Spaziergang an der Isar:Dschungeltour im Isartal

Isar-Begehung Anton Hofreiter

Auf den Spuren der Renaturierung: Anton Hofreiter erklärt auf einem Spaziergang, was sich an der Isar alles getan hat.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Grüne-Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter zeigt bei einer Exkursion, wie sich die Flusslandschaft verändert

Von Marie Heßlinger, Schäftlarn

Es ist ein abenteuerlicher Trupp, der sich am Sonntag auf Trampelpfaden durch das Dickicht schlägt: In Wanderschuhen und Gummistiefeln weichen mehr als 30 Frauen, Männer und Kinder Pfützen und Zweigen aus. An einem Flussufer machen sie Halt. Eine beißt in ihr Käsebrot, die andere schaut in ihr Fernglas. Und einer spricht, mit langem Haar und lauter Stimme: ihr Anführer Anton Hofreiter.

Die Exkursion findet in seiner Heimat statt, im Landkreis München an der Isar. Vor rund 27 Jahren lief dort die Konzession des Kraftwerks im Mühltal aus. Ein Bündnis aus Fischern, Vogelschützern, Bootsfahrern und anderen Isarfreunden setzte sich dafür ein, dass der Fluss renaturiert wird. Auf neun Kilometern wurde er von seinen Betongrenzen befreit, seitdem dehnt er sich immer weiter aus. Der Biologe Hofreiter war von Beginn an dabei. Seit Studentenzeiten teilt er sein Wissen über die Natur zusammen mit Gerd Zattler, Grünen-Gemeinderat in Schäftlarn, einmal im Jahr auf einem Spaziergang an der Isar. "Ich gehe gerne mit, weil man immer wieder etwas Neues erfährt", sagt ein Mann in Wanderhose. Man merke, dass Hofreiter Biologe sei, stimmt ein anderer ein. "Wenn er hier über die Natur spricht, wirkt er nicht so gestelzt wie im Fernsehen."

Hofreiter indes eilt mit großen Schritten voran. Wenn er stehen bleibt, um etwas zu erklären, nutzt die Gruppe die Gelegenheit, Fragen zu stellen. "Was ist das für eine Schnecke?", fragt ihn ein Bub, der ihm dicht auf den Fersen ist. "Das ist eine ganz normale Häuschenschnecke", sagt Hofreiter, ohne zu lächeln. "Was ist das für eine Pflanze mit den schmalen Blättern?", fragt ein Herr. "Das ist eine Weide", sagt der Grünen-Abgeordnete und blickt in den Wald.

Von Hofreiter lernt die Gruppe, dass manche Weidengewächse noch mitten in der Artbildung sind und deshalb schwer zu bestimmen. Und dass sie Acetylsalicylsäure enthalten, die gegen Kopfschmerz hilft. Dass Totholz wichtig ist für Hunderte Insekten. Dass Buchen 500 Jahre alt werden können und Eichen 1000. Dass Hopfen ein Hanfgewächs ist und - an dieser Stelle lächelt er - man der CSU mal sagen sollte, "dass wenn sie Hanfgewächse verbieten wollen, sie das Bier verbieten".

Ansonsten macht er kaum politische Bemerkungen. Keiner fragt ihn, wie der Wahlkampf läuft, wie es Baerbock geht oder was er von Laschet hält. "Das ist immer so", sagt Hofreiter. "Die Leute interessieren sich für Inhalte." Die Sehnsucht, Dinge in ihrer Komplexität zu verstehen, wird er später sagen, sei "sehr, sehr groß". Sein Wissen und seine Begeisterung für die Isarauen wirken jedenfalls beachtlich.

"Achtung, du steigst fast auf eine Epipactis Atrorubens", ruft er seinem Kameramann zu, als der im Begriff ist, auf eine Orchidee zu treten, die wegen Pestiziden und Kunstdünger immer seltener werde. Und als die beiden auf eine der Kiesbänke blicken, sagt Hofreiter: "Das ist schon sensationell, oder?" Die Isar begeistere ihn, sagt der Abgeordnete. Denn ihr Beispiel zeige, dass es möglich sei, die Natur aus einem "sehr, sehr schlechten Zustand wieder in einen positiven zu verwandeln". Vor zehn Jahren sei der Fluss an manchen Stellen in seinem Betonkorsett nur zehn Meter breit gewesen. Heute sei er stellenweise viermal so breit - und ermögliche Artenvielfalt. Die Isar reißt Bäume mit, die Lebensräume für junge Fische schaffen. Je nach Fließgeschwindigkeit bleiben unterschiedliche Bodenablagerungen liegen. In Ufernähe wachsen dann Erika, Wacholder und Kiefern - oder dschungelartiger dichter Wald. Die Dichte der unterschiedlichen Ökosysteme sei in Isarnähe besonders groß, sagt Hofreiter. Und er betont, wie wichtig das ist. Denn würden zu viele Arten aussterben, reiße eine die andere mit in den Tod. "Deswegen ist es in unserem ureigenen Interesse, dass wir diese Tiere und Pflanzen erhalten."

© SZ vom 13.07.2021
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