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Stollhof in Deining als Leuchtturmprojekt:Pionier für gutes Leben

Der Landwirt Sebastian Köglsperger feiert 80. Geburtstag. Sein Umgang mit der Natur brachte bundesweit die Ökobewegung voran.

Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang und reicht vom Agrar-Kulturpreis bis zu Medaillen des Staatsministeriums. Doch dass Sebastian Köglsperger medial im Mittelpunkt stehen könnte, das ist ihm aber mal so gar nicht recht: "Na, bloß keine Beweihräucherung", winkt er ab. Dass Köglsperger, regionaler wie überregionaler Pionier in Sachen ökologischer Landwirtschaft, im vergangenen Monat 80 Jahre alt wurde, würde er also am liebsten für sich behalten. Wenn, ja wenn nicht jüngst die Diskussion um Glyphosateinsatz die Gesellschaft gespalten und viele Diskussionen um die Zukunft der Landwirtschaft ausgelöst hätte. "Wissen's, da ist es vielleicht ganz gut, mal zu zeigen, dass man eben auch ohne Chemie Landwirtschaft betreiben und alt werden kann - und nicht schlecht lebt, wenn es von und mit der Natur geht", sagt Sebastian Köglspergers Ehefrau Ingrid. Nur deshalb lässt sich ihr Mann auf ein Interview ein - und erzählt zum runden Geburtstag von einem Leben, das von kritischem Geist, gereiften Erkenntnissen und ethischen Grundsätzen geprägt ist, entgegen vieler Widerstände.

Der Stollhof in Deining, den Sebastian Köglsperger bis zur Übergabe 2005 an seinen Sohn Thomas mit der Familie betrieb, hat eine lange Geschichte. 1560 wurde er erstmals schriftlich erwähnt, 1750 wurde der Stollhof Familienbesitz der Köglspergers. Als Sebastian Köglsperger gerade einmal 25 Jahre alt war, übergab ihm sein Vater den Betrieb. Als er als junger Mann allerdings Anfang der 1960er Jahre seine Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister absolvierte, häuften sich die Probleme. Zur damaligen Zeit waren chemische Spritzmittel gerade en vogue, und der Stall im Lehrbetrieb wurde täglich desinfiziert. Auch giftige Mischungen, wie sich später herausstellen sollte, wurden dafür sorglos eingesetzt - etwa Xylamon, ein Holzschutzmittel, das unter anderem die heute verbotenen Wirkstoffe PCP, Lindan und DDT enthielt. "Ein Mittel, in dem die Chemie alles, was sich nicht entsorgen ließ, rein mischte", nennt das Köglsperger heute. Als junger, angehender Landwirt aber merkte er nur eines: Er entwickelte Allergien auf die verwendeten Stoffe - und begann zu zweifeln an den Lehren der Zeit. Doch nicht alleine in seiner täglichen Arbeit hatte er mit unverträglichen Stoffen zu tun: Zahnärzte füllten ihm damals die Löcher mit Amalgam. In der Folge fühlte sich der junge Köglsperger immer kränker und schlapper. Alarmzeichen, denn in seiner Familie häuften sich die frühen Todesfälle. Seine Mutter starb mit 52 Jahren, sein Vater, "eigentlich ein Mann wie ein Baum", wie sich Köglsperger erinnert, wurde nicht viel älter, auch seine Großmutter und Urgroßmutter starben viel zu früh. All das ließ den jungen Köglsperger nachdenken. Hellhörig wurde er auch, als ihm ein befreundeter Tierarzt erzählte, wie lange manche Substanzen in Tieren nachweisbar bleiben - und dass somit jene Stoffe, die man in ein Tier über Futter oder Spritze gibt, auch irgendwann auf dem Teller der Menschen landen können. Köglsperger wollte mehr wissen, informierte sich und nahm an Foren teil, in denen Professoren referierten, die bereits im Ruhestand waren - und plötzlich anders redeten als noch zu jenen Zeiten, in denen sie angestellt waren. "Da ist mir dann langsam ein Licht aufgegangen", sagt Köglsperger. 1969 heiratete er seine vier Jahre jüngere Frau Ingrid - und beiden war klar: "Wir wollen von dem Leben, was wir auf dem Hof haben, was hier von und mit der Natur produzieren können".

Sebastian Köglsperger macht vieles anders, was ihn zum Vorreiter werden ließ.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Immer mehr Wissen sammelte sich Köglsperger zusammen, suchte Gespräche mit Fachleuten und Kollegen, bis die Vision von tiergerechter Haltung konkret wurde unter dem Leitgedanken, dass jeder Organismus nur so gesund sein kann wie die Organismen, von denen er sich ernährt. 1976 stellten sie schließlich als eine der ersten Betriebe in Deutschland ganz auf organisch-biologischen Landbau um - und wurden ausgelacht. "Wir waren das Gespött vom ganzen Landkreis und die Dorfbewohner haben nicht mehr mit uns geredet", erinnert sich Ingrid Köglsperger. Natürlich sei die Umstellung auf Bio zur damaligen Zeit ein Experiment gewesen, und nicht alles habe auf Anhieb funktioniert. "Und wenn etwas falsch lief, dann machte es die Runde, sogar bis Norddeutschland hörten das die Leute". Aber sie seien eben auch ein wenig stur: "Und deshalb haben wir es durchgezogen". Einen herben Rückschlag mussten sie dennoch verkraften: 1981 schlug der Blitz in der Hofstelle ein, der folgende Großbrand vernichtet weite Teile der Gebäude. Doch Köglspergers wollten nicht aufgeben: Mit vereinten Kräften bauten sie ihren Hof wieder auf.

Dann kam Tschernobyl, und damit eine Zeitenwende für den Stollhof. Dass sie 1986 noch unbelastetes, altes Futter hatten und ihre Milch somit nicht radioaktiv belastet war, verbreitet sich unter den Bürgern wie ein Lauffeuer. "Bis zur Straße standen die Autos", erinnert sich Ingrid Köglsperger. So begann sie mit der Selbstvermarktung ihrer Milch und weiterer Produkte ihres Hofes, später eröffnete sie einen Direktvermarkter-Hofladen für Naturkost, wiederum als einer der ersten im Oberland.

Der Naturkostladen am Stollhof ist war zu, nebenan gibt es aber weiter hofeigene Produkte.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ihr achtsamer Umgang mit Tier und Natur zahlte sich aus, nicht nur durch den Zuspruch der Kunden. 1989 erhielt Köglsperger den Agrar-Kulturpreis der KLS-Stiftung, zahlreiche weitere Auszeichnungen folgen. Der Deiniger Stollhof hatte sich da längst zum Leuchtturm und zum Demonstrationsbetrieb für ökologischen Landbau gemausert.

Auf die Frage, was er denn anders mache, abgesehen vom Verzicht auf chemische Zusätze, lautet die Antwort: "alles." Rund 50 Kühe halten sie heute, ebenso viel Jungvieh, dazu Pferde und Geflügel. Ihre Tiere leben in Boxenlaufställen mit getrennten Funktionsbereichen, und sie sind ein Versuchsstall der Landtechnik Weihenstephan. Zudem bauen sie etwas Dinkel, Roggen und Kleegras an. Die Milch liefern sie an die Molkerei Scheitz, verkaufen aber auch ab Hof. Und das Heu wird mit solargewärmter Luft getrocknet. Dass artgerechte eine schöne Idee sei, die sich aber nicht rechne, das widerlege Köglsperger also, lobte die Jury der KLS-Stiftung bereits 1989. Ihr 98-Hektar-Bioland-Hof beweise, dass Milchwirtschaft auch "tiergemäß" sein könne. In einem lichten Stall haben die Kühe bis heute freien Zugang zur Lagerstätte, zum überdachten Auslauf, zur Hofkoppel und zum Futterstall. Stressfreie Kühe, die ein Herdenleben führen können, seien zudem gesünder. Der Auszeichnung der KLS-Stiftung folgten Medaillen von LBV, BN, Staatsministerium und zig weitere, doch für Köglsperger das Wichtigste: Auch ihm tat der eigene Weg gut: "Ich fühle mich heute mit 80 fitter als wie mit 30", sagt er. Sein eigenes Umdenken trug zudem Früchte: Für zahlreiche Landwirte in ganz Deutschland ist er heute noch Ratgeber und Ansprechpartner für die Umstellung, auch im eigenen Wohnort hat sich ein Wandel vollzogen: "Inzwischen haben alle Deininger Bauern bis auf zwei umgestellt", freut sich Köglsperger. Schließlich habe er sich stets gesagt, "wenn ich gehe, dann soll die Welt ein kleines bisschen besser geworden sein, nicht schlechter".

Zu verbessern bleibe aber noch viel. Wenn er sich nun zum runden Geburtstag etwas wünschen würde, dann das: "Die Welt braucht mehr Miteinand'. Von Mensch und Tier, von Mensch und Natur. Doch noch ist bei vielen die Gier zu groß, weshalb mehr Ethik gelehrt werden, Moral wieder ein Wert werden sollte - und wir alle sollten ein bisschen Bescheidenheit üben". Und wie zum Beweis, genug im Mittelpunkt gestanden zu haben, springt er auf und verabschiedet sich. Im Hof wartet schließlich schon jemand. Kein Gratulant, sondern ein interessierter Kollege, der einen Rat von Köglsperger einholen will.