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Sessel rein, Heizung auf:Wahlkampf hinterm Schaufenster

Treffpunkt für Gespräche: Bürgermeister Klaus Heilinglechner (vorne links) begrüßt seine Gäste in der "BVW-Lounge" am Schwankleck.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Bürgervereinigung Wolfratshausen weiht ihre "BVW-Lounge" am Schwankleck ein - und betont die interkommunale Zusammenarbeit.

Die Idee ist bestechend und könnte womöglich bald Schule machen: Wenn andere Parteien und Gruppierungen ihren Wahlkampf auf der Straße führen und sich bei Wind und Wetter hinterm Tapetentisch die Beine in den Bauch stehen, geht es die Bürgervereinigung Wolfratshausen weitaus komfortabler an. Frieren müssen die Aspiranten auf einen Sitz im Rathaus in diesen frostigen Wochen und Monaten jedenfalls nicht. Und das alles geht verblüffend einfach: Man beziehe einen der vielen leer stehenden Läden in der Marktstraße, richte ihn mit Sesseln behaglich her, drehe die Heizung auf und bitte die Wolfratshauser alsbald zum Gespräch herein in die "BVW-Lounge".

Welcher politisch interessierte Passant, so die Überlegung der BVW, wäre da nicht bereit, unter so angenehmen Umständen ein Viertelstündchen mit Bürgermeister Klaus Heilinglechner zu plaudern oder bei einem der BVW-Stadträte seine Hoffnungen und Kümmernisse loszuwerden? Umso erfolgreicher könnte dieses Konzept sein, als die Räumlichkeiten dank der riesigen Schaufenster der ehemaligen Buchhandlung Schwankl am Obermarkt durchaus den Eindruck der Transparenz vermitteln, wie ihn die BVW propagiert.

Weil Hausherr John Schille selbst Mitglied der Bürgervereinigung ist und für die kommenden Monate auf Miete verzichtet, und weil BVW-Stadtrat Josef Praller als Schreinermeister ein ausgewiesener Experte für Inneneinrichtungen ist, ließ sich die Idee gut umsetzen. Freilich habe es "vieler fleißiger Bienchen" bedurft, um den leer stehenden Laden mit Leben zu erfüllen, stellte der BVW-Vorsitzende Thomas Eichberger am Freitagabend bei der offiziellen Eröffnung fest. Jetzt heiße es "Gas geben und durchhalten bis März". Die Lounge solle "ein Ort der Kommunikation sein, an dem die Bürger mitreden dürfen". Es gehe aber auch "ums Interkommunale", fuhr Eichberger fort - ein Anspruch, der zumindest beim Stehempfang am Freitagabend erfüllt wurde: Unter den Gästen fanden sich viele Vertreter aus den angrenzenden Gemeinden, darunter die Bürgermeister aus Eurasburg, Egling und Münsing, Moritz Sappl, Hubert Oberhauser und Michael Grasl, alle Vertreter der Freien Wähler und der Bürgervereinigung zugetan. Heilinglechner gelobte, die Kooperation mit den Kommunen im Nordlandkreis intensivieren zu wollen und stellte den Gedanken einer konstruktiven Nachbarschaft in den Vordergrund. "Wolfratshausen und Geretsried wachsen langfristig zusammen", prognostizierte der Bürgermeister, "und das geht leichter und geordneter, wenn wir bei der Stadtentwicklung zusammenarbeiten." Insbesondere die Veränderungen, die mit der Verlängerung der S 7 zu gewärtigen seien, gelte es "in einem gemeinsamen Prozess zu gestalten". Wichtig sei bei alledem, "am Boden zu bleiben und unsere schöne Stadt weiter nach vorn zu bringen". Das Wahlkampfprogramm und die Öffnungszeiten der Lounge, die man auf gut Deutsch auch "Treff" nennen könne, seien bislang noch nicht bis ins Detail festgelegt, sagte Heilinglechner.

Mit leicht holprigen Versen wandte sich Überraschungsgast Sankt Nikolaus, begleitet vom Krampus, an die Gäste: "Jedes Jahr um diese Zeit schau ich, ob ihr auch brav gewesen seid. Ich muss euch aber loben, ich habe viel Gutes gesehen von oben." Etwas kryptisch fügte der Mann in Rot an: "Ich wünsche jedem, dass ihn das Amt kriegt, das ihn verdient."

© SZ vom 09.12.2019/aip
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