Streit über Abrisspläne:Durchbruch für historisches Ensemble

Das Erzbistum München-Freising rückt von seinem Vorhaben ab, das ehemalige jüdische Badehaus abzureißen - und stimmt in einer Gesprächsrunde den Plänen des Historischen Vereins zu.

Bernhard Lohr

Durchbruch in Waldram: Das historische Ensemble am Kolpingplatz bleibt erhalten. In dem ehemaligen jüdischen Badehaus des Lagers Föhrenwald soll ein Dokumentationszentrum eingerichtet werden, das an die Geschichte des Lagers erinnert. Das Badehaus soll einem Förderverein übertragen werden, der den Aufbau des Zentrums übernehmen und dieses auch betreiben soll.

Streit über Abrisspläne: In dem ehemaligen jüdischen Badehaus soll ein Dokumentationszentrum eingerichtet werden.

In dem ehemaligen jüdischen Badehaus soll ein Dokumentationszentrum eingerichtet werden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Darauf hat sich nach Aussage von Bürgermeister Helmut Forster (Bürgervereinigung) die Stadt mit Vertretern des Erzbistums München-Freising bei einem Gespräch geeinigt, das am Donnerstag unter Beteiligung des Historischen Vereins und der Siedlergemeinsaft Waldram im Rathaus stattgefunden hat.

Damit hat auf Druck aus der Wolfratshauser Bürgerschaft hin das Erzbistum sein ursprüngliches Vorhaben aufgegeben, die beiden historischen Gebäude am Kolpingplatz abzureißen, um dort Bauland zu schaffen. Mit dem Verkauf der Fläche sollte der Neubau des Spätberufenenseminars Sankt Matthias in Waldram gegenfinanziert werden. Der Historische Verein wies schließlich auf die historische Bedeutung der beiden betroffenen, aus den 30er Jahren stammenden Gebäude hin und fand mit seiner Forderung breite Unterstützung, diese zu erhalten und im Badehaus ein Dokumentationszentrum einzurichten. Die Siedlergemeinschaft schlug sich auf die Seite des Vereins und auch im Stadtrat wurden zuletzt die Forderungen immer lauter, das Ensemble nicht zu zerstören.

Ob dies gelingen würde, war bis Donnerstag völlig ungewiss. Die Vorsitzende des Historischen Vereins, Sybille Krafft, sagte im Vorfeld des Treffens im Rathaus, dass sie bei einem negativen Ausgang der Gespräche auch bereit sei, den Protest gegen einen Abriss auszuweiten. Bürgermeister Helmut Foster (Bürgervereinigung Wolfratshausen), der sich zuletzt zu den Forderungen des Historischen Vereins noch sehr bedeckt gehalten hatte, sprach am Donnerstag von einem Gespräch in sachlicher, konstruktiver Atmosphäre. Die erzielte Einigung stehe natürlich unter dem Vorbehalt, dass die zuständigen Gremien bei der Stadt und beim Erzbistum ihre Zustimmung erteilten.

Die Gründung des Trägervereins, der das Dokumentationszentrum einrichten und betreiben soll, ist nach Forsters Aussage in erster Linie eine Aufgabe für den Historischen Verein und auch die Siedlergemeinschaft. Unter anderem wurde laut Forster vereinbart, dass sich die Stadt an der Grundsanierung des Gebäudes, in dem sich das Badehaus befand, mit einem wesentlichen Betrag beteiligt. Der Verzicht auf dessen Abriss wird dem Erzbistum durch eine Änderung des Bebauungsplans schmackhaft gemacht. Wie Forster sagte, werde das Baurecht auf dem Restgrundstück erhöht. Man habe vereinbart, dass die Stadt einen Architekten beauftragen werde, einen Entwurf zu fertigen, wie der Bebauungsplan angepasst werden könne.

Das im Jahr 1955 vom Erzbistum erworbene Areal, auf dem später mit dem Spätberufenenseminar die Wohnsiedlung Waldram enstand, hatte seit den 1930er Jahren eine wechselvolle Geschichte erlebt. Erst wurde es als eine Siedlung für Beschäftigte der Sprengstofffabriken errichtet, die im Wolfratshauser Forst angelegt wurden. Vor allem Zwangsarbeiter wohnten dort.

Nach Kriegsende zogen in die Gebäude Menschen ein, die aus den Konzentrationslagern befreit worden waren. Sie fanden dort vorübergehend eine Bleibe, bevor sie ein neues Leben anfangen konnten. Viele Juden gingen von Föhrenwald aus nach Israel. In den Jahren 1946 bis 1948 lebten zeitweise bis zu 5500 Displaced Persons in dem Lager. 1956 wurde es offiziell aufgelöst, fortan kamen dort auch Heimatvertriebene unter.

© SZ vom 7.4.2012
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