Der Kinderschutzbund Starnberg setzt sich seit mehr als 45 Jahren für Familien aus allen demografischen Schichten ein. Einige Tausend Kinder profitieren jährlich direkt oder indirekt von den vielfältigen Angeboten, die von der Krabbelgruppe bis zum begleiteten Umgang reichen. Einen Schwerpunkt bildet die Beratungsarbeit in unterschiedlichsten Krisensituationen. Für die pädagogische Leitung ist Geschäftsführerin Martina Rusch zuständig.
SZ: Frau Rusch, ein Kind bekommt mittags Dosen-Ravioli zu essen, die auf dem Campingkocher erhitzt werden, weil der Strom wieder einmal abgestellt wurde. Ist dies in einer Stadt wie Starnberg vorstellbar?
Martina Rusch: Absolut.
Laut dem jüngsten Unicef-Bericht sind neun Prozent der 14 Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen. Wie hoch, schätzen Sie, ist der Prozentsatz im Münchner Speckgürtel?
Zahlen habe ich dazu nicht greifbar, aber aus unserer Erfahrung weiß ich, dass es auch bei uns vielen Familien wirtschaftlich nicht gut geht. In unseren Beratungen erfragen wir dazu in den meisten Fällen keine Details. Und ich bin vorsichtig in der Formulierung, da Armut ein vielschichtiger Begriff ist. Mit Armut kann die finanzielle Situation einer Familie gemeint sein, aber auch der fehlende Zugang zu Angeboten wie Bildung oder Gesundheit.

Nach einer gängigen Definition sind Kinder armutsgefährdet, wenn sie in einem Haushalt leben, dem weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung steht.
Der Mietspiegel im Landkreis Starnberg ist unfassbar hoch. Die Diskrepanz zwischen dem, was Menschen verdienen und dem, was sie allein fürs Wohnen ausgeben müssen, ist deutlich größer als anderswo. Das bringt sehr viele Familien in herausfordernde Situationen. Um die hohen Lebenshaltungskosten decken zu können, sind oft beide Elternteile angehalten, viele Stunden bis Vollzeit zu arbeiten. Zugleich fehlt es aber an Angeboten der Kinderbetreuung. Einer muss also zu Hause bleiben und auf Lohn oder Gehalt verzichten. Die Situation verschärft sich, wenn Beziehungen zerbrechen. Dann verdoppeln sich Lebenshaltungskosten, während für den Elternteil, bei dem die Kinder überwiegend leben, noch weniger Zeit bleibt, das nötige Geld zu erwirtschaften.
Das sind meist die Mütter?
Prozentual gesehen, ja. Aber es gibt auch bei uns alleinerziehende Väter. Ihnen allen steht unser Alleinerziehenden-Treff offen: ein Raum für Austausch, gegenseitige Unterstützung und Vernetzung.
Der Lebensstandard in der Region ist hoch. In Starnberg sieht man viele teure Autos auf den Straßen und vor den Schulen. Ist es für Kinder noch schmerzhafter als für Erwachsene, kein Geld zu haben?
Das kommt darauf an, wie die Eltern damit umgehen. Es gibt Kinder, die den Armutsaspekt gar nicht mitbekommen, weil die Eltern in der Lage sind, ihn zu kompensieren. Dann gibt es Kinder, deren Eltern offen damit umgehen und auch über ihre Gefühle sprechen. Und dann gibt es Mütter und Väter, die selbst schambehaftet sind. Jede Haltung überträgt sich auf die Kinder. Scham ist ein ständiger Begleiter von Armut. Für Kinder ist Scham ein großes Thema, weil sie natürlich sehen, was andere Gleichaltrige bekommen und sie nicht. Dabei ist es für Kinder besonders wichtig dazuzugehören – bei der Kleidung, beim Spielzeug. Da gilt es, eine gewisse Uniformität zu bedienen.
Was in einer Stadt wie Starnberg nicht leicht sein dürfte.
Die Schere ist sehr groß. Aber es gibt in unserem Landkreis auch Kindergärten und Schulen, wo die sozialen Gruppen gut durchgemischt sind.

Betrachten wir mal einen gewöhnlichen Schulstart. Welche Kosten fallen da an?
Man braucht einen Schulranzen, Stifte, Hefte und Wasserfarben, dazu Sportsachen, Hausschuhe und einen Fahrradhelm. Wenn das Kind einen Hort besucht, ist manches davon in doppelter Ausführung nötig. Das bringt viele Eltern an ihre finanziellen Grenzen. An dieser Stelle konnten wir als Kinderschutzbund in früheren Jahren immer wieder mal aushelfen. Mittlerweile fehlen auch uns dafür die Gelder. Ich wünschte, wir hätten eine kleine Schatzkiste für solche Notfälle, um Familien schnell und unbürokratisch zu unterstützen.
Wann würden Sie noch gerne in eine solche Schatzkiste greifen – oder wie können Spendengelder von SZ Gute Werke helfen?
Um einem Kind den Jahresbeitrag im Sportverein zu zahlen, damit es Teil einer Gruppe sein kann und etwas für seine Gesundheit macht. Oder um einem anderen Kind den Kauf eines digitalen Geräts zu ermöglichen, das es braucht, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aber auch, um Eltern einen kleinen Zuschuss zu geben, wenn gegen Ende des Monats mal kein Geld mehr für Lebensmittel übrig ist, weil die Stromrechnung so hoch war. Es ginge um begrenzte Beträge in besonderen Situationen.
Bei vielen Kindern und Jugendlichen haben die Schulschließungen während der Corona-Pandemie Spuren hinterlassen. Macht sich das in Ihrer Arbeit noch bemerkbar?
Nicht mehr direkt. Allerdings haben sämtliche Themenbereiche rund um Kinder, Jugendliche und Familien in der Politik nach wie vor keine Priorität. Offenbar hat niemand aus den Erfahrungen gelernt. Nach wie vor kämpfen wir als Kinderschutzbund darum, dass Kinder, Jugendliche und Familien in ihren Bedürfnissen und ihrer Individualität gesehen, gehört und endlich priorisiert werden. Was immer wieder vergessen wird: Die gegenwärtigen Kinder sind die Erwachsenen von morgen.
Es lohnt sich also, in sie zu investieren?
Was für eine Frage! Sie sind die Wähler und Wählerinnen, die Bürger und Bürgerinnen und die Arbeitskräfte von morgen. Sie halten unsere Gesellschaft am Leben. Die Kinder sind die Zukunft.
So können Sie spenden
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im SZ Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1.OG., Marienplatz 11, möglich. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr.Banküberweisung an: SZ Gute Werke e.V.HypoVereinsbankIBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28BIC: HYVEDEMMXXXSicher online spenden können Leserinnen und Leser im Internet unter www.sz-gute-werke.de.

