. Nach drei Jahren hat sie aufgehört: Die Fahrt mit dem Zug nach München, zwei Stunden bis zur Arbeit hin, zwei Stunden zurück, bei jedem Wetter - "das wollte ich nicht mehr." Ein Jahr war sie in einem Kindergarten in Bad Tölz, aber dort sei sie nicht glücklich gewesen. "Ich musste immer nur putzen und durfte nichts mit den Kindern machen." Aber wie soll man mit nur einem gesunden Arm putzen oder Wäsche falten? "Die Leute da wussten nicht, wie meine Situation ist", sagt sie bitter.

Seit kurzem hat sie einen ehrenamtlichen Job, der ihr viel Freude macht: Einen Tag in der Woche betreut sie im BRK-Mehrgenerationenhaus in Tölz einen neunjährigen Buben. Vollzeit wird sie nie mehr arbeiten können: Sie ist zu 90 Prozent schwerbehindert und hat Pflegestufe eins. Sie bezieht Erwerbsunfähigkeitsrente und lebt vom Ersparten. In ihrer Wohnung kommt sie zurecht, würde sich aber wünschen, dass die Küche behindertengerecht umgestaltet wird, damit es für sie mit ihren Spastiken einfacher wird, in dem kleinen Raum zu hantieren. Die Unterschränke müssten erneuert werden, auch ein neues Bett wäre schön, sagt R., "weil meines kaputt ist." Wenn man sie nach ihren Wünschen für die Zukunft fragt, muss sie überlegen. Ein Job und eine Familie, sagt die 38-Jährige dann. "Das wäre schön."

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