bedeckt München 15°
vgwortpixel

Sylvensteinspeicher:Lebensversicherung für das Isartal

Die fünfjährige Modernisierung ist beendet. Jetzt reicht die Wand des Staudamms 70 Meter tief - die größte in Deutschland. Das alte Dorf Fall ist wieder in den Fluten verschwunden.

Für München hätte es vor drei Jahren schlimm kommen können. Tagelang hatte es im Juni geregnet, die Flüsse und Bäche schwollen in atemberaubendem Tempo an. Im bayerischen Umweltministerium blickte man gespannt auf den Sylvensteinspeicher und fragte sich, wie viel Wasser der Stausee noch aufnehmen könne. Hätte seine Kapazität damals nicht ausgereicht, wäre der Marienplatz in München einen halben Meter unter Wasser gestanden, meint Marcel Huber (CSU), damals Umweltminister und heute Chef der Staatskanzlei. Die Schäden von bayernweit 1,3 Milliarden Euro durch das Hochwasser 2013 wäre noch erheblich höher ausgefallen. "Verhindert wurde dies, weil hier rechtzeitig das Richtige gemacht wurde", sagte Huber am Mittwoch bei der Abschlussfeier der fünfjährigen Modernisierungsarbeiten am Sylvensteindamm.

Die Talsperre erhielt eine neue Dichtwand im Dammkern, die eine Besonderheit ist: Mit 70 Metern ist diese Zwei-Phasen-Schlitzwand die tiefste von allen Talsperren in Deutschland. Ein Neuheit ist auch der 180 Meter lange Kontrollgang, für den erst einmal ein 90 Meter langer und 5,2 Meter breiter Zugangsstollen am Fuß der Sylvensteinwand in den Fels gebohrt werden musste. Der Gang ist weltweit der erste, der nachträglich in ein Dammbauwerk eingefügt wurde. Von dort aus können Bohrungen und Messungen vorgenommen werden, um die Dammdichtung zu prüfen. Zwischen Schlitzwand und Kontrollgang wurden 54 Drainagepfähle bis in etwa 41 Meter Tiefe getrieben, die das Sickerwasser erfassen und messen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 54 Millionen Euro. Eine ganz eigenständige Maßnahme war den Winter über die Revision des Grundablassstollens, weswegen das Wasser des Sees abgelassen wurde und das alte Dorf Fall wieder zum Vorschein kam.

Den Abschluss der Arbeiten bezeichnete die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) als "Hochfest des Wasserbaus". Der Sylvensteinspeicher sei gerade auch für München "eine große Lebensversicherung", sagte sie. Mit der Modernisierung, die nach fast 60 Jahren Betrieb notwendig wurde, biete er nun Hightech: "Hinter uns liegen Baumaßnahmen, die in der Zukunft liegen könnten." Ähnlich äußerte sich Huber. Er sprach von einem technischen Meisterwerk, an dem man erkennen könne, dass "echte Profis am Werk" waren: "Wir weihen hier keine Tiefgarage ein, sie haben Großartiges geleistet und Technikgeschichte geschrieben." Für Huber hätte es noch einen besseren Ort gegeben als das weiße Festzelt zu Füßen des Damms, um die Arbeiten zu würdigen. "Diese Feier müsste auf dem Marienplatz in München stattfinden", sagte er. Denn was der Sylvensteinspeicher für sie bedeute, "wissen die Münchner nicht".

Als der Stausee in den 50er-Jahren angelegt wurde, verschwand das alte Fall. Die Bewohner musste ins neue Fall ziehen. Eine solche Umsiedlung wäre heute mit großen Problemen verbunden, meinte der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl (CSU). In den vergangenen 60 Jahren habe sich der Gemeinderat immer wieder kritisch mit dem Sylvensteinspeicher auseinandergesetzt, ob es nun um eine geplante Dammerhöhung, eine Hochwasserentlastungsanlage oder negative Folgen für die Natur ging. Eines sei aber klar, so Weindl: "Man kann mit Fug und Recht sagen, es ist sehr gut, dass es den Speicher gibt." Mit der Modernisierung habe der Freistaat übrigens dafür gesorgt, dass die Gemeinde neben den Skistars des SC Lenggries noch mit etwas anderem für sich werben könne, so Weindl: Sie habe "die tiefste Schlitzwand Deutschlands im Talstellenbereich". Das sei zwar ein sperriger Begriff, aber Marketingexperten könnten "mit göttlicher Eingebung" daraus ja was machen.

Neben dem Hochwasserschutz hat der Speicher eine zweite wichtige Funktion: Bei Trockenheit füllt er die Isar auf. Das hob Landrat Josef Niedermaier (FW) hervor. Er erinnerte an die Zeit, als der Fluss in Bad Tölz mitunter bloß aus Pfützen bestand. Auf alten Fotos seiner Schwiegereltern, die an der Isar wohnten, hat er auch die Folgen von Überschwemmungen gesehen, die regelmäßig im Frühjahr auftraten. Die alten Häuser, so der Landrat, seien so gebaut, dass das Wasser rein und wieder raus fließen könne. Bei modernen Gebäuden ist das nicht so. "Die Unterlieger sind nicht mehr darauf eingerichtet, dass Hochwasser kommt." Dank des Sylvensteinspeichers, den Niedermaier als "Lebensgefühl bei uns im Oberland" bezeichnete.

© SZ vom 12.05.2016
Zur SZ-Startseite