„Das war ein tragischer Fall“, sagt Wolfgang Steger. Der Standesbeamte aus Bad Tölz erinnert sich noch an den Rentner Norbert Weißhaupt, der die Mittvierzigerin Emilia Flores (beide Namen geändert, Anm. d. Red.) von den Philippinen heiraten wollte. Beide kamen zu ihm ins Rathaus und legten die Dokumente für die Eheschließung vor. Bei der Überprüfung wurde jedoch festgestellt, dass die Unterlagen, die den Familienstand von Flores bescheinigen, gefälscht waren. „Darin stand, dass sie nie verheiratet war, aber sie war noch verheiratet“, erzählt der Standesbeamte. Weißhaupt habe das nicht gewusst, „das habe ich gemerkt“. Der Rentner stand auf und ging.
Damit war die Geschichte nicht zu Ende. Ein paar Monate später erhielt Steger einen Brief von den Philippinen. Weißhaupt beantragte ein Ehefähigkeitszeugnis, um in dem südostasiatischen Inselstaat heiraten zu können. „Eine ausländische Scheidung muss aber erst in der deutschen Rechtsform anerkannt werden“, sagt Steger. „Wir brauchten wieder Unterlagen.“ Und dann wurde es richtig kompliziert. Denn die Philippinen zählten zu den wenigen Ländern der Erde, „die keine Scheidung kennen“. Also gibt es dafür auch keine Dokumente.

Damit nicht genug. Der Ex-Mann hatte Flores für tot erklären lassen, während sie die Ehe per Gerichtsbeschluss aufheben ließ. Steger bat die deutsche Botschaft auf den Philippinen um Amtshilfe, die daraufhin einen Vertrauensanwalt einschaltete. Dann habe aber alles gepasst, sagt er, „die Todeserklärung des Ex-Mannes habe ich ignoriert“. Norbert Weißhaupt und Emilia Flores konnten nach Jahren heiraten. Sechs Monate später erhielt Steger allerdings erneut einen Briefumschlag von den Philippinen. Darin lag die Sterbeurkunde von Weißhaupt.
Schiefes Bild
Das Bild vom Standesbeamten, der Paare verheiratet und danach mit ihnen Champagner trinkt, war schon immer schief. Nach der Flüchtlingswelle 2015 und dem Ukraine-Krieg hat sich der Beruf jedoch komplett gewandelt. „Er ist viel anspruchsvoller geworden, das betrifft alle Standesbeamten“, sagt Steger, der Dozent an der Bayerischen Verwaltungsschule (BVS) und Fachberater des Fachverbands der Standesbeamten Bayern ist. Sie müssen viel häufiger im Ausland recherchieren, sich die Rechtsnormen anderer Länder von Syrien bis Ghana aneignen, die bürokratischen Eigenheiten kennen, auch die kulturellen Gebräuche. Er versuche, den Leuten zu helfen, sagt der Tölzer Standesbeamte. „Wichtig ist, dass man sie vorab berät und ihnen sagt, wie die Rechtslage ist.“
Anfang des Jahres suchte ein Paar aus Palästina das Standesamt in Bad Tölz auf. Beide sind katholisch und hatten sich in einer Kirche in Bethlehem das Ja-Wort gegeben. Sie legten eine Urkunde vor, die der Priester unterzeichnet hatte. Nach deutschem Recht genügt dies nicht, um festzustellen, dass sie nicht schon verheiratet waren. Steger riet ihnen, die Eheschließung in Ramallah registrieren zu lassen. Und er kontaktierte über die deutsche Botschaft selbst die palästinensische Autonomiebehörde. Beide waren tatsächlich ledig, hatten Pässe mit Lichtbild – „dann passt das“. Solche Fälle, sagt Steger, „haben wir vorher nicht gehabt“.

Um die Identität von Heiratswilligen festzustellen, geht der Tölzer Standesbeamte nach einem Stufensystem vor. Stufe eins: Geburtsurkunden und Pässe werden geprüft. Stufe zwei: Sollte beides nicht vorliegen, untersucht Steger andere Dokumente mit Lichtbild, etwa ID-Karten oder Zeugnisse. Stufe drei: Wenn es auch das nicht gibt, nimmt er weitere Unterlagen, die womöglich ein Lichtbild haben, unter die Lupe – vom Schulzeugnis bis zum Arbeitsbuch. Stufe vier: Falls gar keine Papiere vorgezeigt werden, fahndet Steger nach Menschen, die bezeugen können, dass jemand wirkliche derjenige ist, der er zu sein vorgibt. Und Stufe fünf: Der Heiratswillige bestätigt seine Identität mit einer eidesstattlichen Erklärung.

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„Das Urkundswesen ist nicht überall sicher“, sagt Steger. In der EU sei es ziemlich unproblematisch, Urkunden werden „ohne Überbeglaubigung“ anerkannt. Die Legalisation läuft über die deutsche Botschaft. Dann gibt es die sogenannten Apostille-Länder, wo eine Behörde des jeweiligen Landes die Echtheit bestätigt. Und schließlich hat es Steger mit den „Problemstaaten“ zu tun. Damit meint er Länder, die ein „unsicheres oder mangelhaftes Urkundswesen“ haben. „Da sind viele Fälschungen im Umlauf“, sagt der Standesbeamte. Das weiß er aus eigener Beobachtung, denn er hat afrikanische Länder öfter bereist.

Die Recherchemethoden muten bisweilen skurril an. Steger erzählt von einem Fall aus Indien. Um die formelle Wirksamkeit einer Eheschließung zu prüfen, habe die deutsche Botschaft dort ein Video von der Trauzeremonie verlangt, erzählt er. „Wir brauchten zumindest ein Bild davon“, sagt der Tölzer Standesbeamte. Dabei sei der religiöse Ritus geprüft worden. Das Brautpaar müsse bei Sikhs-Hochzeiten einmal im Uhrzeigersinn um das Buch mit den Schriften des Guru Granth Sahib gehen. „Dieser Gang muss dokumentiert sein.“
Die digitale Heirat
Außergewöhnlich war für Steger auch die Hochzeit einer Tölzerin mit einem in Grafenwöhr stationierten US-Soldaten. Beide heirateten in Montana, ohne überhaupt anwesend zu sein. Nach dem Recht des US-Bundesstaats ist es möglich, eine Agentur einzuschalten, die stellvertretend eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter zur standesamtlichen Trauung schickt. „Die Vollmachten waren da, das ist möglich“, so Steger. Anders sieht es bei Ukrainern aus, die in Bad Tölz untergekommen sind. Für sie gibt es wegen des Krieges die Möglichkeit, digital zu heiraten. Dieses Recht, das die Ukraine geschaffen hat, wird hierzulande aber nicht anerkannt. Denn die Ehepartner gehen die Ehe in Deutschland ein. Und da gilt: „Sie muss in gleichzeitiger Anwesenheit vor einem Standesbeamten geschlossen werden“, sagt Steger.
Trotz aller Probleme schafft es der Standesbeamte immer wieder, Paare aus dem Ausland in Bad Tölz zu verheiraten: die zwei schwulen Kambodschaner, die in ihrer Heimat nicht heiraten durften, das junge Rohingya-Paar, das nur einen Flüchtlingsausweis hatte und staatenlos war. „Die Emotionen musst du außen vor lassen, ich prüfe einfach nur Vorschriften“, sagt er. Und anhand der Rechtslage versuche er dann, eine Lösung zu finden. Eine ebenso nüchterne wie komplizierte Detektivarbeit. „Emotional sind wir dann bei den Hochzeiten“, sagt Steger.

