Starnberger See:Klassische Eleganz

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1905 wurde das erste Wellenbad Deutschlands eröffnet. Seitdem ist Bademode ein Thema. Der neue Trend lautet: schlicht und romantisch.

Von Amelie Plitt

Schrill oder schlicht? Lässig oder luxuriös? Klassisch oder keck? Diese und andere Fragen stellen sich wohl auch dieses Jahr wieder zahlreiche Bikini-Fans, wenn sie ratlos in einem Modegeschäft vor der schier unglaublichen Auswahl an Bikinimodellen stehen und sich fragen, was man denn diesen Sommer beim Baden und Bräunen trägt. 70 Jahre gibt es ihn nun schon, den sich aus vier kleinen Dreiecken zusammensetzenden Bikini. Gerade in Starnberg, wo das "Undosa" 1905 als erstes Wellenbad eröffnete, herrscht seit jeher ein ausgeprägter Badekult, bei dem die passende Strandmode nicht fehlen darf. Da kam der Bikini den Starnberger Badenixen gerade recht.

Nach einem anfänglichen Aufschrei über die obszöne Freizügigkeit dieser knappen Bademode, etablierte sich der Zweiteiler rasant im Bewusstsein einer jeden mode- und selbstbewussten Frau. Seither kann man sich den modischen Hingucker gar nicht mehr aus dem Sommer wegdenken. "Badeanzüge sind schön, aber zum Sonnen sind Bikinis einfach die beste Variante", betont Constanze Müller, die gemeinsam mit ihrer 17-jährigen Tochter Leonie im "Undosa" am Starnberger See im schicken Bikini das schöne Wetter genießt. Früher waren die Bikinis laut Müller hochgeschnittener, heute wähle man eher ein knapper geschnittenes Modell. Tochter Leonie wendet ein, dass die sogenannten "High-Waist"-Höschen, deren Bund bis über den Bauchnabel geht, "ja gerade auch wieder in Mode kommen". Sie selbst tragen aber lieber die klassisch, eng geschnittenen Modelle, da sind sich Mutter und Tochter einig. Im frühen Sommer, so konstatiert Müller, bevorzuge sie schlichte schwarze oder weiße Modelle, sobald "man dann Farbe hat, sind leuchtende Farben toll", so die 53-Jährige. Klar wird: Knappe Schnitte und aufregende Farben sind angesagt, modischer Schnick-Schnack eher weniger.

Ein Besuch in dem Bademoden- und Unterwäschegeschäft "Louisa's" bestätigt diese Tendenz. Zu sehen sind Bikinis in ganz verschiedenen Mustern, Farben und Schnitten. Und was trägt man laut Expertin diesen Sommer? Die Inhaberin Marion Rankel erklärt, dass die "schrägen Trends, die die Hochglanzmagazine jährlich mit ihren super schlanken Models vorstellen, in der Praxis keiner kauft". Gefragt seien vielmehr die eng geschnittenen Klassiker, weniger die hippen High-Waist-Hosen, so die 46-Jährige. Besonders beliebt seien diese Saison "Streifenmuster aus hellblau und weiß, gerne auch verspielt, süß und romantisch ", stellt Rankel fest. Während die Modebranche daher bei der aktuellen Bikiniware immer weiter versucht, neue exklusive Hingucker zu erfinden und sich an Details wie Pailletten, Häkel- und Glitzerelementen oder Wendebikinis verkünstelt, scheint die Mehrheit der badebegeisterten Frauen in diesem Sommer auf die schlichten, einfachen Modelle zurückzugreifen und knüpft mit dieser klassischen Eleganz getreu dem Motto, dass weniger manchmal mehr sein kann, an die aus heutiger Sicht auffällig unaufregenden Anfänge der Bikini-Erfolgsgeschichte vor siebzig Jahren an.

Und was hat sich seither geändert? Rankel illustriert, dass sich heute vor allem die Passformen, Farben und Materialien geändert haben. Das, was die Frauen damals trugen, "würde keine mehr anziehen", da es aus heutiger Sicht "viel zu hart und unkommod ist", so die Expertin.

Constanze Müller, die neben ihrer Tochter am Steg des "Undosa" die Beine im Wasser baumeln lässt, stellt nach einem Blick auf Leonie fest, dass sie sich schon manchmal frage, ob sie einen Bikini überhaupt noch tragen könne. Sie kommt aber zu dem Schluss, dass sich im Vergleich zu früher, "heute das Körpergefühl geändert hat" und die Menschen zufriedener mit ihrem äußeren Erscheinungsbild geworden sind, sodass sie und der Bikini an einem sonnigen Seetag nach wir vor unzertrennlich sind.

Dass der Bikini ein obligatorisches Kleidungsstück des Sommers geworden ist, bestätigen auch die beiden Badegäste Helena Kaschurow und Ilona Vitovska, die aus München zum Starnberger See gefahren sind, um den sonnigen Nachmittag mit einem kühlen Cocktail auf den Liegestühlen an der Seepromenade zu verbringen. Die 27-jährige Helena lässt sich bei ihrer Bikiniauswahl von Modezeitschriften und Onlineplattformen inspirieren, sie trägt auch gerne gewagtere Modelle mit Bordüren oder geflochtenen Elementen. Abends mache sie sich gerne etwas schicker, weshalb es da "auch schon mal ein Bikini mit Pailletten sein darf", so die modebewusste Realschullehrerin.

Wo ist also der Sommertrend? Es gibt ihn schlicht nicht. Jedenfalls nicht in diesem Jahr. An dieser scheinbar einfachen Bademode, bei der man, so müsste man denken, bei einem Kauf nichts falsch machen kann, ist die Auswahl so groß wie die Geschmäcker ihrer Trägerinnen. Und die Frage nach der Bikiniwahl - ob schrill oder doch lieber schlicht - muss wohl am Ende jede Frau selbst für sich entscheiden. Viel falsch machen kann sie nicht, denn modisch ist der Bikini ja sowieso.

Das war damals, als das Starnberger Wellenbad 1905 eröffnete, noch undenkbar. Man zeigte wenig Haut, dafür viel Stoff. Der gestreifte Ganzkörper-Badeanzug gehörte zum fast schon keuschen Outfit. So ändern sich die Zeiten.

© SZ vom 12.07.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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