Serie Bau-Geschichten Ein Tempel für die Kur

Die Trink- und Wandelhalle wurde von den Architekten Heinz Moll und Ernst von den Velden Ende der Zwanzigerjahre entworfen. Mit 110 Metern Länge und 15 Metern Breite ist sie die größte ihrer Art in Europa. Wie es mit dem Gebäude weitergehen soll, ist zwischen der Stadt und dem Eigentümer Jodquellen AG umstritten.

Von Alexandra Vecchiato

Geschäftiges Treiben herrscht in der Tölzer Marktstraße. Dort, wo der Münchner Architekt Gabriel von Seidl dem Historismus ein pittoreskes Denkmal gesetzt hat, sind die Tische der Cafés und Eisdielen gut besetzt. Die Schulkinder haben noch Ferien, viele Touristen besuchen die Kurstadt in diesen Tagen. Jenseits der Isar, im Kurviertel, ist das Bild ein anderes. Besonders ein Flecken scheint im Dornröschenschlaf versunken - nur, dass statt Rosen die überbordenden Ranken Wilden Weins die Szenerie beherrschen. Von der Ludwigpromenade aus kann man die Wandelhalle kaum erkennen, hinter dem grünen Vorhang indes offenbart sich ein architektonisches Kleinod. Oder wie es Florian Hüttner formuliert: "Ein Superding von vorne bis hinten."

Es sei für ihn jedesmal ein "total angenehmes" Gefühl, wenn er die Eingangstür zur Trinkhalle aufschließe und das große Rund mit der griechischen Göttin Hygieia in der Mitte betrete, sagt Hüttner. Die Trink- und Wandelhalle wurde 1929/30 von den Architekten Heinz Moll und Ernst von den Velden im Auftrag der Jodquellen AG als dreiteiliger Komplex errichtet. Das denkmalgeschützte Gebäude ist bis heute in Besitz der Gesellschaft der Familie Hoefter. Von außen mag man es kaum glauben - die Wandelhalle ist mit 110 Metern Länge und 15 Metern Breite die größte ihrer Art in Europa. Erst im Inneren erschließen sich die Ausmaße, die Höhe und Weite. Sie ist ein moderner Tempel - erschaffen, um heilendes Jodwasser frisch aus der Quelle zu trinken und anschließend in der lang gestreckten Wandelhalle zu flanieren. Kurgäste wurden im Konzertsaal im hinteren Bereich des Traktes mit Musik unterhalten. Im dem Park, der zum Areal gehört, befindet sich ein Musikpavillon.

Die Trink- und Wandelhalle in Kurviertel von Bad Tölz steht seit Jahren leer.

(Foto: Manfred Neubauer)

In den 1980er-Jahren war die Zeit der Trinkkuren vorbei. Vollends an Bedeutung verlor die Wandelhalle nach der Gesundheitsreform und dem Niedergang der Kur in den 1990er-Jahren. Seit Langem stand sie leer - und wartete darauf, gleich Dornröschen wachgeküsst zu werden. Hier kommt Florian Hüttner ins Spiel. Der gebürtige Tölzer ist Mitglied der Galerie für Landschaftskunst (GFLK) in Hamburg, einem freien und selbst organisierten Künstler-Projektraum und gemeinnützigen Verein. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München lebte er 18 Jahre lang in Hamburg. Als Kind habe er mit der Wandelhalle nichts zu tun gehabt, erzählt der 53-Jährige. "Ich lebte ja auf der anderen Seite der Isar." 2006 kam er auf Einladung der Jod AG, die Stipendien am Künstler vergab, zurück in seine Heimatstadt und lernte die Wandelhalle als Ort kreativen Schaffens kennen. Damals sei die Idee gereift, das historische Gebäude mit Leben zu füllen und als Ausstellungsstätte zu nutzen. 2011 stellte die Jod AG der GFLK die Halle als Dependance im Süden der Bundesrepublik unter der Leitung von Hüttner und Stephan Dillemuth zur Verfügung.

Schnörkellos

Die architektonische Moderne der 1920er-/1930er-Jahre, die auch als Neues Bauen, Neue Sachlichkeit, Funktionalismus oder Bauhausarchitektur bezeichnet wird, möchte mit der Bautradition vergangener Jahrhunderte brechen. Priorität hat mehr und mehr die Industrialisierung des Bauens. Gestalterisch setzen der Verzicht auf Ornamentik, Flachdächer, geschwungene Gebäudefronten und großzügige Verglasungen neue Akzente. Licht und Luft sollen in die Innenräume gelangen. Die Form der Bauten soll sich aus ihrer Funktion ergeben, nach dem Motto des amerikanischen Architekten Louis Sullivan: "form follows function". Die sogenannte gläserne Ecke, die sich manchmal nur als um die Ecke verlaufendes Fenster zeigt, ist ein Markenzeichen. Dem Bauwerk die Schwere zu nehmen, mobil statt immobil zu machen, war ein wichtiges Ziel der Moderne - in Abgrenzung von bisherigen Werken der Baukunst, wie dem griechischen Tempel oder dem Renaissancepalast. K. Voss

Seitdem organisiert die GFLK dort ein-, zweimal im Jahr Ausstellungen und Projekte mit internationalen Künstlern. Kein leichtes Unterfangen. Ein überregionales Kunstpublikum nach Bad Tölz zu holen, sei eine Herausforderung, sagt er. Der GFLK gelang dies. Wie lange das so bleiben wird, kann Hüttner nicht beantworten. Um die Immobilien der Jod AG im Badeteil ist ein Streit zwischen den Eigentümern und der Stadt entbrannt. Diesem Konflikt hat die GFLK Süd das Projekt "Halle - Politik" gewidmet. Die Frage, ob aus heutiger Sicht ein derart unökonomisches Gebäude gehalten und umgenutzt werden könne, stelle sich durchaus, sagt Hüttner. Und liefert selbst die Antwort: Mit Empathie und Enthusiasmus könnte aus der Trink- und Wandelhalle eine dauerhafte Stätte für Kunst und Kultur werden.

Die Jod AG plant in der Wandelhalle und ihrem Umfeld Gastronomie, Ausstellungsräume, Gewerbe (Büro, Schulungsräume) und Wohnen. Wohnbebauung soll auch auf der gegenüberliegenden Fläche des früheren Spaßbades Alpamare und des Hotels Jodquellenhof entstehen. Dagegen wehrt sich die Stadt und hat eine Veränderungssperre verhängt. Sie möchte in diesem Bereich eine touristische Nutzung sicherstellen. Der Dornröschenschlaf mausert sich zum lähmenden Stillstand.

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Was wiederum bedeutet, dass die GFLK vorerst weiter Ausstellungen in historischem Ambiente im Oberland konzipieren kann. Als nächstes Projekt plant Hüttner im Oktober eine Ausstellung eigener Werke unter dem Titel "super / bad Tölz". Eine Liaison auf Zeit sozusagen. "Wenn Schluss ist, ist Schluss", sagt der 53-Jährige. Doch aus der Wandelhalle eine Tölzer Kunsthalle zu machen, ist ihm weiter ein Anliegen. "Es bräuchte jemanden, der es einfach macht."