Süddeutsche Zeitung

SZ-Adventskalender:Angst vor jeder Bewegung

Der 55-jährige Max W. leidet an Ataxie

Das Leben wird nicht gerade einfach, wenn der eigene Körper nicht mehr das macht, was man möchte. Wenn Ärzte nicht genau wissen, woran es liegt. Und wenn das Kranksein alles verändert. Diese Erfahrung musste Max W. (Name geändert) machen. Der 55-Jährige leidet an Ataxie. Der Begriff "Ataxie" beschreibt verschiedene Störungen der Bewegungskoordination und Gleichgewichtsregulation. Es gibt einige neurologische Krankheiten, bei denen Ataxie ein Symptom ist wie etwa Multiple Sklerose. Für Max W. ist das inzwischen einerlei. Eigentlich wolle er gar nicht wissen, an welcher Form von Ataxie er erkrankt ist. Für ihn zählt nur eines: "Ich wäre der reichste Mensch, wenn ich nur wieder gesund wäre."

Vor etwa sieben Jahren merkte der 55-Jährige, dass sein Körper nicht mehr richtig funktioniert. Er sei hingefallen, die Beine gehorchten ihm nicht mehr. Damit einher ging eine wachsende Unsicherheit, weil Max W. nie wusste, wann er wieder fallen würde. Vor allem unebener Boden bereitet ihm große Schwierigkeiten. Heute, so erzählt er, habe er Angst, wenn er etwa zur Mülltonne gehen muss. Sprechen falle ihm schwer, besonders, wenn er aufgeregt sei. Oder kochen. Früher kein Thema. Doch nun fielen ihm Töpfe und anderes einfach aus den Händen. Eine Stunde in der Küche ziehe drei Stunden putzen nach sich. "Da macht die Psyche irgendwann nicht mehr mit." Zu den körperlichen Problemen kamen die seelischen.

Max W. hat das Metzgerhandwerk erlernt, arbeitete in verschiedenen Berufen und besaß ein eigenes Bagger-Unternehmen. Er war sportlich sehr aktiv, immer mit dem Fahrrad unterwegs. "7000 Kilometer im Jahr", sagt er. Immer habe er alles übertreiben müssen - beruflich, privat und mit seiner Gesundheit. Seine Ehen scheiterten. Als er nicht mehr auf dem Bau arbeiten konnte, ließ er sich zum Altenpfleger umschulen. Eine Arbeit, die ihm viel Freude bereitet habe, aber eben auch nicht auf Dauer.

Heute lebt Max W. von der Sozialhilfe. Seine kleine Wohnung ist überschaubar eingerichtet. Er habe sich von vielem getrennt. "Ich brauche nur meine Bücher", sagt er. Bücher über Ataxien. Den Ärzten mag er nicht mehr recht trauen. Die verschriebenen Medikamente hätten so viele Nebenwirkungen. Max W. sucht nach alternativen Behandlungen im Internet. Seine Ergebnisse möchte er den Medizinern zeigen. "Vielleicht geht was." Bislang nutzt er für seiner Recherchen sein Handy. Aber wegen seiner Bewegungsstörungen ist das kleine Gerät schwer für ihn zu bedienen. Max W. wünscht sich ein Notebook - auch um besser in Kontakt mit der Außenwelt bleiben zu können.

Doch sein größter Wunsch ist es, ins Freie zu gehen und Ausflüge unternehmen zu können. Dafür ist er auf eine Gehhilfe angewiesen, die man ihm bei einem Reha-Aufenthalt zur Verfügung gestellt hat. Leider stellt die Zuzahlung für den Rollator, der geländegängig ist, Max W. vor Probleme. Er hat schlichtweg das Geld dafür nicht.

"Ich möchte noch was zerreißen", sagt der 55-Jährige. Er betont, er habe sein Leben doch eigentlich noch vor sich. Auch wenn er nicht mehr viel besitze, so sei dies nicht schlimm. Einst habe er gedacht, er sei etwas Besonderes, nun habe er erkannt, dass er doch nur ein Mensch sei, erklärt er ohne eine Spur von Verbitterung und fügt hinzu: "Es ist gut so, wie es ist."

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Quelle:
SZ vom 29.12.2016
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