Wie viele Fische im Sylvensteinsee der Hitze zum Opfer gefallen sind, kann Michael März nicht sagen. „Aber gerettet haben wir schon vier- bis fünftausend.“ Seit Tagen zieht der Vorsitzende des Fischereivereins Lenggries mit Gleichgesinnten immer wieder los, um mit Keschern vor allem Jungfische aus den kleinen Tümpeln zu bergen, die sich in der wachsenden Uferzone bilden. Der Wasserstand des Speichersees sinkt seit Wochen. Derzeit liegt er 5,7 Meter unter der normalen Sommerstauhöhe.
Während ausgewachsene Fische die Tiefe suchten, versteckten sich Jungfische gerne im Flachwasser, erklärt März. Ein abgeschnittenes Wasserloch könne jedoch schnell zu einer tödlichen Falle werden. Neben Barschen, Schleien, Weißfischen und Hechten quartieren März und seine Männer auch Edelkrebse um. „Solange der Wasserspiegel fällt, sind wir im Einsatz“, sagt er. Der See verändere sich fast jeden Tag. Gewitter und kurze Regengüsse brächten keine Entspannung, sondern erschwerten die Arbeit. Dann verwandle sich die Mond- in eine Schlammlandschaft. „Und dann kommen wir mit unserem Gerät nicht dort hin, wo wir hin wollen.“ Spielt sich am Sylvenstein gerade eine ökologische Tragödie ab?


Keineswegs, sagt Tobias Lang vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim. „Wir leben hier im Paradies.“ Die meisten Tiere könnten gerettet werden. Und unterhalb des Speichersees profitierten Fische wie Fischer von der Speicherbewirtschaftung. Um das zu erkennen, müsse man nicht einmal nach Griechenland, Rumänien, Spanien oder Frankreich schauen. Es reiche ein Blick auf heimische Flüsse, die anders als die Isar „nicht bezuschusst“ werden könnten. Der Sylvensteinsee schrumpft gerade deshalb zusammen, weil seit April mehr Wasser aus ihm abgelassen wird als in ihn hineinfließt. Ansonsten wäre die Isar schon zu einem Rinnsal verkommen, erklärt Lang.
Dass es für die Fische an der Isar heuer alles andere als schlecht läuft, bestätigt Tobias Ruff von der Fachberatung für Fischerei beim Bezirk Oberbayern. „Die Isar hat zwar weniger Wasser als gewöhnlich um diese Zeit, aber es fließt auch viel weniger Dreck hinein als in regenreichen Jahren“, sagt er. Sowohl die Temperatur als auch die Wasserqualität seien in Ordnung.

Bedrohte Fischarten wie Huchen und Äschen profitierten vor allem davon, dass es zur Laichzeit im Frühjahr kein Hochwasser gegeben habe. „Denen geht es richtig gut.“ In der Gegend um Bad Tölz gebe es bayernweit die größten Bestände. „Das ist ein richtig starker Jahrgang.“
Beste Bedingungen finden derzeit auch viele Vögel am Wasser vor. „Nach einem Hungerfrühjahr ist der Tisch reich gedeckt“, sagt Ruff. Während Reiher in den Pfützen des Sylvensteins noch Fische aufsammeln, die März und seinen Männern entgangen sind, knabbern Möwen, Krähen und Flussuferläufer eifrig Muscheln, Schnecken und Insekten. Um deren Bestände müsse man sich keine Sorgen machen, erklärt Ruff. Sie seien an Einbrüche gewohnt und hätten eine kurze Generationenfolge. „Die erholen sich schnell.“
Leer wird der Sylvensteinspeicher nach Auskunft des Wasserwirtschaftsamts nicht laufen. Eine Mindestwassermenge werde man im See halten. Tobias Lang geht davon aus, die Sommermonate mit dem erprobten Niedrigwassermanagement überbrücken zu können. „Ich denke, dass wir bis Oktober durchhalten werden.“

