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Speed-Dating mit Lokalpolitikerinnen:"Frauen in die Politik!"

Frauen in der Politik Speed-Dating

"Speed-Dating" im Landratsamt: Lokalpolitikerinnen berichten von ihren Erfahrungen.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Die Gleichstellungsstelle des Landkreises ermuntert Interessentinnen zur Kandidatur bei der Kommunalwahl 2020. Was sie dazu brauchen: Interesse, Offenheit - und mehr Kraft als Männer

Wirklich? Drei Monate lang Wahlkampf? Sabine Lorenz nickt: "Ich war damals jeden Abend unterwegs." Die Geretsrieder CSU Stadt- und Kreisrätin sitzt einer jungen Tölzer Gesprächspartnerin gegenüber, die seit zehn Jahren Hausfrau und Mutter ist. Jetzt ist sie von der örtlichen CSU gefragt worden, ob sie für den Stadtrat kandidieren möchte. Und: Sie möchte. Aber sie möchte auch wissen, wie sich das genau gestaltet. Welche Ausschüsse gibt es, wie laufen die Sitzungen ab, wie lässt sich zeitlich alles vereinbaren?

Karin Weiß, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, und ihre Stellvertreterin Felicitas Wolf haben zu dieser Veranstaltung eingeladen, die am Montagabend in den beiden Sälen des Landratsamts stattfindet. "Frauen in die Politik!" lautet die appellative Überschrift. Im Foyer der Behörde ist dazu eine Wanderausstellung des Landtags zu sehen: "Frau Abgeordnete, Sie haben das Wort". Und nach einem einstündigen Vortrag über 100 Jahre Frauenwahlrecht der Historikerin Daniela Neri-Ultsch geht es für die etwa 25 Besucherinnen zu einem "Speed-Dating". Das dient aber in Wirklichkeit nicht einer Verabredung, sondern dem Informationsaustausch. Die Teilnehmerinnen, die eine Kandidatur als Gemeinde-, Stadt- und Kreisrätin ins Auge fassen, können dazu Amtsinhaberinnen verschiedener Parteien befragen.

Eines erfahren die Frauen von allen Politikerinnen: die nachdrückliche Ermutigung zur Kandidatur. Susanne Merk, Kreisrätin der Freien Wähler, sagt zu ihrem Gegenüber: "Ich bin um jede Frau in dem Gremium froh, weil Frauen einfach eine andere Sichtweise haben." Aus welchen Erfahrungen sich diese Sichtweisen oft ergeben, lässt sich in diesem Gespräch auch lernen. Merk, die FW-Kreisvorsitzende ist, Landwirtin und sechsfache Mutter, berichtet, dass sie seit Längerem ihre Schwiegermutter pflege - und dass das durchaus anstrengend sei. Sie hat dabei dennoch eine frische und muntere Ausstrahlung.

Frauen in der Politik Speed-Dating

SPD-Kreisrätin Gabriele Skiba gibt Auskunft über Voraussetzungen zu einer kommunalen Kandidatur.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Auf die Frage der Gesprächspartnerin, was sie denn tun müsste, falls sie kandidieren wollte, sagt Merk: "Zu mir kommen." Zögern auf der anderen Seite: "Ich würde mir blöd vorkommen." Wieso? "Ich bin nicht in x Vereinen. Zu mir hat noch nie jemand gesagt: Komm, kandidiere! Warum soll ich mich aufdrängen?" Merk sagt, weil es gut sei, wenn Frauen ganz unbelastet in die Politik gehen. Und: "Weil wir froh sind, wenn Leute auf uns zukommen."

Und noch etwas wird den Fragestellerinnen an diesem Abend allenthalben vermittelt - was das Entscheidende für eine Kandidatur ist. "Interesse und eine gewisse Offenheit", sagt Grünen-Kreisrätin Barbara Schwendner. "Das Wichtigste ist, sich einbringen zu wollen. Interesse für die Themen und am politischen Prozess." Alles andere finde sich. Die Frau, die ihr zuhört, fragt nach: Haben Frauen es schwerer in der Politik? Schwendner zögert nicht: "Ganz klar." Die gleichen Dinge würden unterschiedlich kommentiert, je nachdem, ob ein Mann oder eine Frau sie thematisiere. Ihr sei schon gelegentlich ein "Schmarrn!" zugerufen worden. Derartig abwertende Reaktionen erführen Politikerinnen öfter. "Ich glaube, dass Frauen in der Politik tendenziell mehr Kraft brauchen."

Da ist Schwendner ganz auf der Linie von Maria Probst, einer Abgeordneten des ersten bayerischen Nachkriegslandtags. Im Vortrag von Neri-Ultsch wird sie mit den Worten zitiert: "Eine Frau muss immer doppelt so gut sein wie ein Mann." Zudem müsse sie gleichzeitig robuster und sensibler sein. Erst 1986 war es einer Frau in Bayern gelungen, in ein Ministeramt berufen zu werden: Mathilde Berghofer-Weichner wurde allerdings nicht - wie sie es ausdrücklich gewollt hätte - Innenministerin. Als solche schien sie seinerzeit Franz Josef Strauß nicht vermittelbar: Eine Frau an der Spitze der Polizei ... So bekam sie das Justizressort. Am Ende ihres Referats, das von Olympe de Gouges (1748-1793) bis zu Barbara Stamm (Landtagspräsidentin von 2008 bis 2018) reicht, sagt die Historikerin, vieles sei erreicht worden, aber vieles sei immer noch einzufordern: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist nach wie vor aktuell und bedarf noch der Umsetzung."

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bedarf auch die gleiche Teilhabe an politischer Macht noch der Umsetzung. So hat der Kreistag lediglich einen Frauenanteil von 26,23 Prozent; der Durchschnitt aller 21 Gemeinde- und Stadtratsgremien liegt bei 20,43 Prozent mit dem Tiefpunkt Bichl gleich 6,66 Prozent und dem besten Ergebnis in Geretsried mit 32,25 Prozent. Mit Neri-Ultsch gesprochen: "Es sind noch große Herausforderungen zu bewältigen." Es muss aber immer ein dreimonatiger ununterbrochener Wahlkampf sein - das stellt Sabine Lorenz im Gespräch dann doch noch klar.