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Serie: Tierisch kalt:Wo der Storch auf dem Speiseplan steht

Die Benediktbeurer Störche überwintern unter lebensgefährlichen Umständen in Afrika, denn sie sind Nahrung für die dort lebenden Menschen.

Als 2012 unerwartet Störche ihr Nest auf dem Dach des Klosters Benediktbeuern bauten, war man dort ebenso erfreut wie erstaunt. Denn fast acht Jahrhunderte zuvor, um 1250, haben sich Störche nachweislich zuletzt in Benediktbeuern niedergelassen. "Das geht aus dem Rezeptbüchlein des Klosterapothekers hervor", erläutert Pater Karl Geißinger, Rektor des im Kloster angesiedelten Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK). "Denn dort wurde Storchenmist als Medikament aufgelistet."

Auf dem Dach des Klosters Benediktbeuern bewohnen Störche seit fünf Jahren ein Nest.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Damals müsse es wohl eine Wärmeperiode hier im Voralpenraum gegeben haben, die die Störche anlockte. Dann war es diesen lange Zeit schlichtweg zu kalt in unseren Gefilden. Nur vereinzelt mögen sich welche in der Gegend aufgehalten haben, mutmaßt Geißinger. Seit ein paar Jahren sind nun Wanderbewegungen der Tiere aus ihren angestammten Regionen in Osteuropa wie den östlichen und nördlichen Bundesländern nach Bayern zu beobachten. So hat der Klimawandel auch seine gute Seite, jedenfalls was das Sommerdomizil der Vögel angeht. In ihren Winterquartieren verkehrt sich das ins Gegenteil: "Je heißer und trockener es in Afrika wird, desto höher wird die Verlustrate liegen", erklärt der Pater. Aber nicht nur, weil die Nahrungssuche für die Störche dort dann schwieriger wird, sondern auch weil sie selbst zur Nahrung werden.

Pater Karl Geißinger und die Leiterin der Umweltjugendbildung Doris Linke studieren den Reiseweg der Störche.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Während die Redewendung "Da brat' mir einer einen Storch!" hierzulande etwas Unvorstellbares zum Ausdruck bringen will, stehen die Tiere in den afrikanischen Ländern nämlich tatsächlich auf dem Speiseplan. "Gerade wenn es heißer wird, scharen sich die Störche um Oasen und Bachläufe. Dort können sie dann relativ problemlos bejagt werden." Die politische Situation im jeweiligen Land spiele dabei auch eine Rolle: "Wo Bürgerkrieg und daraus resultierende Hungersnot herrschen, werden sie zur leichten Beute", führt Geißinger aus. Und wer sich ein wenig in Orffs "Carmina Burana", den "Liedern aus Benediktbeuern" auskennt, dem kommt die Tenor-Arie des gebratenen Schwans in den Kopf. Wer weiß, ob sich damals bei den festlichen Gelagen nicht auch mal ein gebratener Storch auf der Tafel befunden haben mag.

Der Reiseweg der Störche.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Um die Reiserouten der Störche zu erkunden, hat man sie lange Zeit beringt. Der Ring musste in einem schmalen Zeitfenster angebracht werden: Waren die Jungtiere noch zu klein, dann rutschte der Ring nach unten auf den Fuß und ließ beim weiteren Wachstum die Zehen verkrüppeln. Wagte man den - aus Sicht der Störche - Angriff auf die Brut zu spät, bestand die Gefahr, dass sich diese vorzeitig aus dem Nest stürzte und dann nicht wieder hinauf fliegen konnte. Neben dieser heiklen Situation des Beringungsvorgangs hat auch die Tatsache, dass man selten einen Storch mit Ring am Bein zur Auswertung auffand, dazu beigetragen, von diesem Verfahren Abstand zu nehmen. "Stattdessen implantiert man ihnen nun einen kleinen Sender unter die Haut", erklärt Geißinger. Das kann im frühen Lebensalter geschehen, da er das Jungtier beim Wachstum nicht behindert. "Und man kann die Bewegung des Storches genau am Computer verfolgen.

Solch genaue Aufschlüsse über Reiserouten und deren klimabedingten Veränderungen konnten wir früher nicht gewinnen." Nachteil der neuen Technik: Sie ist sehr teuer. Deshalb wurde bisher auch noch keines der Benediktbeurer Tiere besendert. Doch das ZUK wird einen Antrag auf finanzielle Förderung stellen, damit es "seine Störche" auf ihrem Weg künftig ebenfalls begleiten kann. Die Jungtiere haben den Reiseweg übrigens nicht von Geburt an gespeichert, sondern sie schließen sich erfahrenen Vögeln an. Von Benediktbeuern fliegen sie am Alpenrand entlang über die Pyrenäen nach Spanien, über Gibraltar geht es zur Westküste Afrikas, wo sie sich auf die einzelnen Länder verteilen. Welches Tier welches Land anfliegt, ergebe sich wohl aus den Gepflogenheiten der früheren Reisegenossen, vermutet Geißinger. Mitunter kommt es auch vor, dass ein Storch gar nicht nach Afrika aufbricht. Die lange Reise überstehen nur Tiere mit guter körperlicher Kondition. Es liegt nahe zu vermuten, dass Störche, die sich den Strapazen nicht gewachsen fühlen, hier überwintern. Die Kälte macht den Tieren dabei wenig aus, da sie die Wärme besser speichern können als die kleinen Singvögel. Und Meise oder Spatz überstehen die hiesigen Winter schließlich auch. Es ist nur die Nahrungsknappheit, die die Störche zu ihrer weiten Reise veranlasst. Doch solange keine Schneedecke liegt und kein lang anhaltender Frost herrscht, finden sie auch in unseren Breiten noch Mäuse, Regenwürmer, kleine Schnecken oder Fische. "Manche Störche fliegen dann im Januar, wenn es hier nochmals richtig kalt wird, an den Bodensee, wo das Klima milder ist, oder bis nach Spanien", erzählt der Pater.

Unter Fachleuten ist es umstritten, ob man mit gezielter Fütterung die Tiere zum Hierbleiben animieren oder das natürliche Verhalten, also die Winterreise nach Süden, unterstützen sollte. "Doch im Sinne der Erhaltung der Population tendiert man zunehmend zu ersterem", sagt Geißinger. Und an dieser ist natürlich auch das ZUK interessiert. Da sich das Nest der Benediktbeurer Störche zunehmend in Absturzgefahr befindet. Weil sich der Schwerpunkt durch "unkontrollierte Anbauten" verschoben hat, wurde ihnen nun ein Neubau in bester Lage errichtet. "Wir sind schon sehr gespannt, ob sie ihn annehmen, wenn sie im Februar oder März zurückkehren", lächelt Pater Geißinger.