Unterwegs mit der Skiwacht:Der tägliche Kampf gegen Lawinen

Lesezeit: 5 min

Schneeprofil am Brauneck (offizielles Messfeld des Bayerischen Lawinenwarndienstes

Blick auf Höhe der Bergbahnstation am Brauneck Richtung Süden - eine Neigung von mindestens 30 Grad gilt als potenziell lawinengefährlich.

(Foto: Benjamin Engel)

Rolf Frasch und seine Kollegen von der Skiwacht erstellen am Brauneck Schneeprofile. Sie sind für die Sicherheit von tausenden Wintersportlern verantwortlich.

Von Benjamin Engel

Der Föhnwind bläst an dem Januartag kräftig über das Brauneck. Kurzzeitig muss die Gipfelbahn sogar den Betrieb einstellen. Zu gefährlich sind die Böen für die weit über dem Hang dahinschwebenden Gondeln und damit die Sicherheit der Wintersportler. Gleichzeitig treibt der warme Wind die Temperatur auf Frühlingswerte nach oben. Kurz vor Mittag hat es bei der Ski- und Bergwachthütte auf dem Kamm unterhalb der Gipfelstation in 1500 Höhenmetern sechs Grad plus. Am Nordosthang wenige Meter unterhalb der Hütte hat sich hauchdünner Harsch auf der Schneeoberfläche gebildet.

Zwischen den Fingern zerdrückt Rolf Frasch prüfend die plattenförmig verfestigten Schneekristalle. Die Kruste könnte problematisch werden, sollte es darauf schneien. Der Neuschnee könnte bei entsprechenden Witterungsbedingungen auf dem Harsch abgleiten und als Lawine den Hang hinunterdonnern. Doch an diesem Tag wird der Föhn den Harschdeckel zunichtemachen. "Durch den warmen Wind ist der bald weg", sagt Frasch.

Der 56-Jährige arbeitet in der Wintersaison für die Skiwacht auf dem Brauneck. Zudem meldet er die wichtigsten Schnee- und Witterungsdaten als Frühbeobachter des Bayerischen Lawinenwarndienstes an die Zentrale in München. Rund alle zwei Wochen erstellt er mit seinen Skiwachtkollegen ein Schneeprofil. Mit der Schaufel graben sie sich bis auf den Boden durch. Aus allen Daten erstellt der Lawinenwarndienst die täglichen Lageberichte für die Wintersportler.

Wie wichtig die Daten des Lawinenwarndienstes sind, wurde am dritten Januar-Wochenende deutlich. Bei drei Lawinenabgängen in Oberbayern waren vier Menschen verletzt worden, ein Skifahrer starb im Krankenhaus an den Folgen. Der 30-Jährige war von einer Lawine verschüttet und schwer verletzt worden.

Für das erste Profil im Januar assistieren die Skiwachtler Michi Haugeneder und Markus Wasensteiner ihrem Kollegen Frasch. Der setzt zunächst die Rammsonde auf die Schneeoberfläche. Darauf lässt er ein Gewicht von einem Kilo fallen. Wie leicht oder schwer es einsinkt, verrät ihm den Härtegrad des Schnees. Als die Rammsonde schon fast den Grasboden erreicht hat, sackt sie plötzlich fünf Zentimeter auf einmal ganz nach unten. Diese bodennahe lockere Schicht aus großen, kantigen Schneekristallen können Skifahrer an steileren Hängen - eine Neigung von mindestens 30 Grad gilt als potenziell lawinengefährlich - zum Abgleiten bringen. Am weniger steilen Nordosthang auf dem Brauneck ist die Schicht aber ungefährlich, wie Frasch sagt.

Schneeprofil am Brauneck

Rolf Frasch markiert die Schneeschichten.

(Foto: Benjamin Engel)

116 Zentimeter tief - so hoch liegt der Schnee - graben die Männer mit der Schaufel vertikal bis auf den Boden. So erhalten sie einen Querschnitt der Schneedecke mit ihren verschiedenen Schichten, die sich nach Härte, Kornform der Schneekristalle und Feuchtigkeit unterscheiden lassen. Auf 82 bis 80 Zentimetern Schneehöhe stößt Frasch auf eine Eislamelle. Die hat sich gebildet, weil es damals auf den Schnee geregnet und nachher gefroren hat. Neuschnee hat die Eislamelle inzwischen überdeckt. Als Gleitschicht für Lawinen könnte diese potenziell gefährlich werden. Vom wärmeren Boden steigen die Schneekristalle nach oben auf, bis sie von der kälteren Eislamelle gebremst werden. Darunter würden die Kristalle verdunsten, größer, runder und kantiger werden. "Je größer und runder die Kristalle sind, desto weniger halten sie zusammen", erklärt Frasch. "Das ist wie Zucker, der keine Haftung hat." Unter einem Lupenglas erfasst er die Form und Dimension der Schneekristalle.

Doch im Januar ist der Schnee auf dem Nordosthang am Brauneck gut verfestigt. Bis zum Boden sind die Temperaturunterschiede in den einzelnen Schichten gering, was Frasch mit einem Messgerät, dass er in den Schnee steckt, genau erfasst. Minus 0,6 Grad hat es an der Schneeoberfläche, 15 Zentimeter über dem Boden Minus 0,5 Grad. Durch die gleichmäßig warme Schneedecke ist die Lawinengefahr nur gering. "Das gilt aber nur für genau diese Stelle", sagt Frasch. An anderen Hängen mit anderen Expositionen und Höhenlagen könne das ganz anders aussehen. Für das Schneeprofil braucht das Trio etwa eine Dreiviertelstunde. Alle Daten protokollieren sie in einer Tabelle. Später geben sie ihre Messergebnisse in der Skiwachthütte in den Computer ein.

Auf der Hütte übernachtet Frasch von Montag bis Freitag. Als Mitglied der hauptamtlichen Skiwacht ist er mit seinen Kollegen unter der Woche für die Sicherheit auf dem Brauneck verantwortlich. Am Wochenende übernehmen die Ehrenamtlichen der Bergwacht die Arbeit. Zur Skiwacht zählen am Brauneck neun Mitglieder. Vier sind fest oben am Berg, Je nach Skifahreraufkommen wird aufgestockt.

Die Stiftung "Sicherheit im Skisport" des Deutschen Skivereins (DSV) bezahlt die hauptamtlichen Skiwacht-Mitglieder. Die ARAG-Versicherung zahlt 500 000 Euro im Jahr dazu. Laut Frasch gibt es 270 hauptamtliche Skiwachtler in Deutschland, 70 sind wie er fest angestellt, der Rest sind Aushilfen. Zweimal im Jahr finanziert die Stiftung Behindertenfreizeiten, engagiert sich für Natur- und Umweltschutz.

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