Shitstorm in Lenggries AfD attackiert Bürgermeister

Weil er in Lenggries Einheimische und Geflüchtete in Kontakt bringen will, wird Werner Weindl von einem Shitstorm überflutet. Doch viele Bürger, darunter die Wirtin des Gasthofs Altwirt, zeigen sich solidarisch mit ihm.

Von Petra Schneider

Knapp 100 Geflüchtete leben in Lenggries, Familien und junge Männer, die meisten aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea, Senegal. Seit Januar 2016 kümmert sich Flüchtlingskoordinatorin Annette Ehrhart um die Menschen; sie organisiert Feste, Musikkreise oder Sportveranstaltungen, hilft bei Job- und Wohnungssuche. Probleme mit den Flüchtlingen gebe es nicht, sagt Bürgermeister Werner Weindl (CSU). "Das läuft gut bei uns."

Zumindest bis zu jenem Mittwoch voriger Woche, der eine fremdenfeindliche Demonstration in das Brauneckdorf gespült und Weindl und die Ehrenamtskoordinatorin mit einem Shitstorm im Netz überflutet hat. Der Anlass war die Idee, Kontakte zwischen Einheimischen und Geflüchteten durch eine "Meet and Greet"-Veranstaltung zu fördern. In fünfminütigen Gesprächen sollten sich die jungen Leute kennenlernen und sich über Themen wie Hobbys, Musikgeschmack oder Lieblingsessen unterhalten.

Ein Ablauf wie beim Speed-Dating also, und an diesem unglücklich gewählten Begriff, der in einem Zeitungsartikel gefallen war, entzündete sich eine beispiellose Hetze. Tenor: Man wolle minderjährige Mädchen zur Opferbank führen. Kurzfristig hatte das Bündnis "Kandel ist überall", das sich nach dem Mord an einer 15-Jährigen durch einen Asylbewerber in der rheinland-pfälzischen Stadt Kandel gegründet hat, eine Demonstration angemeldet. Das Landratsamt hatte die Veranstaltung genehmigt, etwa 40 Demonstranten versammelten sich an Maria Himmelfahrt am Lenggrieser Rathausplatz: Zu den Rednern gehörten Linda Amon, Vorsitzende des Bündnisses, Rüdiger Imgart, Landtags-Direktkandidat der AfD in Weilheim, Christina Baum, AfD-Landtagsabgeordnete in Baden-Württemberg, und Michael Stürzenberger, Journalist und Frontmann der islamfeindlichen Szene, "der richtig schlimm gehetzt hat", wie Weindl sagt. Er selbst habe die Demonstration "aus der Nähe verfolgt". So etwas habe er noch nie erlebt, sagt der Bürgermeister.

Von "Fleischbeschau" war die Rede, davon, dass Lenggries das nächste Kandel werde und junge Mädchen von "gewissenlosen Menschen mit Muslimen verkuppelt" würden. Auch die Hetze im Internet sei beispiellos gewesen, sagt Weindl. Hunderte Droh-Mails vor allem gegen die Flüchtlingskoordinatorin seien eingegangenen, mit Inhalten, die man nicht zitieren mag.

Der Bürgermeister hat reagiert: Die Kennenlernveranstaltung, die am selben Abend im Pfarrheim stattfinden sollte, wurde abgesagt. Angemeldet hatten sich ausschließlich junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, Einheimische und Asylbewerber. Das Bündnis feiert die Absage als Erfolg. "Angesichts der großen Proteste" habe die Gemeinde "wohl kalte Füße bekommen" schreibt Stürzenberger auf der Internetseite. Man werde wachsam bleiben, "wenn sie das nächst Mal diese Sauerei planen." Bürgermeister Weindl will nicht von einknicken sprechen; "wir wollten verhindern, dass etwas passiert."

Zumal gleichzeitig im Pfarrheim eine Gruppe der bretonischen Partnergemeinde untergebracht war, zu der auch Menschen mit Migrationshintergrund gehörten. Auch zukünftig werde es solche Kennenlern-Veranstaltungen nicht geben, sagt Weindl, "wir wollen Wirbel vermeiden". Zu Ende erzählt ist die Geschichte damit aber noch nicht. Denn dazu gehört auch die entschlossene Reaktion von Wirtin Ursula Werner: Sie hatte vier AfD-Mitgliedern, die im Anschluss an die Demonstration im "Altwirt" einkehren wollten, des Lokals verwiesen. In ihrem Gasthaus arbeiteten Menschen verschiedenster Nationen, sagt Werner. "Und die, gegen die sie vorhin gehetzt haben, die kochen ihnen dann das Essen" - das gehe nicht an.

Lenggries' Bürgermeister Werner Weindl.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Umgehend führte der Lokalverweis wieder zu Diffamierung im Netz und zur Aufforderung, dem Altwirt schlechte Bewertungen zu geben. Aufgegangen ist die Rechnung nicht, im Gegenteil habe es eine "überwältigende Solidaritätswelle" in den sozialen Netzwerken und von vielen Lenggrieser Bürgern gegeben, sagt Werner. Auf Initiative der KKK-Organisatoren Sabine und Stefan Pfister hätten sich am Samstag an die 70 Lenggrieser in ihrem Biergarten eingefunden, um zu zeigen, "dass sie unsere Haltung unterstützen".