Die Bundesstraße 307 am Sylvensteinspeicher ist kurvenreich, bietet ein prächtiges Bergpanorama hoch über der Wasserlinie und einen perfekten Platz zur Rast an der Dammmauer. Deshalb hat sich die Strecke ganz im Süden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen zu einem der zentralen Treffpunkte der Motorradszene aus dem Großraum München und Österreich entwickelt. Das gilt erst recht, seit die beliebten Passstraßen am Kesselberg und am Sudelfeld in den Sommermonaten für Motorräder einseitig gesperrt sind. Gleichzeitig häufen sich im Gebiet katastrophale Unfälle. Im Jahr 2025 verunglückten drei Motorradfahrer tödlich.
Zwar versucht die Polizei, die Raser mit Kontrollen auszubremsen. Doch deren Erfolg bleibt begrenzt. „Wir sind fast jede Woche hinten, um zu kontrollieren“, sagt Simon Lätsch. An der kurvenreichen Strecke eine Messstelle einzurichten oder die Leute direkt anzuhalten, sei aber „gar nicht so ohne“, weiß der Beamte, der bei der Tölzer Polizeiinspektion für Verkehrsthemen zuständig ist. Einen Standort zu finden, von dem aus die Polizisten die Motorradfahrer mit der Radarpistole erfassen könnten, sei schwierig.
Außerdem warnen sich die Raser laut Lätsch schnell gegenseitig über Whatsapp-Kontakte, sobald die Beamten am Sylvensteinspeicher kontrollieren. Seien die Polizisten auf der Strecke Richtung Fall im Einsatz, seien laute Motorengeräusche auf dem Abschnitt nach Osten Richtung Tegernsee zu hören – und umgekehrt.
Diese Art Katz-und-Maus-Spiel wird für die Einsatzkräfte zunehmend problematisch. Im Jahr 2025 klagte der Kommandant der kleinen Feuerwehr aus Fall über die vielen Unfälle, die sein Team stark beanspruchen und belasten. 2026 setzt sich die Serie fort. Der Tölzer Polizist Lätsch schildert einen Unfall, bei dem ein Motorradfahrer laut Zeugenaussage mit stark überhöhter Geschwindigkeit von 150 bis 170 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sei, bevor er gestürzt sei. „Der hat die Kurve nicht mehr gekriegt.“
Das seit einiger Zeit geltende Limit von Tempo 50 auf dem Streckenast zwischen dem Damm des Sylvensteinspeichers und der Faller Klamm-Brücke ist ein erster Versuch, der Probleme Herr zu werden. Über weitere, etwa bauliche Maßnahmen zur Geschwindigkeitsbeschränkung, berate die örtliche Unfallkommission, sagt Lätsch. In diesem Gremium tauschen sich Vertreter der Polizei, der Straßenverkehrsbehörde und des Baulastträgers aus, um Unfallursachen zu bewerten.
Doch erst, wenn ein sogenannter Unfallhäufungsschwerpunkt definiert ist, ist eine detailliertere Prüfung rechtlich vorgesehen. Damit es dazu kommt, müssen in einem längeren Zeitraum mehrere schwere Unfälle auf einer bestimmten Streckenlänge passiert sein. Am Sylvensteinspeicher sei der Zeitraum dafür noch zu kurz, sagt Lätsch.

Vorerst wird es also allein bei den Geschwindigkeitskontrollen bleiben. Die fänden auch auf den zuführenden Straßen statt, an denen die Anwohner insbesondere unter dem Lärm litten, berichtet Lätsch. Für Motorradfahrer sei das Gebiet rund um den Sylvensteinspeicher ein „absoluter Hotspot“, sagt der Verkehrsexperte der Tölzer Polizei. Viele Motorräder hätten Kennzeichen aus dem Großraum München und aus Österreich. Weil im südlichen Nachbarland oft schärfere Lärmschutzwerte gelten würden, seien die grenznahen Strecken am Sylvensteinspeicher als Ausweichziele attraktiv, sagt Lätsch.
In Österreich ist zudem das Instrument der sogenannten Section Control in Verwendung. Dieses System erfasst das Durchschnittstempo der Verkehrsteilnehmer über eine längere Strecke an zwei Messpunkten. Ist es zu hoch, löst eine Kamera aus. Mit dem Foto von Kennzeichen und Fahrer lassen sich so Bußgeldverfahren einleiten.
In Deutschland gilt die Fahrerhaftung, geblitzt wird nur von vorne
Das funktioniert aber nur, weil in Österreich gilt, dass der Halter des Fahrzeugs bei Verstößen haftet. Daher wird von hinten geblitzt. So ist auch bei Motorrädern das Kennzeichen zu erkennen. In Deutschland gilt dagegen das Prinzip der Fahrerhaftung. Es wird von vorne geblitzt, bei Zweirädern werden damit keine Kennzeichen erfasst. Durch das Helmvisier wird es für die Polizei zusätzlich schwierig, den Fahrer zu identifizieren, falls dieser nicht sofort gestoppt wird.
Schon im Dezember 2025 hatte daher der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Florian Streibl, gefordert, die Section Control auch in Deutschland einzusetzen. Dafür müsste allerdings der Bund tätig werden und rechtliche Vorgaben ändern. „Solange der Bund nicht bereit ist, den Datenschutz pragmatischer auszugestalten, sind die Behörden vor Ort leider auch weiterhin gezwungen, auf konventionelle Geschwindigkeitsüberwachungen zu setzen“, stellt Streibl sechs Monate später nochmals klar.
Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist die Anzahl der bei Unfällen getöteten Motorradfahrer zwischen 2024 und 2025 von einem auf vier gestiegen. Drei kamen im Gebiet des Sylvensteinspeichers ums Leben. Vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd heißt es, dass Beamte insbesondere während der Motorradsaison verstärkte Kontrollen und Präventionsmaßnahmen unter dem Schwerpunkt Zweiradsicherheit ausführen. „Ein besonderer Fokus liegt auf beliebten Landstraßen, so auch im Bereich des Sylvensteinstausees“, sagt ein Sprecher. Einige Strecken im Zuständigkeitsbereich, darunter auch solche im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, hätten sich seit Längerem zu überregional bekannten und beliebten Motorradrouten entwickelt.

