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Stadtmuseum:Der große Nazi-Plan für Bad Tölz

Eine Ausstellung präsentiert Architektur-Entwürfe von der SS-Junkerschule bis zu nie realisierten Monumenten und Zentren

Die beiden Modelle hat Elisabeth Hinterstocker im Speicher des Stadtmuseums entdeckt. Auf Holzplatten zeigen sie zwei Varianten für die SS-Junkerschule - nicht jene, die von den Nationalsozialisten später auf der heutigen Flinthöhe gebaut wurde, sondern die erste im Kurviertel. Das Gebäude steht noch, auch wenn es nach vielen Umbauten anders aussieht: Es ist die Asklepios-Klinik. Ein Relikt aus der Nazi-Zeit ist der noch bestehende torbogenartige Außengang des linken Gebäudeflügels. Die Leiterin des Stadtmuseums hat die zwei Gips-Entwürfe dem Speicherdunkel entrissen und zeigt sie in der neuen Ausstellung "Bauprojekte der Hybris in Tölz". Gerade in einer Zeit des wachsenden Rechtspopulismus findet sie es wichtig, an die finstere Seite der deutschen und auch der Tölzer Geschichte zu erinnern. "Alles, was wir tun können, ist zu verhindern, dass so etwas nicht noch einmal passiert", hebt Hinterstocker hervor.

Auch in Bad Tölz ist es damals passiert, vielleicht nicht schlimmer als in anderen Städten, ganz sicher aber auch nicht harmloser. Schon 1933 fügte sich der Stadtrat mehr als willig in eine Anordnung der NSDAP, in dem Kurort eine SS-Junkerschule zu errichten. Er verzichtete sogar auf Einnahmen, ermäßigte die Gebühren für Strom und Wasser. Von dem Bau versprach er sich wirtschaftlichen Aufschwung. "Die Angehörigen der Reichs-Führerschule bedeuten eine lebendige Reklame für den Badeort", hieß es im Stadtrat. Da hatte er sich gründlich getäuscht. Die SS-Schüler gebärdeten sich als üble Rabauken, hielten Schießübungen ab und pöbelten Passanten an, womit sie Kurgäste verscheuchten.

Das Modell der Junkerschule, die auf der heutigen Flinthöhe gebaut wurde: eine ideologische Schulungs- und militärische Ausbildungsstätte.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit 100 Schülern nahm die erste SS-Schule an der Schützenstraße im April 1934 ihren Betrieb auf. Eines der beiden Modelle zeigt, wie der Komplex ausgesehen hat: drei lange Gebäudeflügel in Hufeisenform, wovon der hintere einen trutzburgartigen Turm in der Mitte hatte. Vorn, wo sich heute der Eingang zum Klinkpark befindet, stand ein dreistöckiges Gebäude, das später als Verwaltungsschule für NS-Beamte diente. Bald wurde die Anlage zu klein. Nicht weniger als 30 Immobilien mietete das braune Regime hinzu, unter anderem die Villa Bergfried und das Parkhotel als Unterkunft für ihre Funktionäre. Den Plan, die SS-Schule zu erweitern, verhinderte Peter Freisl. Der Stadtbaumeister, ein Schüler des Münchner Architekten Gabriel von Seidl, überredete die Nazis zu einem Neubau an der Sachsenkamer Straße, auf der heutigen Flinthöhe. Andernfalls, sagt Hinterstocker, "wäre das halbe Kurviertel SS-Junkerschule gewesen".

Am neuen Standort ging alles ins Übergroße. Für gut 35 Millionen Reichsmark entstand 1936 eine Kaserne mit riesigem Innenhof, Unterrichtsräumen, Audimax, Kino, überdachter Reithalle, Schwimmbad, Kegelbahn, Tennisplätzen und Wohnstuben. Nichts war zu verschwenderisch für den Führungsnachwuchs der SS, sogar die Stromzentrale im Keller war mit Marmor verkleidet. Architekt war Alois Degano, der für Hitler den Berghof am Obersalzberg und die zweite Reichskanzlei in Berchtesgaden baute. In Tölz lernten die SS-Junker militärisches Handwerk, vor allem aber wurden sie NS-ideologisch gedrillt: germanische Geschichte, arische Rassenkunde, die großdeutsche Lebensraum-Philosophie - das waren so die Unterrichtsfächer. Hernach kamen sie zur Polizei oder zu den Wachmannschaften in den Konzentrationslagern, die unzählige Opfer kaltblütig ermordeten. Ein kleines KZ gab es auch in Bad Tölz: Die Junkerschule selbst war ein Außenlager des KZ Dachau, die Häftlinge mussten im zweiten Untergeschoss hausen, also im tiefen Keller. Eingesetzt wurden sie für Aufholzarbeiten oder die Elektrifizierung eines Übungsplatzes.

Dieses Foto zeigt die SS-Junkerschule, die heute noch in Teilen auf der Flinthöhe zu sehen ist.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stadträte hatten mit den SS-Leuten - der "Elite des Gesocks", wie Hinterstocker sagt - kein Problem. Im Gegenteil: "Die haben sie ja in den Himmel gehoben, das kann man in den Ratsprotokollen nachlesen", sagt die Museumsleiterin. Das galt auch für Bürgermeister Alfons Stollreither. Gegen Kriegsende zog das Reichsfinanzministerium von Berlin in Richtung Alpen und kam erst mal nach Tölz, wo ihre Vertreter im früheren Museum nahe dem Planetarium unterschlüpften. Für Stollreither, sagt Hinterstocker, seien sie alle "ganz edle Menschen" gewesen.

Die zwei SS-Junkerschulen und ein 24 Zentner schweres Hakenkreuz, das im Sommer 1933 auf dem Heiglkopf hochgezogen wurde, sind die einzigen Projekte, die in Tölz realisiert wurden. Allerdings gab es eine ganze Menge Ideen für weitere Nazi-Bauten. Leonhardifahrt hin oder her - die Kalvarienbergkirche und die Leonhardikapelle hätten für ein monumentales Mahnmal abgerissen werden sollen. Damit nicht genug: Ein Teil des Walds hinab zum Taubenloch sollte der Säge zum Opfer fallen, um Platz zu schaffen für eine Freitreppe mit 250 Stufen und Kaskaden zu beiden Seiten, die zu dem mächtigen Nazi-Schrein hinaufgeführt hätte. "Da wär's aus gewesen mit der alten Wallfahrt", so Hinterstocker.

Der Entwurf als Gipsmodell auf Holzbasis zeigt einen Festsaal mit Säulenkolonnade. Bisher ist nicht bekannt, wo das Bauwerk errichtet werden sollte.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ein anderes Beispiel: Das Hotel Kolbergarten samt Parkplatz und umliegenden Flächen gäbe es längst nicht mehr, wäre dort ein "Kreishaus" mit Wehrturm und Innenhof entstanden, das nicht zuletzt für die Kreistage im Gau mit ihren Aufmärschen und Reden gedacht war. Die Franziskanerkirche wäre weg, dort war eine Art Parteizentrum geplant. All dies zeigen die Entwürfe von Nazibauten, dekoriert mit einem Meer von Hakenkreuzfahnen, die von Eugen Rösner stammen. Er hatte Freisl als Tölzer Stadtbaumeister abgelöst. "Da kann man nicht mehr sagen, hier gab's halt auch ein bisschen NSDAP, das wollte man schon richtig groß aufziehen", sagt Hinterstocker.

Kaum war die Nazi-Diktatur vorbei, ging in Tölz alles rückwärts: Die Adolf-Hitler-Straße wurde wieder die Buchener Straße, die Straße der SS zur Tegernseer Straße. In die Junkerschule zog die US-Armee ein und blieb bis 1991, worauf dort das Behördenzentrum mit dem Landratsamt entstand. Mit der Ausstellung über die Nazi-Zeit will Hinterstocker die Jugend erreichen und deshalb Schulen einladen. "Ich denke, dass man dieses Thema wachhalten muss", sagt sie. Gerade jetzt mit all den Trumps, Le Pens, Wilders und Petrys.

"Bauprojekte der Hybris in Tölz", Stadtmuseum Bad Tölz, bis 19. Februar. Geöffnet ist dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

© SZ vom 30.01.2017

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