Sport-Talent Im Wind zu Hause

Erfolgreich auf dem Wasser: In Italien wurde Alina kornelli 2017 Vize-Europameisterin auf dem Kite-Board.

(Foto: Frank Burgmann/oh)

Alina Kornelli reist für ihren Sport Kite-Surfing um die Welt - mit großem Erfolg. Nun nimmt die 18-jährige aus Reichersbeuern an den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires teil.

Von Paul Schäufele

Vom Gebirge ans Meer, vom Meer zum Gebirge. Das ist der Rhythmus, der Alina Kornellis Leben bestimmt. Die 18-jährige Kitesurferin wünscht es sich nicht anders. Um unter idealen Bedingungen Surfen zu können, muss sie verreisen. Das findet sie nicht schlimm, denn "so bleibt es immer etwas Besonderes. Und so bin ich auch motiviert, jeden Tag an den Strand zu gehen." Dazu war sie eben noch auf Rhodos - drei Wochen hat sie dort trainiert - jetzt ist sie wieder zuhause in Reichersbeuern, nur um Anfang Oktober nach Buenos Aires zu fliegen. Als einzige deutsche Kitesurferin konnte sie sich für die Olympischen Jugend-Sommerspiele qualifizieren, die vom 6. bis 18. Oktober in Argentinien stattfinden.

Seit eineinhalb Jahren etwa bereitet sich Kornelli darauf vor. Klar, dass andere Interessen und Aufgaben dafür hintangestellt werden mussten. Das (inzwischen bestandene) Abitur am Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasium musste verschoben werden. Snowboarden war sie schon länger nicht mehr, obwohl sie 2015 deutsche Jugendmeisterin im Snowboardcross wurde. Und auch zum Tanzen fehlt momentan die Zeit. Entsprechend groß ist die Spannung, mit der sie dem Beginn der Olympischen Spiele entgegenfiebert: "Man möchte dann schon, dass es losgeht."

Nun ist es soweit. Von Frankfurt aus ist Kornelli gemeinsam mit den übrigen 74 Mitgliedern des deutschen Teams, den Basketballern, Triathleten, Schwimmern, nach Buenos Aires geflogen. Die Eltern und der Bundestrainer begleiten sie. Die Nervosität hält sich so in Grenzen. Es überwiegt die Neugier, selbst für Kornelli, die, so scheint es, in den letzten Monaten von einem Wettbewerb zum nächsten reiste: Weltmeisterschaft in Italien, Kitesurf-Masters in Sankt Peter-Ording, Juniorenweltmeisterschaft im chinesischen Hainan. Dort qualifizierte sie sich in der Slalom-Disziplin für die Jugendolympiade. "Das ist schon was anderes als eine Weltmeisterschaft", meint sie.

Mit ihrem Kite-Schirm erreicht Kornelli Durchschnittsgeschwindigkeiten von 40 Stundenkilometern.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wie die "echte" Olympiade findet die Juniorversion alle vier Jahre statt - 2018 zum dritten Mal - beginnt mit einer Eröffnungszeremonie und endet mit einer Schlussfeier. Beinahe 4000 Athleten im Alter von 14 bis 18 Jahren aus 206 Ländern nehmen teil. Sie wohnen gemeinsam mit ihren Trainern im eigens errichteten olympischen Dorf. An welchem Ort könnte man kulturelle Vielfalt in solcher Dichte antreffen? Neben der Möglichkeit, sich sportlich zu präsentieren, freut sich die junge Kitesurferin deshalb auch auf den Austausch mit den anderen Sportlerinnen und Sportlern.

Besonders gespannt ist sie allerdings auf ihre Konkurrentinnen. Man kennt sich von zahlreichen anderen Wettkämpfen, und was sich im Laufe der Zeit zwischen den Athletinnen entwickelt hat, geht wohl in Richtung Freundschaft. "Man freut sich aufs Wiedersehen, auch dazu sind diese Events gut", sagt Kornelli.

Doch eine Eigenschaft, die an der jungen Frau sofort auffällt, ist ihr Sinn für Pragmatismus und ihre Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen: Die Konkurrentinnen bleiben Konkurrentinnen, und auf die Frage, wie sie ihre Chancen im Vergleich zu ihnen sieht, antwortet Kornelli - sachlich und weil sie die Leistungen, die eigenen und die der anderen, im Blick hat: "Sie sind schlagbar." Das ist weder überheblich noch besonders optimistisch, sondern beschreibt die Sachlage. Denn dabei weiß sie genau um ihre Schwächen. Disqualifikationen bei voreiligem Starten passieren noch gelegentlich. Doch die intensive Trainingszeit der vergangenen Monate hat ihre Wirkung nicht verfehlt. So oft es ging, wurde an der Geschwindigkeit gearbeitet, hat sie die Starts perfektioniert, an den Manövern und Wenden gefeilt. An den heimischen Seen ist das kaum möglich, doch auf den Gedanken, wegzuziehen, sei sie noch nicht gekommen, sagt Kornelli. Zu sehr fühlt sie sich der Region verbunden, möchte bei Freunden und Familie bleiben.

Noch etwas anderes kommt hinzu, und auch das spricht für Kornellis Pragmatismus: "Vom Kitesurfen allein kann man nicht leben." Deshalb denkt sie darüber nach, wie sie in Zukunft Geld verdienen kann. Probeweise hat sie sich in München für ein Studium der Volkswirtschaftlehre eingeschrieben. Was daraus wird, ist noch unklar, aber dass sie eine Alternative zum Sport braucht - darüber macht sie sich keine Illusionen. Diese Perspektive mag aus der Familiensituation entstanden sein, auch Vater und Bruder sind Spitzensportler: Windsurfer und Eishockeyspieler.

Die Kraft des Windes nutzt die 18-Jährige für spektakuläre Sprünge.

(Foto: privat/oh)

Wie es nach der Jugendolympiade weitergeht? Trainieren, auch in anderen Disziplinen wie dem Freestyle. "Besser werden, Wettkämpfe mitmachen und schauen, wie weit man kommt", sagt Alina Kornelli. Nur, wie weit kann man kommen? Kornelli zögert nicht, das Fernziel ist klar und es scheint erreichbar: Paris, 2024.