Serie Bau-Geschichten, Teil 3 Kalte Zimmer, warme Atmosphäre

Im Winter hat es Albert von Schirnding auf Schloss Harmating trotz antiker Kachelöfen nicht gerade behaglich. Nur zwei Räume werden dann mit Holz beheizt. Dennoch würde der Schriftsteller niemals ausziehen. "Es ist viel menschlicher als moderne Bauten", sagt er.

Von Claudia Koestler

Wenn die Tage wieder kürzer werden, greifen die meisten Menschen zum Telefonhörer und ordern Heizöl oder Hackschnitzel. Albert von Schirnding hingegen hält Ausschau nach den Wärmflaschen im Haus. "Eine der besten Erfindungen der Menschheit", findet er. Auf die Frage, wie es sich in der mittelalterlichen Turnburg zu Harmating lebt, ist eine der ersten Beschreibungen, die dem Schriftsteller und pensionierten Lehrer einfallen: "Man friert hier ungeheuerlich!" Nicht an Tagen wie diesen, an einem schönen und warmen Augusttag. "Aber von Oktober an wird wieder gefroren bis in den Mai hinein. In gewisser Weise bin ich also eher ein Freund des Sommers", sagt der Dichter und lacht.

Wiedergeburt der Antike

Die Renaissance beginnt nach 1400 in Italien. Antike Bauformen, horizontale Gliederungen und ideale Proportionen bestimmen die Bauten. Um 1550 prägte der Künstler Giorgio Vasari den Begriff von "la rinascita", der "Wiedergeburt". Gemeint ist das Wiederaufleben antiker und humanistischer Ideen in Gesellschaft, Kunst und Architektur. Das französische Wort "Renaissance" wird erste ab dem 19. Jahrhundert gebraucht.

In Deutschland werden zu Beginn des 16. Jahrhunderts die ersten Werke des neuen Stils geschaffen, gedanklich eng verbunden mit dem Aufbruch in der Reformation. Man überwindet langsam die Gotik, wohlhabende Bürger lassen sich Privatkapellen in Kirchen bauen, Burgen werden wohnlicher. Als erster Bau hierzulande gilt die Fuggerkapelle in Sankt Anna in Augsburg. Vollendet wurde sie 1512 - etwa 100 Jahre, nachdem man in Florenz mit der riesigen Domkuppel von Santa Maria del Fiore des Filippo Brunelleschi die Wiederauferstehung des römischen Pantheons feierte. Die 1513 erbaute Grablege der Tölzer Pflegerfamilie Winzerer in der Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt ist das erste Beispiel für Renaissance im Landkreis. Im 17. Jahrhundert ist der Stil überall in Deutschland angekommen. In Italien baut man nun barock. K. Voss

Schloss Harmating ist weniger auf bequeme Wohnlichkeit ausgerichtet. Es hat "eher musealen Charakter", wie der Hausherr sagt. Zwar haben die meisten der 14 Zimmer antike Kachelöfen, "aber wir können sie nicht anfeuern, weil sonst die Deckengemälde rußig werden". In der kühleren Jahreszeit zieht sich die Familie deshalb in Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoss zurück. Diese Räume beheizt er mit Holz aus den eigenen, umliegenden Wäldern. Unterm Dach habe er noch einen Arbeitsraum, "den wärme ich dann manchmal notdürftig mit einem Heizöfchen". Aus der Bibliothek hole er fröstelnd nur schnell ein, zwei Bücher heraus, erzählt er.

Sein geschichtsträchtiges Haus kann Albert von Schirnding nicht lange allein lasse. "Dann ist es beleidigt."

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Komfortabel sei ein solches Haus folglich nicht. "Man muss gewisse Opfer bringen, wenn man darauf aus ist, das man es erhält." Die Unannehmlichkeiten würden aber aufgewogen durch die positiven Seiten, in einem solchen Gemäuer wohnen zu können: "Es ist nämlich viel menschlicher als moderne Bauten." Deswegen sei es ihm nie in den Sinn gekommen, das Schloss von Harmating, wie die Turmburg im Volksmund genannt wird, gegen ein modernes Häuschen oder eine Eigentumswohnung einzutauschen.

Das Esszimmer hat einen Erker aus der Renaissance, der mitunter als Katzentischnische diente.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Seit dem 16. Jahrhundert bis hinein ins 20. Jahrhundert gehörte Schloss Harmating der Münchner Patrizierfamilie Barth. Schirndings Mutter erbte das Gebäude von einer Cousine, doch die Familie Barth ist bis heute sehr präsent im Haus. Und dies nicht nur mit den unzähligen Jagdtrophäen, welche die Eingangshalle und Gänge zieren, weil das Schloss vorwiegend als Jagdsitz diente ("nicht mein Geschmack, aber ich nehme es hin", sagt von Schirnding dazu). Die Barths sind auch vertreten in zahlreichen Familienporträts, Wappen und in der Kassettendecke im Esszimmer, in denen die beruflichen Positionen der Familienmitglieder verewigt sind. Und sie leben auch weiter in so manchem Namen der Räume: So heißt eines "Kanzlerzimmer", weil zwei der Barths Landschaftskanzler waren. "Wenn man so will, waren sie Vorläufer der Landtagspräsidenten", erklärt von Schirnding.

Im Kapellenzimmer führt eine Treppe zur Kirchenempore.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wohin das Auge blickt, lassen sich im ganzen Haus Besonderheiten entdecken: Im Gang hängen noch die Schneeschuhe von Hermann von Barth, einem Bergpionier aus dem 19. Jahrhundert und bekannt als Erschließer des Karwendels. Über der typischen, hölzernen Renaissance-Türe im Esszimmer erinnert eine Inschrift daran, dass die alte Kesselbergstraße 1492 auf Geheiß der Barths gebaut wurde.

Überhaupt, das Esszimmer: "Bei dem geht es schon los mit der Frage nach dem alltäglichen Wohnen", sagt von Schirnding. "Denn wir nutzen es eigentlich nie zum Essen - außer, wenn einmal Gäste da sind". An einer langen Tafel wartet das antike Geschirr, auf einer Anrichte steht ein Humpen mit dem Barthschen Wappen, der gut und gerne drei Liter Bier fassen könnte. Doch der Blick fällt vor allem auf einen markanten Erker in der Mitte der Außenwand im Stile der Renaissance. Eine Inschrift notiert, dass er bereits 1695 renoviert wurde. "Seither hat er sich ganz gut gehalten", sagt der Schriftsteller. "Als Kinder mussten wir immer da sitzen, quasi am Katzentisch - aber immerhin ein bisschen erhöht, wir konnten also auf die anderen runterschauen", erzählt er lachend. Auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors birgt ein Schlafzimmer mit Himmelbett eine Überraschung: Eine Treppe führt direkt auf die Empore der Schlosskapelle. "Eine meiner Schwestern wurde hier in dem Zimmer geboren, und meine Mutter konnte so ihre Taufe vom Wochenbett aus miterleben", berichtet der Hausherr.

Eine mittelalterliche Turmburg voller Besonderheiten ist Schloss Harmating.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bevor seine Mutter das Gebäude im Jahr 1940 erbte, war Albert von Schirnding öfters auf dem Harmatinger Schloss zu Besuch gewesen. "Mein Vater war Verwaltungschef bei Thurn und Taxis in Regensburg. Da man nicht wusste, ob die Stadt nicht auch bombardiert würde, zog unsere Mutter 1942 mit uns Kindern ganz hierher", erinnert er sich. Nach dem Krieg nutzte es die Familie vorwiegend in den Ferien. Das Pendeln als Kind zwischen der Stadt Regensburg und dem ländlich-ruhigen Harmating, "das hat sich wunderbar ergänzt". 1965 verlegten seine Eltern schließlich ihren ständigen Wohnsitz nach Harmating. Anfang der 1990er Jahre zog von Schirnding mit seiner Familie ein. Auch wenn er es zwischendurch mal genieße, in einem Hotel zu sein: Mehr als ein paar Tage sei er nie weg, sagt er. "Man kann nämlich das Haus nicht ohne Weiteres alleine lassen. Ein paar Tage geht, aber nicht länger. Dann ist es beleidigt. Dann kommt man nach Hause, und es ist alles Mögliche passiert." Trotzdem empfinde er das Gebäude als relativ pflegeleicht. "Man hat nicht dauernd fürchterliche Dinge zu reparieren. Das größte Sorgenkind ist das Dach, weil es alle paar Jahrzehnte neue Schindeln braucht."

Wünschenswert wäre zwar eine Zentralheizung, doch mit seinen inzwischen 82 Jahren scheut von Schirnding den Aufwand. "Ich will nicht mehr erleben, wie hier alles aufgerissen wird." Einen Versuch mit einer anderen Form einer Heizung wagten einst seine Eltern: Sie bauten Nachtspeicheröfen ein. Als er schließlich selbst mit seiner Frau einzog, ließen sie diese wieder entfernen, weil die Öfen mit Asbest verseucht waren. Doch abgesehen von einer Zentralheizung "haben wir hier alles: Fernsehen, Internet, Waschmaschine, Herd, Kühlschrank, den ganzen notwendigen Komfort, auch Heißwasser über einen Boiler." Und vielleicht noch mehr. Es ist etwas Kostbares, das Schloss Harmating zu einem Idyll wie aus vergangenen Tagen macht: Ruhe. Kein Straßenlärm ist zu hören hinter den Hecken und Bäumen, keine Schwärme von Ausflüglern stören die Privatsphäre, denn Schloss Harmating steht nicht für Besucher offen.

Doch der genius loci ist über die Grundstücksgrenze hinaus zu spüren. In Harmating lässt es sich leben, denken, dichten, schreiben, hier ist die Welt eine andere. Und das Schloss ist ein eigener Mikrokosmos, dank der Lage und dank einer Bauart, die weniger auf das Funktionale denn auf das Menschliche ausgerichtet gewesen sei, wie der Hausherr meint. "Wenn man zum Beispiel die Fenster anschaut, dann ist jedes ein bisschen anders." Für von Schirnding ist das Gebäude "nicht prunkvoll, nicht überladen. Es ist verhältnismäßig schlicht. Schön, aber einfach." Das mache für ihn den Reiz aus. Dazu kommt die Verbundenheit mit der Vergangenheit: "Hier ist nichts abgeschnitten. Man spürt im Haus, wie es durch die Jahrhunderte bewohnt wurde." In einer Reihe von Bewohnern zu sein, "das ist ein anderes Lebensgefühl als nur im Hier und Jetzt. Das mag irrational klingen, aber man fühlt sich als Teil eines größeren Zusammenhangs." Und diesen wird eines Tages sein Sohn Askan fortführen. Vielleicht ähnlich reflektiert und in sich ruhend wie er. Denn auf die Frage, ob und wie dieser das Schloss wohl nutzen wird, sagt der Hausherr ganz entspannt: "Das muss er selber sehen."

Denkmal einer Epoche

Mit neuem Turm in die Renaissance

Patrizierfamilie Barth verwandelte Trutzburg in Schloss Harmating   Von Kaija Voss