Sucheinsatz für Pflegehündin Klara, wo bist du?

Tagelang streunt das junge Tier bei zweistelligen Minusgraden am Lenggrieser Kalvarienberg umher. Dann wird ein niedersächsischer Hundeflüsterer zu Hilfe gerufen.

Von Felicitas Amler

Genau 15 Kilometer ist Imogen Pach am Samstag vor einer Woche durch den Schnee gestapft. Sie weiß es deswegen so präzise, weil sie ein Smartphone mit Schrittzähler hat. Es war einer dieser Tage, an denen das Thermometer auf minus 16 Grad gesunken war. Vom Nachmittag bis Mitternacht ging die 53-jährige Lenggrieserin immer wieder hinaus in die eisige Kälte, bahnte sich Wege durch teils kniehohen Schnee. Vergeblich. Klara war weg. Die kleine, verängstigte, erst acht Monate alte schwarze Mischlingshündin aus Kroatien war, kaum in der Pflegestelle angekommen, abgehauen. Und es sollte weitere fünf eisige Tage dauern, bis sie wohlbehalten im Wohnzimmer der Familie Pach auf dem Hundekissen lag. An der Rettung war ein Profi beteiligt, für dessen Handwerk es gar keine Berufsbezeichnung gibt: Heino Krannich aus Niedersachsen - ein Hundefänger im besten Sinn des Wortes.

Klara ist einer von rund 700 Hunden, die der Münchner Verein "Streunerglück" in den vergangenen vier Jahren aus oft schrecklichen Verhältnissen in Kroatien, Bosnien und Herzegowina nach Deutschland gebracht hat. Das Team aus zwanzig Aktiven bemüht sich dort in Schulen und Kindergärten um Aufklärung über Tierschutz, organisiert Kastrationen, arbeitet mit einem kroatischen Tierheim zusammen und richtet ein "Streunerdorf" ein. Etwa alle sechs Wochen, so sagt die Zweite Vorsitzende Andrea Wiegartner, werden Hunde nach Deutschland transportiert. Immer dann, wenn es schon eine Pflegestelle gibt, von der aus sie in ein neues Zuhause vermittelt werden können.

Die kleine, ängstliche Klara ist jetzt wieder sicher in ihrer Pflegestelle.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

So hat Imogen Pach - selbst von klein auf an Hunde gewöhnt - schon mehrere Pflegehunde bei sich aufgenommen, auch ein extrem verschüchterter Hund war darunter. Sie habe also gewusst, was auf sie zukommen könnte, als es hieß, Klara sei ängstlich, sagt sie. Nach der Übergabe in München habe die Kleine im Auto eher neugierig gewirkt. Als sie in Lenggries bereitwillig mit in die Wohnung gegangen war, dachte Pach, das Tier müsste jetzt mal in den Garten. Dann: ein Moment der Unachtsamkeit. Ein Brett, das zur Absicherung an einer schmalen freien Stelle zwischen Zaun und Schuppen angebracht war, muss umgefallen sein. Weg war der Hund!

Und es begann eine Woche des Suchens und Bangens, des Wiederentdeckens und Geduldigbleibens, der Verzweiflung und Besonnenheit. Fünfeinhalb lange Tage waren das für Imogen Pach, ihre Kinder Henriette, Korbinian und Rupprecht, eine zweite Hunde-Pflegemutter und Andrea Wiegartner. Eine rasch größer werdende Facebook-Gemeinde war daran beteiligt, aufmerksame Lenggrieser Nachbarn, viele Menschen, die Tipps hatten, manche, die schimpften, wie könne man nur einen Pflegehund entwischen lassen, aber auch viele hilfreiche Tierfreunde. Darunter solche, die auf Heino Krannich verwiesen - den Mann, der für Tierparks professionell Giraffen und Löwen, Tiger und Zebras transportiert. Der sich aber auch auf Hundesicherung per Distanznarkose versteht.

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Ein Schuss aus einem Luftgewehr, wie Krannich es dafür verwendet, knallt nicht. Es macht nur kurz "pft!", dann zischt der Pfeil mit der Narkosespritze mit einem Tempo von zwölf Metern pro Sekunde durch die Luft und bohrt sich, ohne auch nur einen Bluterguss zu erzeugen, wie der Schütze betont, bestenfalls in die Schulter des Hundes. Und wenn der Einsatz weiter gut verläuft, kommt das Tier nicht weit, bis es in den rettenden Narkoseschlaf fällt. In Klaras Fall war es eine Sache von Sekunden: "Da lag sie dann im Schnee, ich habe sie hochgenommen, und dann war's geschafft", sagt Imogen Pach. Krannich, der eine bildreiche Sprache spricht, vergleicht die Streunerhunde aus dem Ausland gern mit Lottozahlen: Man wisse nie, wie es mit ihnen ausgeht. Aber Klara sei "ein absoluter Sechser" gewesen, sagt er. "Dieser Hund hat es uns extrem einfach gemacht."

Und das lag daran, dass sich Klara immer wieder zeigte - offenbar mit sich selbst im Zwiespalt: Hin zu den Menschen oder doch lieber nicht? Bald war klar, dass sie sich auf dem Lenggrieser Kalvarienberg ein Habitat, wie Krannich es nennt, geschaffen hatte. Eine günstige Lage, denn dort oben gibt es eine Scheune, Holzunterstände, den Wald, also reichlich Unterschlupf. Die kleine Hündin war schon bald dort gesehen worden, und zwei Tage nach ihrem Ausbüxen konnte die Familie Pach damit beginnen, sie dort "anzufüttern". Denn das ist der Rat, den Krannich allen Menschen gibt, die einen Ausreißer sichern wollen: Auf keinen Fall hinterherlaufen oder gar ansprechen. Vielmehr eine Futterstelle definieren. Das gelang mit Klara hervorragend. Imogen Pach legte tagelang morgens und abends alles aus, was eine Hundenase in Verzückung bringt: die schmackhaftesten Leckerli, Speck und Pansen. Und am Tag, an dem Klara endlich heimgeholt werden sollte, kochte sie den Pansen und briet den Speck, damit die Düfte noch intensiver wirken konnten.

An Klaras Rettung Rettung beteiligt waren (v.l.): Henriette, Korbinian und Imogen Pach, Andrea Wiegartner und Tanja Riedmüller.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nachdem sich der Verein Streunerglück dazu entschlossen hatte, den Profi einzuschalten, und als für die vierstellige Entlohnung auch ruck, zuck Spenden zusammengekommen waren, reiste Krannich aus 750 Kilometer Entfernung an, sondierte die Lage, machte mit großer Geduld und Umsicht einen detaillierten Plan, unterwies die Helfer und richtete sich selbst in der Scheune so ein, dass er Klaras Futterstelle im Visier hatte. Durch ein kleines Loch im Sichtschutz konnte er sehen, wie sie sich der inzwischen gut etablierten Futterstelle näherte, drückte ab, und "pft!" - gerettet.

streunerglück.de und heino-krannich.de

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