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Spektakel in der Loisachhalle:Ein einziger großer Spaß

Bunter Reigen mit allerlei Widrigkeiten: Die Oper bietet alles auf, was das Genre zu bieten hat - von Täuschungsmanövern mit Verkleidungen über Verwechslungen bis zum Versteck des Leibhabers in der Wäschetruhe, die dann in der Themse landet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit der Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" widmet sich das Freie Landestheater in Wolfratshausen den Wirren der Verführung. Die Darsteller kommen manchmal dem Klamauk sehr nah, spielen aber immer mit Augenzwinkern.

Von Sabine Näher

Ein denkbar unattraktiver Mann, mit wirren grauen Haaren und einem Bierfassbauch, hält sich aus absolut unerfindlichen Gründen für unwiderstehlich und versucht, alle weiblichen Wesen in seiner Nähe zwangszubeglücken. Das kommt uns leider nur allzu bekannt vor, jedenfalls soweit wir zur weiblichen Hälfte der Bevölkerung zählen - und zwar nicht erst, seit unter dem Hashtag "MeToo" ständig neue Fälle sexueller Übergriffe an den Tag kommen. Doch diese Geschichte ist alles andere als neu: Ende der 1840er-Jahre komponierte Otto Nicolai seine Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" auf ein Libretto von Salomon Hermann Mosenthal - nach der rund 300 Jahre zuvor entstandenen Komödie "The Merry Wives of Windsor" von William Shakespeare.

Männer allenthalben also, die aber genug Humor und Größe haben, die Herren im Stück dämlich aussehen und sie von den gewitzten, souverän agierenden Frauen vorführen zu lassen. Das offensichtlich über die Jahrhunderte unverändert aktuelle Thema hat das in Miesbach ansässige Freie Landestheater Bayern am Freitagabend auf die Bühne der Loisachhalle gebracht. In einer poppigen, bunten Ausgestaltung, die an die 1970er-Jahre denken lässt, das Stück also weder in der Entstehungszeit verankert noch wirklich aktualisiert. Diese Entscheidung lässt sich nicht unbedingt nachvollziehen, aber sie macht deutlich, dass hier ein einziger großer Spaß auf die Bühne gebracht werden soll. Durchaus legitim, insbesondere, wenn im Vergnügen Erkenntnis aufblitzt. Das dürfte dann sowohl in Shakespeares wie in Nicolais Sinne sein.

Zunächst einmal ist der Aufwand bewundernswert, mit dem die Loisachhalle zum Opernhaus wird: Ein ganzes, wenn auch relativ klein besetztes Orchester, nimmt vor der Bühne Platz; es gibt Bühnenbild, Requisiten und ausufernde Kostüme. Aber Oper scheint abzuschrecken: Die Halle ist nur knapp zu zwei Dritteln besetzt. Schade, denn wer sich beim Kabarett oder im Musical amüsiert, käme auch hier auf seine Kosten. Das Freie Landesorchester Bayern unter Leitung von Rudolf Maier-Kleeblatt spielt mit Hingabe auf und bringt Nicolais Partitur zum Funkeln.

Das Sängerensemble agiert mit viel Spielfreude und stemmt die gesanglichen Herausforderungen mit Anstand bis Bravour. Matthias Degen gibt einen wunderbar widerwärtigen Sir John Falstaff. Warum er allerdings berlinern muss, erschließt sich aber nicht. Eine Reverenz an den Uraufführungsort Berlin? Diana Fischer ist eine quecksilbrige Frau Fluth; Elisabeth Neuhäusler als das zweite Opfer des Möchte-Gern-Don-Juans eine gewitzte Frau Reich. Die Damen ziehen die Fäden - und führen nicht nur den "dreckerten Saubär" hinters Licht, sondern gleich auch noch ihre Ehemänner (Torsten Frisch und Philipp Gaiser).

Dass die Dialoge auf der Bühne in schönstem Bairisch gesprochen werden, hat einen gewissen Reiz, auch wenn man sich mitunter im "Komödienstadel" wähnt. Gerade bei der von gleich drei liebestollen Verehrern (Harald Wurmsdobler als italienischer Sunnyboy Fenton, Ramon Bessel als leicht beschränkter Junker Spärlich, Florian Drexel als exaltierter Dr. Cajus) umworbenen Anna, (Christina Gerstberger) wirkt es besonders komisch: Wenn sich die Tochter der Reichs vom derbsten Bairisch in die kunstvollsten Koloraturen aufschwingt.

Die Handlung listet alles auf, was in Komödien und komischen Opern so vorzukommen hat. Da werden listige Briefe geschrieben, die zum angeblichen Stelldichein laden. Es wird sich munter verkleidet, und peinliche Verwechslungen werden provoziert. Der Liebhaber wird beim Auftauchen des Ehemannes in der Wäschetruhe versteckt - die dann samt schmutziger Wäsche in der Themse landet. Das schrammt dann mitunter doch knapp an der Grenze zum Klamauk vorbei, insbesondere, wenn Sir John als Anti-Aging-Expertin Madame Klatsch verkleidet an den misstrauischen Ehemännern Reich und Fluth vorbei aus dem Haus expediert wird - und man dieses danach zur Suche nach dem vermeintlichen Verführer frei gibt. Aber das Ensemble spielt das alles mit einem Augenzwinkern und macht deutlich, dass es mit einem gewissen ironischen Abstand überagiert.

Am Ende wähnt man sich fast in Webers "Freischütz" oder Mendelssohns "Sommernachtstraum", wenn dem Sir im Zauberwald, in den er wieder einmal zum angeblichen Rendezvous bestellt wurde, allerlei Geistergestalten in Gruselmasken erscheinen. Doch Ende gut, alles gut. Falstaff hat seine Lektion gelernt und vier glückliche Paare ziehen von dannen: die Reichs, die Fluths, Anna mit Fenton - und die beiden abgeblitzten Verehrer Spärlich und Cajus miteinander.

© SZ vom 23.10.2017
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