Süddeutsche Zeitung

Starkbieranstich:So war das Singspiel in Penzberg

Beim Starkbieranstich mit Fastenpredigt gibt es kräftig "Stammwürze" - vor allem für Bürgermeisterin Elke Zehetner. Drei Stunden geballte Gaudi fürs Publikum.

Von Alexandra Vecchiato

Eines kann sie, die Penzberger Bürgermeisterin Elke Zehetner. Oder vielmehr: Muss sie. Gute Miene zu jenem Spiel machen, das ihr beim sehr gut besuchten Starkbierfest im Stadl auf Gut Hub präsentiert wird. Führt sie, diese Elke Putinova alias Wunderwirtschafts-Elke alias Elke Ackermann, doch auch nicht allein den Reigen der Derbleckten an. Wie es sich zu diesem Anlass gehört, werden Häme und Spott über alle Großkopferten und jene, die sich dafür halten, ausgeschüttet. Für das Publikum ein Riesenspaß. Das "Stammwürze"-Team mit Rainer Hofmann als Mönch Servatius unterhielt am Freitagabend drei Stunden lang die Zuschauer mit Fastenpredigt und Singspiel. Besonders hervorzuheben sind die Auftritte von Andreas Mummert und Markus Bocksberger, die nicht nur ordentliche Zwerge abgaben, sondern mit ihren Gesangseinlagen großes Kino boten.

Themen gibt es in Penzberg zuhauf, die man einmal kreuz und quer durch den Kakao ziehen kann. Da wäre die Stadthalle, das rosarote Märchenschloss, von dem man in der Chefetage des Rathauses behauptet, sie werde am 1. Mai fix und fertig saniert und umgebaut dastehen. Allein der Glaube fehlt da so manchem Bürger, was den Eröffnungstermin angeht. Was Bruder Servatius denn auch zu einer Wette mit der Bürgermeisterin verleitet. Sollte die Stadthalle bis zum Maibaum-Aufstellen 2017 fertig sein, dann erhält Zehetner im kommenden Jahr beim Starkbieranstich eine Gastrolle - ". . . und wenn i fertig sag, dann moan i aa fertig und ned bloß so halbschwanger". Wenn nicht, "dann tritts als Bürgermoasterin einfach zruck", spricht Servatius, um im selben Atemzug ein "naaa . . . Schmarrn" hinterherzuschieben. Aber ein "saubers Grillfest" müsste schon rausspringen. Bürgermeisterin Zehetner nimmt die Wette an und schlägt ein.

Was sonst noch so los war in Penzberg? Wasserverschwendender Eselsbrunnen, der Abriss des Wellenbads, schwächelnde Faschingsprinzen, die vielen Mandatsniederlegungen im Stadtrat, überhaupt der mangelnde Widerspruchsgeist in diesem Gremium oder die allzu große Widerborstigkeit von BfP-Stadtrat Wolfgang Sacher und vieles mehr sind Themen. Und immer wieder der Führungsstil der Bürgermeisterin. Wobei ihr Servatius konstatiert, ein Vergleich mit Erdoğan oder Putin sei dann doch nicht treffend. Denn gegen diese beiden Despoten "is unser Elke a ganz kloans Liachtl, allerhöchsten a diktatorische 0,5-Watt-Funzl". Allerdings rät er Zehetner ("Meine kleine spröde Stachelbeere"), sich um Wähler in den Penzberger Swing States wie Edenhof oder Zachenried zu bemühen. "Da kannst no Boden guat macha. Da is de nächste Wahl vielleicht doch no net hundertprozentig verlorn." Wenn sie nur eines könnte: "Diplomatie wenigstens bloß buchstabiern", lautet sein Tipp. "Jetzt springt oana nachm andern aus dem Stadtrat raus und spielt nimmer mit beim Mensch-ärgere-Dich-nicht mit unserer Bürgermoasterin."

Grandios der Auftritt von Stefan Bader (Happy/Nick Lisson), Markus Bocksberger (Brummbär alias Wolfgang Sacher), Florian Wimmer (Schlafmütze/Andreas Zöller), Bettina Calliari (Hatschi/Hans Bauer), Andreas Mummert (Chef/Ludwig Schmuck), Michaela Rössle (Seppl/Thomas Keller) und Stefan David (Pimpel/André Anderl) als die sieben Stadtrats-Zwerge. Mit einem furiosen "Heiho, heiho"-Lied stürmen sie die Bühne: "Aus der Bahn! Ohne Plan! Gehn wir die Abstimmung an."

Das Singspiel ist in einem Märchenwald angesiedelt. Märchenhaft sind auch die weiteren Darsteller: Michael Wolff als - welche Überraschung - Wolf, Catrin Bocksberger als Hexe, Hannes Lenk als Hänsel und Anni Gsimsl als Gretel. Nicht zu vergessen das Feen-Quartett mit Anni Gsimsl als Schönfee, Bettina Calliari als Motzfee, Michaela Rössle als Naivfee und Stefan Bader als sexy Transfee in schwindelerregenden High Heels.

Überhaupt die Gesangseinlagen. Vom Feinsten. Da poltert "Chef"-Zwerg Andreas Mummert als CSU-Stadtrats-Double Ludwig Schmuck durch den Stadl, stets nah am cholerisch-bedingten Herzkasperl wie das Original. Ein Höhepunkt ist Bocksbergers Auftritt als "Richi, der Froschkönig" oder: als der frühere SPD-Rat, dann CSU-Rat und jetzt Gar-nicht-mehr-Stadtrat Richard Kreuzer. Zur Melodie von "Ich bin der Märchenprinz" der Ersten Allgemeinen Verunsicherung singt Bocksberger: "Überall hab ich gfischt, Fliegen gibts in großer Fülle, erst im roten Odel, tags darauf in schwarzer Gülle." Kreuzer wollte bekanntlich Bürgermeister werden. "Lebt wohl! Mei Krone scheint verschlissen. Ich stand bereit, hätts mich nur küssen müssen."

Drei Stunden Programm mit einer Pause, das ist lang. Aber das Starkbierfest 2017 war es wert, auch wenn das Sitzfleisch in den kommenden Tagen ein wenig schmerzen mag.

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Quelle:
SZ vom 20.03.2017
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