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Serie "Klostergeister":Sinn und Sinnlichkeit

Klostergeister

"Ich könnte ein paar Blumen aus dem Garten aquarellieren" - das geht bei Johanna Eder ganz schnell und eigens fürs Foto.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Johanna Eder ermöglicht dem Publikum der Ausstellungen in Beuerberg individuelle Zugänge, mal kreativ, mal meditativ. "Jeder kann sich einbringen"

Von Stephanie Schwaderer, Eurasburg

Wie erleben blinde Menschen den Totengang im Kloster Beuerberg? Welche Raumwirkung entsteht durch den unebenen Boden, den Geruch der frisch gekalkten Wände und den Klang der Musik? "Manche fühlen sich unwohl, manche ergriffen", sagt Johanna Eder, "und andere sagen: Mei, ist halt ein Gang." Sie lacht. Die versierte Museumspädagogin hat in diesem Sommer erstmals den Versuch gewagt, Sehbehinderte durch die Ausstellung "Tugendreich" zu führen, hat sie horchen, riechen und tasten lassen, um "innere Bilder zu erzeugen". Eine intensive Erfahrung sei das gewesen, erzählt sie begeistert. Und darin besteht Eders Aufgabe im Klosterteam: Besuchern einen individuellen und sinnlichen Zugang zum Ort und zu den Ausstellungsthemen zu ermöglichen. Sie teilhaben zu lassen.

Zum dritten Mal ist Eder für das gesamte Begleitprogramm zuständig. Dieses fällt selbst im Corona-Sommer üppig und großzügig aus. Es gibt immer wieder neue Themen-Führungen durch Haus und Garten, wechselnde Workshops, Programme für Schulen und Kindergärten. Hunderte Angebote hat sie in den vergangenen Jahren organisiert. Im Kloster wird gebacken, genäht und gehämmert, mal lädt eine Filmwerkstatt, mal ein Soundlabor zum Experimentieren ein. "Dieser Ort hat für alle etwas zu bieten", sagt Eder. "Und das soll sich auch im Programm zeigen. Jeder kann sich einbringen."

Die promovierte Kunstpädagogin hat schon an verschiedenen Häusern gearbeitet. Das Außerordentliche in Beuerberg sei die Durchlässigkeit und die große Freiheit, die sie hier genieße, sagt sie. Wenn Christoph Kürzeder, Leiter des Diözesanmuseums Freising und Visionär in Beuerberg, im kleinen Kreis eine neue Ausstellung konzipiere, sei sie von Anfang an dabei. Sobald die Themen und Fragestellungen im Groben feststünden, dürfe sie eigenständig agieren. "Meist arbeite ich assoziativ", sagt sie. "Wo gibt es Anknüpfungspunkte im Alltag, welche Exponate sind formal interessant, welche Techniken lassen sich übertragen?"

Unter dem aktuellen Motto "Tugendreich" können sich alte und junge Gäste in der Klosterwerkstatt beispielsweise in Geduld und Maßhalten üben. Auch die Salesianerinnen, die bis 2014 in Beuerberg lebten, hätten sich mit Handarbeiten nicht nur die Zeit vertrieben, sagt Eder. "Das war oft Gottesdienst mit den Händen." Wer sich heute auf einen der alten Holzschemel setzt und zu Garn und Nadel greift, muss keine Reliquien oder filigrane Messgewänder besticken, auch wenn es "runtergebrochene" Angebote in dieser Richtung gibt - das Verzieren von Breverln etwa. In anderen Workshops können sich Besucher ganz profan ein Armband oder einen Gürtel fertigen oder in Schönschrift eine Einladungskarte gestalten.

"Bei jedem Angebot geht es darum, einen Bezug zur eigenen Biografie zu finden", sagt Eder. "Das kann auch etwas Banales sein, der Gedanke: Ach, mal wieder etwas basteln." Wichtig sei die unmittelbare und einfache Begegnung, das sinnliche Tun, das Erlebnis, zugehörig zu sein. "Man öffnet sich, wenn man hier sitzt." Sie hat in der Werkstatt schon Kartoffelstempel geschnitzt und Nüsse vergoldet, war erstaunt, als traumatisierte Geflüchtete - "lauter junge Männer" - einen Feuereifer darin entwickelten, Stofftaschen zu bedrucken. Immer wieder erlebe sie innige Momente und die Bestätigung, "mit Hilfe der Kunst zur Menschenbildung beizutragen".

Worauf sie beim aktuellen Programm besonders stolz ist: "Dass es überhaupt stattgefunden hat. Dass es uns gelungen ist, in diesen verrückten Ausnahmezustand ein Stück Normalität zu bringen." Dies gelte für die Gäste, aber auch für ihr Team, dem mittlerweile 40 Frauen und Männer angehören. Viele Künstlerinnen und Handwerkerinnen aus der Umgebung sind darunter. Ein Grund, warum das Kloster nichts Aufgesetztes habe. Ein Dauerbrenner sei Elke Härtls offenes Atelier. "Sie hat eine ganze Generation von Kindern an sich gebunden." Auch der Klostergarten schlage dank der engagierten Wissensvermittlerinnen Rosi Manhart und Sibylle Reinicke immer mehr Leute von nah und fern in seinen Bann.

Eder erlebt den einstigen Rückzugsort der Salesianerinnen als ambivalent. "Er erzeugt Ruhe und zugleich provoziert er Aufwühlung." Das Kloster sei nicht nur ein nostalgischer, sondern vor allem ein vielschichtiger Ort. "Und er ist offenbar magnetisch", scherzt sie. "Er bewirkt, dass immer mehr Leute kommen."

An diesem Freitagabend ist die Werkstatt verlassen und kalt. Wie bringt man auf die Schnelle Atmosphäre für den Pressefotografen ins Bild? "Ich könnte ein paar Blumen aus dem Garten aquarellieren", schlägt Eder vor. Fünf Minuten später sitzt sie vor einem Strauß frisch geschnittener Astern, fängt mit ein paar gekonnten Pinseltupfern deren Zauber ein, lächelt ungeschminkt in die Kamera und beantwortet nebenbei noch ein paar Fragen. Anschließend verschenkt sie die Blumen und das Bild. Aber zuvor zückt sie noch schnell das Handy: Selbst ein Foto machen für Instagram. Die 708 Follower, die das Kloster mittlerweile auf diesem Kanal hat, sollen schließlich auch etwas von dem Moment haben.

© SZ vom 02.11.2020

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