Missbrauch:Wenn Kinder plötzlich schweigen

Gewalt gegen Kinder

Kinder wenden sich bei Missbrauchsfällen zu Hause oft zuerst an Trainer, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen. Diese wenden sich dann an die Beratungsstelle.

(Foto: picture alliance / Nicolas Armer)

Die Beratungsstelle "Fels" im Landkreis versucht seit zehn Jahren, sexueller Gewalt an Minderjährigen vorzubeugen

Von Klaus Schieder

Ein Kind schweigt plötzlich, wirkt abwesend, benimmt sich seltsam. Ein Lehrer, ein Jugendarbeiter oder ein Trainer, der deshalb Verdacht schöpft, das Mädchen oder der Junge sei möglicherweise sexuell missbraucht worden, kann sich im Landkreis seit zehn Jahren an die Fachstelle für Erstberatung, kurz: Fels, wenden. Dabei gehe es um Prävention, sagt Claudia Koch, Leiterin von "Fels" und Fachbereichschefin im Amt für Jugend und Familie des Landkreises. "Es geht darum, sexuelle Gewalt im Vorfeld mindestens zu reduzieren, möglichst aber zu verhindern", ergänzt Christine Klein vom Institut "Fenestra" aus Benediktbeuern. Der Bedarf dafür steigt: Gab es 2018 noch 35 Anfragen bei der Fachstelle, so waren es im Vorjahr bereits 53.

2011 nahm das Fels-Team im Landkreis seine Arbeit auf. Damals war die sexuelle Gewalt an Kindern, etwa in der katholischen Kirche oder in reformpädagogischen Einrichtungen, noch eher ein Randthema in der Öffentlichkeit. Das hat sich geändert, auch durch die Berichterstattung der Medien. "Die Sensibilisierung hat zugenommen", sagt Klein. Unklar ist, ob die steigende Zahl der Anrufe im Landkreis alleine daran liegt - oder auch an der Corona-Pandemie. Dies werde sich "erst im Laufe der Zeit herausstellen", erklärt die Fenestra-Leiterin. Die absoluten Zahlen beim sexuellen Missbrauch von Kindern nehmen laut Fels-Chefin Koch "im Prinzip" zu. Die Dunkelziffer - da seien sich die Fachleute einig - dürfte noch um ein Vielfaches höher liegen als die offizielle Statistik. "Was zugenommen hat, sind die polizeilich erfassten Delikte im kinderpornografischen Bereich, und zwar massiv", sagt Koch. Der Landkreis bildet da keine Ausnahme. Sexuelle Gewalt an Kindern gebe es auch hier, das nehme man sehr ernst, sagt Landrat Josef Niedermaier (FW). "Das ist ein Punkt, der uns alle immer wieder bewegt."

Missbrauch: Christine Klein vom Institut "Fenestra".

Christine Klein vom Institut "Fenestra".

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Fachstelle "Fels" besteht aus einem Netzwerk von 14 Fachleuten. Dazu zählen Sozialpädagogen, Jugendsozialarbeiter, Psychologen, Lehrkräfte, Erzieherinnen, Juristen und Mitarbeiter des "Weißen Rings". Sie unterstützen Eltern, Lehrer, Vereinsvertreter und Jugendliche selbst. Die Erstberatung ist kostenlos und anonym. Meist riefen Erwachsene an, auch Jugendliche im Alter von 17, 18 Jahren, so Koch. "Kinder melden sich nie". Diese vertrauten sich zuerst Lehrkräften, Trainern, Verwandten oder anderen nahe stehenden Personen an, die dann wiederum "Fels" kontaktierten.

Die Hemmschwelle für die Anrufer, sagt Josefine Hause vom Fels-Team und vom Jugendamt des Landkreises, sei oftmals groß. Jemand, der täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeite, wolle diese zum einen vor Missbrauch schützen, mit seiner Vermutung aber auch nicht womöglich Unschuldige in eine prekäre Lage bringen. "Bei uns kann sich jeder melden, der einen Verdacht oder ein komisches Bauchgefühl hat", sagt Haufe. Man nehme die Leute ernst, "denn das ist schon ein großer Schritt für sie". Das Fachteam höre zu, schätze die Situation ein, sortiere Fakten, bespreche die Vorgehensweise. Allerdings sei man "kein Kriseninterventionsteam", auch keine therapeutische Beratungsstelle, so Haufe. "Wir werden nicht irgendwohin hinausfahren." Und erst recht sei man nicht die Polizei. "Wir haben nicht die Aufgabe, Fälle aufzudecken."

Missbrauch: Claudia Koch leitet die Beratungsstelle "Fels".

Claudia Koch leitet die Beratungsstelle "Fels".

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Idee für "Fels" stammt aus der Zusammenarbeit des Amts für Jugend und Familien im Landkreis und "Fenestra", das 2010 noch eine Forschungsstelle an der Katholischen Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern war. Daraus entstand dann das gleichnamige Institut. Die Fels-Mitarbeiter, die von ihren Arbeitgebern für die Beratungsstelle abgestellt werden, bekommen regelmäßig Fortbildungen. Ein Modell, das auch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen seit heuer in Lizenz etabliert. "Fels ist eine Erfolgsgeschichte", sagt Koch.

Das Fels-Team ist unter Telefon 0152/24 33 96 85, per E-Mail an felsteam@lra-toelz.de oder unter www.felsteam.de zu erreichen

© SZ vom 24.07.2021
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