Stadtbücherei Wolfratshausen Lukulliterarisch

Vorzeigebayer mit viel Humor: Wiggerl Gollwitzer.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Sabrina Schwenger und Wiggerl Gollwitzer verbinden Bier und Buch zu einem amüsanten Abend

Von Wolfgang Schäl, Wolfratshausen

Lesen fördert den Wissensdurst, und wer viel schmökert, sollte unbedingt darauf achten, dass er dabei nicht austrocknet. So oder so ähnlich ließe sich der tiefere Sinn zweier Gedenktage deuten, die, vielleicht nicht per Zufall, auf dasselbe Datum treffen: Der Tag des Biers und der Tag des Buches stehen am 23. April auf dem Kalender. Für die Wolfratshauser Stadtbücherei war dies Grund genug, die beiden Anlässe höchst sinnvoll, informativ und amüsant zu verknüpfen: zu einer Lesung über die Geschichte des bayerischen Hauptnahrungsmittels, das in den vergangenen Jahrhunderten nicht immer dem strengen Reinheitsgebot entsprochen hat, sondern im schlimmsten Fall eine unappetitliche, saure Brühe war.

Davon, wie Bier sein muss, konnten sich die Besucher zum Glück direkt in der Bücherei überzeugen. Es war geradezu ein bayerischer Heimatabend mit der Feldweg-Musi, mit frischen Brezen, Kaminwurzen, Radieschen und weiß-blau gedeckten Tischen - na ja, natürlich Bierbänken, an denen sich die Gäste verwöhnen ließen. Lukullisch und literarisch. Als Rezitatoren fungierten zwei im städtischen Kulturbetrieb wohlbekannte Akteure: Sabrina Schwenger und Wiggerl Gollwitzer, Letzterer ein Garant für gute Laune, wie immer in bayerischer Montur, mit ausladender Krachlederner und einem leicht zerknitterten Filzdeckel auf dem Kopf.

Die zitierten Beiträge entstammten einer umfänglich zusammengestellten Sachbuchliteratur, die das Thema Bier gründlich nach verschiedensten Gesichtspunkten ausleuchtet. Zur Sprache kam beispielsweise ein Thema, dem der Autor Ralf Lohberg nachgegangen ist. Nach dessen Recherchen gab es einst Frauen-Bierkränzchen, bei denen es weit weniger gesittet zugegangen sein soll als in späteren Jahren, als sich die Damen der Gesellschaft distinguierter beim Kaffee trafen. Wie der langjährige SZ-Redakteur, Turmschreiber und bayerische Poet Franz Freisleder in diesem Kontext feststellt, wurden Frauen, die dem Bier allzu sehr zugeneigt waren, miserabel behandelt. Sie mussten mit einem umgehängten Schild am Pranger stehen, auf dem, wenig schmeichelhaft, zu lesen stand: "Versoffene Bier-Urschl."

Weil Bier nahrhaft und wohlschmeckend ist, stand es immer auch in Klöstern hoch im Kurs - aufs Allerangenehmste ließ sich damit die quälend lange Fastenzeit überbrücken. Mit angeblich bis zu fünf Maß täglich sollen sich die Fratres die schmale Kost in diesen Wochen erträglich gemacht haben. Da war es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zur eigenen Klosterschänke und zur lukrativen Klosterbrauerei. Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass als besonders engagierter Freund des schäumenden Krugs Martin Luther in die Geschichte eingegangen ist. Sein Leitspruch: "Ess, was gar ist, red, was wahr ist und trink, was klar is." Da traf es sich gut, dass Luthers Frau, Katharina von Bora, wie damals viele andere Frauen, das Brauen erlernt hatte und den Erkenntnisschatz ihres Gatten bedeutend erweitern konnte. Der soll folgerichtig die Überzeugung vertreten haben, dass "das Reich Gottes beim Bier von ganz allein kommt". Ein eher beklagenswerter Aspekt des Biergenusses lässt sich unter der Rubrik "Raufen und Saufen" zusammenfassen, der seinerseits mit dem Stammtischwesen zusammenhängt. Und das bürgt, heute wie damals, nicht unbedingt für hohes Niveau, im fortgeschrittenen Zustand wurden Argumente durch fliegende Fäuste ersetzt. Weil das die Obrigkeit mit Sorge verfolgte, verhängte sie drakonische Strafen für "Rohheitsdelikte", wie es im "Niederbayerischen Intelligenzblatt" zu lesen stand. Das konnte, wie Gollwitzer feststellte, schlimmstenfalls mit totalem Wirtshausverbot enden, was gleichbedeutend war mit einem totalen Ausschluss vom sozialen Leben.

Mit einem bedeutenden Satz hat sich der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Themen Umwelt und Alkohol in Beziehung gesetzt: Er wünschte sich, "dass hierzulande die Luft so rein wäre wie das Bier". Das mussten sich viele Besucher an diesem Abend in der alkoholfreien Version zu Gemüte führen. Denn wie damals die Obrigkeit, so versteht heute die Polizei keinen Spaß.