Auf der Straße ist Aquaplaning gefürchtet. Beim Trendwassersport Skimboarding hingegen unerlässlich. Skimboarder suchen ganz bewusst, was Autofahrer unbedingt vermeiden wollen, schließlich wollen sie so lange wie möglich auf ihren kleinen schmalen Surfbrettern übers Wasser gleiten. In einem Wolfratshauser Gartengrundstück machen sich an einem heißen Juli-Donnerstag ein paar Kinder und Jugendliche diesen Effekt zunutze. Dafür schleudern sie ihre Miniboards mit Schwung nach vorne auf eine 25 Meter lange Poolbahn, die mit nur wenige Zentimeter hohem Wasser gefüllt ist. Die Nachwuchssportler sprinten hinterher, springen auf das Brett und gleiten auf dem Wasserfilm.
Beim Aquaplaning reißt der Kontakt zum festen Untergrund ab. Die Kontrolle zu behalten und auf dem finnenlosen Miniboard stehenzubleiben, ist eine echte Herausforderung. Erst recht, wenn noch ein Trick mit dabei sein soll. So landet sogar Europameisterin Lydia Blanke mit einem Bauchplatscher im Wasser, als sie einen „Shuvit“ versucht. Bei diesem Trick dreht der Sportler sein Brett mit einem Fußkick um 180 oder 360 Grad in der Luft, ehe er wieder sicher darauf landen soll.


Simon Friedt, der als mobiler Jugendsozialarbeiter für den Kinder- und Jugendförderverein (KJFV) in Wolfratshausen arbeitet, hat das Skimboard-Event an diesem Nachmittag organisiert. Dafür konnte er die mehrfache Europameisterin in dieser Sportart und ihren Lebensgefährten Semjon Szillat – ebenfalls mehrfacher Europameister – als prominente Gäste gewinnen. Das Paar aus Nordrhein-Westfalen ist als „Skimhomies“ in den sozialen Medien bekannt und derzeit für zwei Sportevents auch in München.
In Wolfratshausen können es die Kinder und Jugendlichen kaum abwarten, sich eines der gestellten Miniboards zu schnappen und sich damit aufs Wasser zu werfen. Auch wenn der Spaß im Vordergrund steht, mischt sich doch ein bisschen Ehrgeiz dazu, einen Trick auch zu stehen. So brandet Applaus auf, als der 13-jährige Serafin seinen 180-Grad-Shuvit schafft, ohne ins Wasser zu fallen. Wobei das an diesem extrem heißen Sommertag sogar durchaus angenehm ist.
Die Sportart Skimboarding ist im kalifornischen Künstlerstädtchen Laguna Beach entstanden, das an der Pazifikküste zwischen Los Angeles und San Diego liegt. Ursprünglich sollen Rettungsschwimmer kleine Holzbretter genutzt haben, um in der flachen Brandung schneller zu Verunglückten kommen zu können. Nach anderen Quellen sollen Surfer darauf umgestiegen sein, wenn die Brandungswellen zu flach waren, um mit dem größeren Board darauf gleiten zu können.
Der 29-jährige Szillat ist durch einen Freund zur Sportart gekommen, der das Skimboarden im Urlaub entdeckt hatte. Beide fingen dann als Jugendliche an, in Nordrhein-Westfalen jahrelang auf einem flachen, sandigen Bach zu surfen. Ein weicher Untergrund an Flüssen, Bächen oder Seen ist ideal, um die Sportart auch abseits des Meeres betreiben zu können. Genau das macht es laut Jugendsozialarbeiter Friedt in Oberbayern komplex, geeignete Stellen zu finden. Denn die Gewässer haben dort oft einen kiesigen Untergrund. In den Flachzonen können Sportler ihre Boards schnell zerstören und sich bei Stürzen leicht verletzen.

Friedt selbst hat sich einen mobilen Skimboardpool gekauft. Damit ist er etwa auf dem Wolfratshauser Bürgerfest (dieses Jahr am 25. Juli) präsent. Außerdem organisiert er Kurse für Kinder und Jugendliche über den Isar-Loisachtaler Ferienpass, die im laufenden Jahr in den ersten beiden Augustwochen stattfinden. Friedt surft nach eigenem Bekunden schon sehr lange und fährt im Winter Snowboard. Im Internet sei er vor einigen Jahren auf Reels von Semjon Szillat gestoßen. „Ich war total fasziniert“, sagt Friedt. „Ich habe mir sofort selbst ein Skimboard besorgt.“
Europaweit ist die Szene an professionellen Skimboardern ziemlich klein. „Es gibt vielleicht 30 bis 40 aktive Sportler“, sagt Szillat, Typ blonder Beachboy. Wer Europameister werden will, muss an einer Wettkampfserie teilnehmen. Die Aktiven nutzen bei den Events auch Rampen oder Rails, das heißt Geländer oder schmale Rohre, über die sie mit ihren Boards gleiten und Tricks vollführen. „Skimboarden ist eine Kombination aus Surfen und Skateboarden“, sagt Szillat. Bei den Tricks ist Kreativität gefragt. Die Juroren bewerten die Technik, die Schwierigkeit und die Vielfalt der gezeigten Tricks.
„Du musst möglichst mittig auf dem Board stehen“
Sein „Lieblingsmove“ ist der Big Spin, bei dem sich das Board um 360 Grad dreht und der Körper nochmal um 180 Grad. „Du musst möglichst mittig auf dem Board stehen“, erklärt Szillat. „Sobald du dich reinlehnst, fällst du ins Wasser.“ Wer aus dem Lauf auf das Brett springe, sollte ebenfalls am besten mittig und nicht seitlich darauf landen.
Unter den Frauen ist die professionelle Konkurrenz nochmal kleiner. „Bei den Wettkämpfen nehmen so um die zehn, zwölf Frauen teil“, sagt Lydia Blanke. Von den Preisgeldern lässt sich kein Lebensunterhalt bestreiten. Daher organisiert das Paar als „Skimhomies“ Events und ist auf Festivals zu Gast.
Gleichzeitig wächst die Sportart im privaten Bereich immer mehr. Spaß haben mit den kleinen Brettern kann jeder, wie das Event in Wolfratshausen zeigt. Die Kinder und Jugendlichen dort können es jedenfalls kaum abwarten, immer wieder auf die nasse Bahn zu kommen.

