Cristiane Driemeyer-Stenchly plaudert an einem runden Stehtisch mit den umstehenden Menschen. Sie knabbert an einem Salzgebäck, nippt an einem Glas Wein. „Zum Aufwärmen“, sagt die Skibob-Fahrerin und lacht. Es ist der Abend, an dem die Skibob-Weltmeisterschaften offiziell eröffnet werden. Am Weltcup-Hang des Lenggrieser Skiclubs wird in Kürze die Skibob-Elite um den Weltmeistertitel den Berg hinunterrasen. Doch zuvor hat die Gemeinde Lenggries zum Empfang der Athleten geladen, es gibt belegte Brötchen und Wein. Driemeyer-Stenchlys Gesprächspartner sind ihre Konkurrenten, mit denen sie sich drei Tage lang in den Disziplinen Super G, Slalom und Riesenslalom messen wird. Doch von Konkurrenz ist an diesem Abend wenig zu spüren. „Wir sind eine große Familie“, sagt die 57-Jährige.
Das Wort „Familie“ fällt oft, wenn man mit Athleten, Verbandsfunktionären und den Vertretern der Gemeinde spricht. „Man kennt sich, man hilft sich“, fasst Karsten Rokitta die Stimmung unter den Skibob-Fahrern zusammen. Rokitta ist Präsident des Deutschen Skibob-Verbandes, der zusammen mit dem bayerischen Landesverband und der Fédération Internationale de Skibob (FISB) die Weltmeisterschaften ausrichtet. Die Teilnehmer der WM seien nicht nur Konkurrenten, sondern eben auch Familie, betont Rokitta.

Auf der Piste hingegen geht es durchaus kämpferisch zu. Skibob lässt sich mit dem Downhillfahren beim Mountainbiken vergleichen. Die Athleten sitzen auf einem Gerät, das einem Fahrrad ähnelt. Der Unterschied: Anstelle der Räder hat ein Skibob einen Ski montiert. Auch die Füße der Fahrer stehen auf kurzen Skiern. Dies hilft ihnen dabei, bei Kurvenfahrten das Gleichgewicht zu halten. Den Sport gibt es seit dem 18. Jahrhundert. Als einer der Begründer der heutigen Variante gilt Georg Gfäller. Er beantragte im Jahr 1950 das Patent für den „einspurig lenkbaren Schlitten“. Gfällers Sohn Georg junior gründete 1961 die FISB. Auch die Organisation des Sports ist gewissermaßen eine Familienangelegenheit.
Skibobfahren gehört nicht zu den Breitensportarten, das weiß auch der derzeitige Präsident der FISB, Marc Frapporti. Der gebürtige Luxemburger ist in Personalunion Vorsitzender des bayerischen Skibob-Landesverbandes, der im kommenden Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert. Doch sei der Sport gut vernetzt, sagt Frapporti. Er gehöre etwa dem bayerischen Landessportverband an. „Ich bin zufrieden in Bayern“, sagt er, auch wenn sein Sport, wie viele andere Sportarten, einen Mitgliederschwund zu verzeichnen habe.

Frapporti tritt bei den Weltmeisterschaften selbst an. „Ich will das Gefühl nicht missen, oben an der Startlinie zu stehen, wenn alle hoch konzentriert sind“, gesteht der 56-Jährige. In diesem Jahr ist Lenggries WM-Austragungsort, wie bereits 2018. Man komme gerne her, betont Verbandschef Rokitta. Die Rahmenbedingungen seien sehr gut, sagt er und lobt die Gastfreundlichkeit der Lenggrieser. Auch mit dem Hang sei man zufrieden, immerhin finden hier regelmäßig Skibob-Veranstaltungen statt. Erst im Januar habe man dort die Bayerisch-Deutschen Meisterschaften ausgetragen.
„Für uns ist es eine Ehre, die Skibobfahrer bei uns zu begrüßen“, sagt auch Stefan Klaffenbacher, Bürgermeister von Lenggries. „Man hat ja nicht alle Tage eine WM im Ort.“ Und Lenggries bietet einiges auf: Zur Eröffnung spielt die Blaskapelle, gefolgt von den Kadern der insgesamt neun Nationen marschiert sie zum Rathausplatz. Kinder des lokalen Skiclubs begleiten den Festzug mit Fackeln. Auf der großen Bühne vor dem Rathaus sprechen Vertreter des Skibob-Sports und der Politik Grußworte.
In Lenggries ist es „total nett und gemütlich“
Von Rand aus betrachtet Barbara Achleitner aus Linz das Geschehen. Ihr Mann Markus und ihr Sohn Bruno sind Teil des österreichischen Kaders, aus dem die meisten Fahrer bei dieser WM kommen. Achleitner selbst unterstützt die beiden Athleten. „Ich bin für die Versorgung zuständig“, erzählt die 49-Jährige. Das heißt: Energieriegel reichen und Jacken bringen. Die Ziele seien hochgesteckt, verrät Achleitner. Erst im Januar habe ihr Ehemann Markus die Goldmedaille in der internationalen Wertung bei den Bayerisch-Deutschen Meisterschaften gewonnen. Das wolle er nun wiederholen. In Lenggries fühle sie sich gut aufgehoben, sagt die Österreicherin. Man komme gerne hier her, es sei „total nett und gemütlich.“
Als „schnuckelig“ empfindet auch Driemeyer-Stenchly die Stimmung in Lenggries. „Das Bayerische ist hier so schön“, sagt die Athtletin, die für Brasilien antritt, aber in Köln wohnt. Und ja, die Konkurrenz zu den Mitbewerbern sei da. „Aber auf eine freundschaftliche Art“. Bevor die Wettkämpfe beginnen, wird an diesem Abend im Lenggrieser Rathaus daher noch ein Familienfest gefeiert.
