Erneuerbare Energien:Ort will unabhängig von den Großkonzernen werden

Erneuerbare Energien: Karlheinz Seim (links) und Georg Linsinger wollen die Ickinger dazu bringen, ihrem Beispiel zu folgen.

Karlheinz Seim (links) und Georg Linsinger wollen die Ickinger dazu bringen, ihrem Beispiel zu folgen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit dem Projekt "300 für Icking" soll so viel Strom und Wärme erzeugt werden, dass es zur Selbstversorgung reicht

Von Claudia Koestler

Gerade bei Strategien gegen den Klimawandel steht vor allem immer eine Frage im Raum: jeder für sich oder alle gemeinsam? Diesen Spagat wollen nun Einwohner des Isartals schaffen: Mit dem Projekt "300 für Icking" sollen Eigenheimbesitzer gewonnen werden, die bereit sind, ihr Haus so umzubauen, dass sie selbst regenerativen Strom und Wärme erzeugen und so komplett unabhängig vom Netz und damit von fossilen Energien werden. In einem späteren Schritt sollen diese Energie-Selbstversorger-Häuser sich dann zu einem Quartier zusammenschließen können, um eventuell überschüssigen Strom auch abzugeben - eine Energieerzeugergemeinschaft also. Icking soll als Leuchtturm damit auch ein Beispiel für andere Kommunen werden - wieder einmal, muss man anfügen. Denn ähnliches ist bereits mit dem Projekt "700 für Icking" geschehen, bei dem es um ein eigenes Glasfasernetz ging, das inzwischen in der Gemeinde etabliert ist.

Wie eine solch energetische Insellösung funktionieren kann, dafür gibt es in Icking bereits ein prominentes Beispiel: Norma und Karlheinz Seim haben ihr Haus nach und nach so umgebaut, dass sie ihren Bedarf an Wärme und Strom, sogar fürs Elektroauto, nahezu komplett mit erneuerbaren Energien decken - und die erzeugt das Haus zum Großteil auch noch selbst. Sie sind zu mehr als 90 Prozent energieautark, lediglich Biogas kaufen sie dazu, das allerdings immerhin inzwischen aus organischen Zuckerrübenresten gewonnen wird.

Seim spricht dabei von einer sogenannten Sektorkopplung. Das bedeutet, dass die Kraftwärmekopplung (KWK) für Warmwasser und Strom, die Photovoltaik (PV) auf dem Dach, der Stromspeicher im Keller und das E-Auto in der Garage Hand in Hand greifen, miteinander funktionieren und sich gegenseitig ergänzen. In seinem Haus, Baujahr 1990, habe er bis 2012 noch wie die meisten Strom und Erdgas sowie Benzin für das Auto gebraucht. Dann aber stand die Erneuerung der Heizung an und das Ehepaar Seim begann zu überlegen: "Das Unglück in Fukushima, der Atomausstieg und die zunehmende Umwelt- und Klimaproblematik haben uns nachdenklich gemacht und uns bestärkt, einen Beitrag zur Energiewende leisten zu wollen", erinnert sich Karlheinz Seim. Allerdings unter einer klaren Bedingung: Der Alltag im Haus durfte sich nicht verschlechtern. "Staubsauger und Waschmaschine etwa müssen jederzeit funktionieren, nicht nur, wenn wir gerade Strom erzeugen", sagt Norma Seim.

Erneuerbare Energien: Das Haus von Karlheinz Seim ist ein Kraftwerk. 30.000 Euro hat er in den Umbau investiert.

Das Haus von Karlheinz Seim ist ein Kraftwerk. 30.000 Euro hat er in den Umbau investiert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Und so begannen der IT-Experte im Ruhestand und seine Frau zu recherchieren und sich zu informieren, bis klar wurde: Es braucht eine Gesamtlösung, bei der alles ineinandergreift. Oder anders gesagt: Die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität müssen Hand in Hand gehen. Nach und nach setzten die beiden das große Puzzle zusammen: Auf dem Dach liefert heute eine Photovoltaikanlage Strom, im Keller steht eine KWK-Anlage. Darin verbergen sich eine Brennstoffzelle, ein Zusatzbrenner und ein Wasserspeicher.

In der Brennstoffzelle reagieren Wasserstoff und Sauerstoff miteinander und erzeugen dadurch Wärme und Strom, erklärt Seim. Sie ergänzt die Photovoltaik, wenn diese witterungsbedingt weniger leistet. Ein Stromspeicher bunkert die überschüssige Energie. Und seit 2014 steht ein Elektroauto in der Garage der Seims. Daneben befindet sich die Aufladestation, betrieben durch selbst erzeugten Strom. Investiert haben sie etwas mehr als 30 000 Euro, allerdings abzüglich Förderungen. Ihren Angaben zufolge haben die Einsparungen inzwischen die Investitionskosten amortisiert. Und die CO₂-Emissionen des Haushalts sind um 96 Prozent gesunken. "Wir haben auf nichts verzichten müssen, obwohl wir umgestellt haben", so Karlheinz Seim.

Erneuerbare Energien: Im Keller der Seims steht eine KWK-Anlage, über den Computer hat man alles im Blick.

Im Keller der Seims steht eine KWK-Anlage, über den Computer hat man alles im Blick.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Doch das Haus der Seims sollen eben kein Einzelbeispiel bleiben. Im Stammdatenregister für PV-Anlagen ist ersichtlich, wie viele Dächer in einer Kommune bereits eine solche installiert haben. "Dabei ist uns aufgefallen, dass es in Icking noch viel Potenzial gibt", sagt Georg Linsinger, Gemeinderat für die UBI und promovierter Biologe. Natürlich hätten sich bestimmt viele Einwohner bereits Gedanken gemacht, ob sie sich eine Solaranlage aufs Dach schrauben sollten, sagt er. Doch gemeinsam gehe mehr - und manches eben auch einfacher oder günstiger.

Diese Überlegung wurde zur Geburtsstunde der Aktion "300 für Icking". Etwa 1200 Haushalte gebe es in der Isartalgemeinde. Die Aktion solle das grundsätzliche Interesse dort bündeln. "Wir bieten dann den unverbindlichen Kontakt zu einem Generalunternehmen, das einen fairen Preis anbieten kann, vor allem aber Erfahrung hat und alles aus einer Hand anbieten kann, so dass einzelne Komponenten oder das große Ganze weniger störanfällig ist als wenn man alles selbst zusammensucht und verbinden muss", sagt Linsinger. "Wir sind keine Berater", betont er. Aber sie geben Beispiele, was möglich ist - und Kapazitäten, Leistungen und damit Investitionen seien ganz individuell auf den eigenen Bedarf ausrichtbar. Wenn sich schließlich genügend finden und auch alle dieselbe modulare Steuerung einbauten, werde es in Zukunft leichter sein, sich zusammenzuschließen. Kämen tatsächlich 300 zusammen, würde das etwa ein Fünftel des gesamten Strombedarfs in Icking decken. Zusammen mit dem, was bereits über die kommunalen Dächer dazu komme, sowie der großen, privaten Photovoltaik-Freiflächenanlage in Wadlhausen wäre Icking tatsächlich ein fast schon energieunabhängiges Dorf. Seim und Linsinger hoffen, dass sich nun viele melden. Flyer werden inzwischen in der Isartalkommune verteilt. Darauf prangt auch der Name von Linsingers politischer Wählergruppierung "UBI". "Wir nutzen zwar die UBI-Plattform, aber natürlich soll das Projekt offen für alle sein", betont er.

Mehr unter 300füricking.de

© SZ vom 31.08.2021
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