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Streit um Schäftlarner Ortsumfahrung:Unterschriften für die Flur

Schäftlarner Flur ohne Umfahrung; Hohenschäftlarn

Naherholung statt Umgehungsstraße: Laut Gemeinderatsbeschluss soll die Schäftlarner Umfahrung über Wiesen und Äcker nördlich des Ortsteils Hohenschäftlarn führen. 13 Bürger wollen die Flächen erhalten und sammeln nun Unterschriften für eine Trassenvariante durch den Wald.

(Foto: Bürgerinitiative/OH)

Anwohner und Gemeinderäte starten ein Bürgerbegehren gegen die ortsnahe Umfahrung von Hohenschäftlarn. Sie sehen darin die "größte Umwelt- und Kulturlandzerstörung" in der Geschichte der Gemeinde.

Von Katharina Schmid

Die Gegner der beschlossenen Ortsumfahrung durch die sogenannte "Flur", die als Naherholungsgebiet beliebten Spazierwege, Wiesen und Äcker nördlich von Hohenschäftlarn, formieren sich. Ihre Haltung ist deutlich: "Schäftlarn braucht eine Umfahrung", erklären sie. "Aber keine, die unsere einzigartige Landschaft zerstört." 13 Bürger, darunter fünf Gemeinderäte, und zwei Familien zeichnen für die "Initiative für Verkehrsentlastung Hohenschäftlarns bei Erhalt unserer Landschaft" verantwortlich. In den vergangenen Wochen wurden Informationsflyer an die Schäftlarner Haushalte verteilt, durch eine Unterschriftenaktion soll ein Bürgerbegehren zustande kommen. Das Ziel der Initiative: Anstatt eines Verlaufs der Umfahrung durch die Schäftlarner Flur (Variante B), soll die Trasse der Umgehungsstraße über die bereits bestehende Milchstraße in Richtung Schorn führen, um dann an der Gemeindegrenze im Wald entlang nach Osten zur B 11 zu verlaufen (Variante BI).

Mitinitiator Wolfgang Herzog kritisiert, dass die Gemeinderäte bei der Entscheidung mit 14 zu sechs Stimmen für die Variante B im Juli "blind dem Vorschlag des Staatlichen Bauamts Freising" gefolgt seien. Nur wenige Mitglieder des Gremiums - das war in der Sitzung deutlich geworden - hätten die Pläne vor der Entscheidung eingesehen. Auch daran übt Herzog scharfe Kritik. "Es geht darum, die schöne Erholungslandschaft nicht wild kaputt zu machen", benennt der Diplomingenieur das Ziel der Initiative und bemängelt, dass in den vorläufigen Plänen zur Variante B "vieles noch nicht durchdacht" sei.

Die Initiatoren kritisieren, dass die Variante B keineswegs so schnell realisiert werden könne, wie das von ihren Befürwortern "gerne behauptet" werde. Die dafür notwendigen Enteignungen von Landwirten und eine Flurbereinigung würden mindestens zehn Jahre dauern, ist Herzog überzeugt. Auch die Kostenschätzung von rund 9,4 Millionen Euro für die B-Variante werde "massiv überschritten werden", heißt es in dem Flyer. Sie berücksichtige viele Notwendigkeiten wie zusätzliche Wirtschaftswege, Lärmschutzmaßnahmen oder den Erwerb von Ausgleichsflächen nicht. Grundsätzlich gelte, dass der Erwerb von Waldgrundstücken für die Gemeinde günstiger sei als der von Flurgrundstücken. Dass die von ihr favorisierte BI-Trasse durch geschützten Bannwald führt, ist für die Initiative "kein Tabu-Thema". Es gebe zahlreiche Beispiele für die Realisierung von Projekten in Bannwäldern, etwa das nahe gelegene Gewerbegebiet Schorn. 80 Prozent der Waldbesitzer hätten sich zudem schon bereit erklärt, für die BI-Variante ein Stück ihrer Flächen zu verkaufen. Wie eine eigens vorgenommene Aufstellung der Kosten ergeben habe, dürften die Ausgaben für beide Varianten "in etwa gleich" sein, so Herzog.

Vision der ortsnahen Umfahrung von Hohenschäftlarn auf der Variante B durch die Flur.

Einschnitt mit Überführung: So könnte es einmal aussehen, wenn die Trasse B der Ortsumgehung von Hohenschäftlarn umgesetzt würde

(Foto: Bürgerinitiative/OH)

Auch das Argument, dass kürzere Ortsumfahrungen von mehr Verkehrsteilnehmern genutzt werden als längere, lassen die Initiatoren der Bürgerinitiative nicht gelten: "Bei 75 Kilometern pro Stunde Durchschnittsgeschwindigkeit braucht ein Auto 1,5 Minuten länger für die BI-Strecke." Hinzu kommt eine ganz grundsätzliche Befürchtung von Herzog und seinen Mitstreitern: Sie hegen Bedenken, dass der Bereich zwischen der ortsnahen Trasse und dem heutigen nördlichen Ortsrand "in naher Zukunft durch den Siedlungsdruck versiegelt und bebaut" werde und somit der dörfliche Charakter Schäftlarns verloren gehe. Das Landschaftsbild der nördlichen Flur werde durch die Umfahrung grundlegend verändert: gemäß der vorläufigen Planungen werde eine 550 Meter lange und sechs Meter hohe Schüttung für die Überführung der Schorner Straße nötig, die Flursenke bedinge eine 500 Meter lange Aufböschung. Die geplante Überführung über die S-Bahn erreiche eine Höhe von 5,20 Metern, jene über die Fortsetzung des Stadtwegs sogar sechs Meter. "Das ist doch Wahnsinn, wenn die Gemeinde das macht", sagt Herzog.

Am Donnerstag erklärte Herzog als Vertreter der Initiatoren der Unterschriftenaktion, dass es bereits viele "positive Rückläufe" von den Bürgern gebe. Damit ein Bürgerbegehren zustande kommt, müssen zehn Prozent der wahlberechtigten Gemeindebürger unterschreiben. Das entspricht in Schäftlarn etwa 450 Menschen. Das Begehren wird anschließend der Gemeinde vorgelegt. Der Gemeinderat entscheidet dann über dessen Zulässigkeit. Innerhalb der drei Folgemonate müsste schließlich der Bürgerentscheid durchgeführt werden.

© SZ vom 31.12.2018/aip

Reaktion des Schäftlarner Bürgermeisters
:"Verzögerung programmiert"

Der Schäftlarner Bürgermeister Matthias Ruhdorfer bezieht zu den Vorwürfen der Bürgerinitiative detailliert Stellung. Die Argumente seien "nicht neu" und häufig "nicht zu Ende gedacht".

Von Katharina Schmid

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