Süddeutsche Zeitung

Starkbierfest:Ground Zero in Geretsried

Lesezeit: 2 min

Fastenprediger Bruder Barnabas alias Ludwig Schmid verspottet die eigene Lokalpolitik und die der Nachbarstadt.

Felicitas Amler

Ein Redner, 33 Minuten Text und 600 überschwenglich applaudierende, johlende, zustimmende Zuhörer. Was wären die Politiker aller Couleurs froh, wenn sie mit ernsthaften Themen solche Erfolge erzielten. Doch tatsächlich sind etwa die Stammtische und Stadtgespräche, die CSU und SPD in Geretsried wie in Wolfratshausen regelmäßig veranstalten, sehr schlecht besucht. Von schenkelklopfender Begeisterung ist eher selten zu hören. Dergleichen erzielt nur, wer die Politik nicht ernst nimmt, sie durch den Kakao zieht, verspottet, ja verhöhnt. So wie Fastenprediger Bruder Barnabas alias Ludwig Schmid - der Junior vom Schmid-Bäck - das am Samstagabend in den restlos ausverkauften Ratsstuben zum achten Mal tat. Von der gern gegeißelten Nachbarstadt Wolfratshausen bis zu Bürgermeisterin Cornelia Irmer blieb kaum eine/r verschont.

Barnabas, barfuß und in brauner Mönchskutte, packt sein Publikum erst mal mit einem Bringer: Er zitiert das Spottwort von Wolfratshausen als "Stillstandshausen", sagt, das sei ein saublöder Schmarrn, mitnichten sei da Stillstand festzustellen: "Rückwärts is auch a Richtung." Auch, dass die Nachbarstadt politisch konzeptionslos agiere, sei falsch: "Wolfratshausen hat schon ein Konzept - dagegen." Das hören sie zu gern, die Geretsrieder. Doch auch die eigenen Leute werden ordentlich vorgeführt. CSU-Chef Ewald Kailberth wird animiert, sich zu erheben - freilich nur, um gnadenlosem Spott preisgegeben zu werden. Was er denn anhabe, will Barnabas wissen und rät dem Mann im apricotfarbenen Hemd und dem braunen Janker, doch mal knalligere Farben zu tragen: "Es glangt ja scho, wennst als CSU-Vorsitzender so farblos bist." Der nächste Schlag trifft Kulturreferent Hans Ketelhut: Was der mit Geothermie zu tun hat, fragt der Prediger und antwortet gleich selbst: "Heiße Luft."

Respekt- und atemlos teilt Barnabas weiter aus, gegen SPD-Chef Wolfgang Werner ("Bist du krank? Ma hat as ganze Jahr keine Ausfälle von dir gheart"); gegen den Dritten Bürgermeister Robert Lug, dessen Name auf die höchste keltische Gottheit zurückgehe: "Lug, der Licht- und Heilsbringer" - aber Kelten gebe es ja nicht mehr; gegen Kreisrat Matthias Richter-Turtur, dessen Name zur "Tortur" für den Landrat umgewandelt wird; gegen Nervensägen und Bürgermeister, Doppelnamenträger und aufmüpfige Bürgerinnen auf Königsdorfer Versammlungen.

Die Wolfratshauser Diskussion über Parkplätze am Märchenwald dient dazu, Bürgermeisterin Cornelia Irmer eins mitzugeben: Man könne den Märchenwald doch nach Geretsried ins Rathaus holen, das würde dann "Cornelias Märchenschloss", und im Sitzungssaal säßen "Conni Baba und die dreißig Räuber".

Zur viel diskutierten Böhmwiese, die sich die Geretsrieder Stadtpolitik als neues Viertel wünscht, fällt dem Spötter ein eigenwilliger Vergleich ein - doch zunächst wieder eine Frage: Wie die Wiese denn heißen werde, wenn dann eines Tages keine Wiese mehr da sei? "Oder heißt dann der ganze neue Stadtteil Geretsried-Böhm?" Dazu hätte er eine Idee, sagt Barnabas: "Das Böhm-Memorial. Ma lässt bei der ganzen Bebauung einen symbolischen Barackenplatz unbebaut, mit einem Fleckerl echter Böhmwiese. Quasi da Geretsrieder Ground Zero."

Vom Stadtsäckel bis zu Eisstadion und Hallenbad reichen die Themen, und nur eins kommt eigentlich nie dran, fährt aber als Running Gag permanent mit: die S-Bahn, welche die Geretsrieder so gern hätten. Immer wieder verspricht Barnabas, gleich werde er davon sprechen. Und tut es schließlich mit einem finalen Satz: "Prost. Und was die S-Bahn angeht - die dauert no a bissl."

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SZ vom 19.03.2012
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