SPD-Podium in Geretsried Not und Wut

Zeit für Begleitung? Die kommt in der Pflege zwangsläufig oft zu kurz.

(Foto: dpa)

Im Gespräch mit dem berühmten Pflegekritiker Claus Fussek aus Lenggries melden sich verzweifelte und empörte Zuhörer. Der Experte rät zu kommunalen Lösungen.

Von Susanne Hauck

Claus Fussek weiß, wovon er spricht. Der 65-Jährige, den sie "Deutschlands bekanntesten Pflegekritiker" nennen, kämpft seit 40 Jahren gegen Missstände in den Heimen. Fernsehen und Zeitungen berichten gern und oft über den streitbaren Lenggrieser Sozialpädagogen, der als pflegender Angehöriger auch selbst betroffen ist. Weil sein 96-jähriger Vater und die 88-jährige Mutter "mit beginnender Demenz" aber von einer rumänischen Pflegekraft betreut werden, sei es ihm möglich gewesen, am Donnerstagabend zu der Geretsrieder Podiumsdiskussion kommen - anders als die pflegenden Angehörigen, die niemanden als Hilfe haben, wie er sagte.

Da könnte er Recht haben. Die Veranstaltung "Zukunft der Pflege", zu dem der Arbeitskreis "60 plus" eingeladen hatte, war zwar gut besucht. Aber es saßen da: Pflegedienstkräfte, Krankenpfleger, Kommunalpolitiker, Mitglieder des Sozialverbands VdK und Leiter von Seniorenheimen in Wolfratshausen und Bad Tölz. Den Abend moderierte der SPD-Bezirkstagskandidat Wolfgang Werner.

Claus Fussek (l.) unterstützt es, wenn Kommunen selbst Pflegeheime schaffen – so wie seine Heimatgemeinde Lenggries. Neben ihm Moderator Wolfgang Werner (M.) und VdK-Sprecher Maik Kinski.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Bilanz der Pflegepolitik ist ernüchternd. "Waschen im Akkord" und "Sofortprogramm Pflege": Fussek las Schlagzeilen vor, die nicht etwa von heute sind, sondern aus den Achtzigerjahren. Er schilderte Beispiele von Menschen, die in den Heimen nicht auf die Toilette dürfen oder von Dementen, die in den Gängen der Krankenhäuser nicht wissen, wie ihnen geschieht. Jeden Tag erreichten ihn in seinem Büro Hilferufe von Pflegekräften und Angehörigen, sagte er. Dabei gebe es gute Heime, auch im Landkreis. Woran man diese erkennt? "Gehen Sie doch um halb sechs Uhr mal vorbei und schauen, ob die Bewohner noch im Garten sitzen oder schon alle im Bett sein müssen."

Druck auf die Politik

Auch wenn er einen Rechtsanspruch auf Pflegeplätze fordert, ähnlich wie bei den Kitas: Die Lösungen für den Pflegenotstand sieht Fussek vor allem auf kommunaler Ebene. Seine Ratschläge: Als Gemeinde ein Pflegeheim selbst bauen, wie es gerade in Lenggries geschieht, anstatt es gewinnorientierten Betreibern zu überlassen. Als Nachbar nicht wegschauen, wenn ein alter Mensch erkennbar vereinsamt lebt, sondern für ihn einkaufen. Als Ehrenamtlicher sich um pflegebedürftige Altenheim-Bewohner zu kümmern, um das Personal zu entlasten. Als Bürger Druck bei den Kommunalpolitikern ausüben. "Das können wir alle ab morgen machen, dafür gibt's keine Ausrede." Denn es seien nicht die Pflegekräfte, die am Ende der Kette stehen, sondern die Kranken, die Pflegebedürftigen und die Angehörigen. Als deren Anwalt versteht er sich und ruft die Kommunen im Landkreis auf, in eine Art Wettbewerb um die beste Pflege zu treten: "Wir lassen in Geretsried, Wolfratshausen, Bad Tölz unsere Alten nicht im Stich."

Die Idee, die Gemeinschaft mit in die Pflicht zu nehmen, kam beim Publikum an. Dass der Quartiersmanager ein Auge auf die Senioren im Viertel hat, kann sich der Geretsrieder VdK-Sprecher Arno Bock vorstellen. "Die Stadt ist da aufgeschlossen", sagte er. An die Dorfschwester in Benediktbeuern, die sich früher kümmerte, erinnerte die Kochler Seniorenbeauftragte Monika Hoffmann-Sailer. Die Kommunalpolitikerin sagte, dass sie sich oft hilflos fühle. "Einmal im Jahr die pflegenden Angehörigen einladen, das reicht nicht."

Mitarbeiter von Pflegediensten machten ihrem Verdruss an diesem Abend in vielen kritischen, teils hochemotionalen Ausbrüchen Luft. Sie klagten über unsinnige Gesetze oder berichteten von verzweifelten Angehörigen, die keinen Kurzzeitpflegeplatz finden. Maik Kinski, Geschäftsstellenleiter des VdK-Kreisverbands, sprach von Ratsuchenden, die sich von den Krankenkassen schikaniert fühlen und ihr Recht einklagen müssen. Jemand rief wütend dazwischen, man müsse "einen Geretsrieder Widerstandscluster bilden und die AOK mit Widersprüchen zuschütten".