Tölzer PrügelStadtstrand statt Strand

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Eröffnung des Stadtstrandes in Wolfratshausen neben dem japanischen Garten.
Eröffnung des Stadtstrandes in Wolfratshausen neben dem japanischen Garten. (Foto: Harry Wolfsbauer/Harry Wolfsbauer)

In Wolfratshausen gibt es eine Kiesfläche als neues Erholungsgelände. Damit soll "scheues Wild" angelockt werden, sprich: junge Menschen.

Glosse von Claudia Koestler

Pssst, alle mal ganz leise sein. Noch leiser. So geht schließlich eine Pirsch. Und wer jetzt noch lange genug ausharrt, erlebt vielleicht den Augenblick, auf den man da so lange still und starr seit dem Morgengrauen gewartet hat: Da, zwischen den Blättern des Bergwalds und dem Uferstreifen der Loisach, ist das nicht ... ein Exemplar von dieser Spezies ... ? Doch, ist es: ein Jugendlicher! So ungefähr muss man es sich wohl vorstellen, wenn Jugendreferenten auf ihre Klientel treffen. Schließlich wurden junge Menschen mit "scheuem Wild" bei der Eröffnung des neues Stadtstrands von Wolfratshausen verglichen.

Wer seither dort einmal vorbeigeschaut hat, am neuen Stadtstrand von Wolfratshausen, der konnte sehen: Man sieht nix. Vor allem keine Jugendlichen. Ist er also wirklich so scheu, der Iuvenis ex Wolfratshausen? Oder liegt es vielleicht daran, dass sich beim Wort Stadtstrand erst einmal Kopfkino abspielt: feinkörniger Sand, der in der Sonne glitzert, vielleicht ein paar exotische Pflanzen, bequeme Sitzgelegenheiten, Sonnenschirme, eine Bar, der Blick auf den Fluss oder die Füße gleich direkt im Wasser ... So, wie es in anderen, zugegebenermaßen größeren Städten eben angeboten wird. Und dann holt einen in Wolfratshausen die Realität ein.

Dort heißt es eher: Bonjour tristesse! Zwischen Garagen und einem Trafohäuschen erstreckt sich eine Fläche mit grobem Steinkies, an den Rändern schießt das Gras über. Fast reflexartig erwartet man alte Dosen oder Plastikschnipsel. Die gibt es zwar nicht, nur ein altes Schild hat der Wind hierher geweht. Dafür aber Paletten - deren frische Farbe und akkurate Bearbeitung immerhin darauf schließen lassen, dass sie hier nicht vergessen wurden.

Nur ein paar Schritte weiter hingegen hört man es laut kichern, juchzen, quietschen und planschen: Da balgen sich Jugendliche auf dem Sebastianisteg und hüpfen begeistert in die Loisach. Ganze Rudel sieht man dort. Und ahnt: Die angeblich so scheue Jugend, muss man nur locken, mit etwas, das Spaß macht, das einlädt, das Freude bereitet, das cool ist. Paletten alleine reichen da nicht, und eine Schotterfläche ist auch kein eroberungswürdiges Habitat.

Da wäre es ehrlicher gewesen, das ganze Projekt "statt Strand" statt "Stadtstrand" zu nennen. Wer ernsthaft glaubt, jungen Menschen damit etwas zu bieten, sollte dort barfuß wandeln, den vorherigen Satz zehnmal fehlerfrei aufsagen und sich dann auf die Jagd begeben - nach besseren Ideen.

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