Forschung:Was Blüten vom Klima erzählen

Der Reichersbeurer Lorenz Seidl hat 40 Jahre lang täglich das Wachstum bestimmter Pflanzen dokumentiert - als phänologischer Beobachter. Das Ehrenamt liefert wichtige Daten für die Wissenschaft

Von Marie Heßlinger

Lorenz Seidl, 82 Jahre alt, blassblaue Augen, schlägt den Ordner auf: "Löwenzahn", steht da in einer Zeile auf einem vergilbten Karopapier, "8. Mai 1992". In der Spalte dahinter: 5. Mai 1993. Und 1994: 28. April. Der Löwenzahn fing jedes Jahr ein bisschen früher an zu blühen. Seidl hat das aufgeschrieben, Jahr für Jahr, seit 1981. Und nicht nur Löwenzahn - auch Holunder und Eschen, Linden und Kastanien, Flieder und Huflattich hat er beobachtet. Was wie ein schräges Zwängler-Hobby anmuten mag, ist tatsächlich ein Ehrenamt mit Nutzen für alle Deutschen: Seidl war 40 Jahre phänologischer Beobachter. Im Juli hat er dafür eine Bundesverdienstmedaille erhalten.

Klimaforschung phänologischer Beobachter

Lorenz Seidl kennt alle Pflanzenarten der Region, schließlich war er 40 Jahre lang phänologischer Beobachter.

(Foto: Manfred Neubauer)

Lorenz Seidl sitzt auf einer Gartenbank in Reichersbeuern und schaut auf eine Wiese. Seine Tochter am Kopfende schneidet Äpfel für einen Kuchen, sein Enkel im Liegestuhl hört zu. Seidl ist kein Mensch der großen Worte. Aber der schönen. "Aus Liebhaberei", sagt er und zuckt die Schultern. Aus Liebhaberei zur Natur sei er viel draußen gewesen. Er war Stellwerkmeister bei der Bundesbahn. "Ich habe den ganzen Tag in München gearbeitet", sagt er, "da sehen Sie bloß den Steinhaufen." Als der Bürgermeister in Sachsenkam, wo Seidl damals lebte, ihn fragte, ob er phänologischer Beobachter werden wolle, habe er deshalb nicht nein gesagt. Seidl musste nun alle Pflanzenarten lernen, die in dem Ordner des Deutschen Wetterdiensts aufgelistet waren, ihre Merkmale und ihre Wachstumsphasen. Bei manchen Arten war das eine Herausforderung, wie er sagt. Um die Winterlinde etwa von der Sommerlinde zu unterscheiden, "da brauchen Sie fast eine Lupe". Und Seidl musste sich für jede der aufgelisteten Pflanzen ein Exemplar suchen und es jeden Tag besuchen. Täglich ging er dafür rund eine halbe Stunde spazieren.

Fing eine seiner Pflanzen an zu blühen, oder trat in eine andere Entwicklungsphase ein, notierte Seidl in einem Heftchen das Datum. Zum Jahresende schickte er seine Zahlen an den Deutschen Wetterdienst. So wie Hunderte andere Ehrenamtliche in Deutschland.

Forschung: Sonnenblumen, selbstverständlich lässt sich auch ihr Wachstum dokumentieren.

Sonnenblumen, selbstverständlich lässt sich auch ihr Wachstum dokumentieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

1100 phänologische Beobachter zählt der Deutsche Wetterdienst (DWD) im ganzen Land, davon 265 in Bayern. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit recht gut da - Wissenschaftlerinnen anderer Länder können oft nicht auf ein so breites Daten-Netzwerk wie hierzulande zurückgreifen. Doch auch in Deutschland werden die Beobachter immer weniger: Die erste phänologische Gesellschaft gab es in Mannheim im 18. Jahrhundert. Im frühen 20. Jahrhundert gab es in Deutschland zeitweise um die 8000 phänologische Beobachter.

Das besondere Ehrenamt hat, trotz seiner gebotenen Zuverlässigkeit und Akribie, auch so manche schöne Seiten. "Die Leute treiben Bewegung, die Leute sind sehr mit der Natur verbunden", sagt der Meteorologe Harald Maier, der Seidl seine Verdienstmedaille verliehen hat. "Das ist was für Körper, Geist und Seele." Und für Wissenschaftler wie Maier sind die Daten, die Menschen wie Seidl erheben, eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit.

Wie wirken sich Witterung und Klima auf die jahreszeitliche Entwicklung der Pflanzen aus? Mit dieser Frage befasst sich die Phänologie. Und von ihren Antworten profitieren Landwirte ebenso wie Mediziner, Klimaforscher oder Menschen, die noch nie von Phänologie gehört haben. Wie überall in der Natur hängt alles zusammen.

Ein Beispiel: Am Bodensee sind in den vergangenen Jahren immer wieder Apfelblüten erfroren, die Ernteausfälle der betroffenen Bauern lagen teilweise bei 80 Prozent. Diese Entwicklung ist eine neue: Wegen des Klimawandels beginnen viele Pflanzen schon früher zu blühen, so auch vielerorts Apfelbäume. Doch obwohl es schon früher im Jahr wärmer wird, gibt es immer noch frostige Nächte.

Anhand der phänologischen Beobachtungen vieler Ehrenamtlicher lässt sich errechnen, in welchen Regionen wann die Blütezeit im Jahr anfängt. Landwirte können dann zu entsprechenden Maßnahmen greifen. Ihre Bäume können sie etwa schützen, indem sie diese mit Wasser besprühen. Gefriert das Wasser, wird Energie frei. Beträgt die Außentemperaturminus drei Grad, liegt sie um die besprühten Blüten herum dann nur bei null Grad Celsius. Weil das Verfahren viel Wasser verbraucht, ist es sinnvoll, es nur in dem vom Deutschen Wetterdienst vorausgesagten Zeitraum anzuwenden.

Klimaforschung phänologischer Beobachter

Für seine phänologischen Beobachtungen erhielt Lorenz Seidl eine Bundesverdienstmedaille.

(Foto: Manfred Neubauer)

Ein anderes Beispiel: In bestimmten Entwicklungsphasen sind Pflanzen anfällig für bestimmte Pilzkrankheiten und Schädlinge. Dies hängt auch von Witterungsverhältnissen ab. Mit den Daten des DWD können Landwirte ihre Pflanzenschutzmittel gezielter und somit schonender für Mensch und Umwelt einsetzen.

Auch für Pollenallergiker und Tourismusorte spielen die Blütezeiten von Pflanzen eine Rolle. Und selbst für einen Gerichtsprozess wurde Maier einmal herangezogen: Die Richter zeigten ihm das Foto eines Gebäudes, das beschädigt worden war - das war der Gegenstand der Anzeige. Neben dem Gebäude standen Bäume. Maier konnte bestimmen, in welchem Entwicklungsstadium die Bäume waren, und, anhand der phänologischen Datenbank der Ehrenamtlichen dieser Region, herausfinden, zu welchem Zeitpunkt das Foto aufgenommen worden sein musste. Für das Gerichtsurteil war das entscheidend.

Nicht zuletzt aber fließen die Daten der phänologischen Beobachterinnen und Beobachter in Klimamodelle ein. Wegen des Klimawandels etwa bekommen die Pflanzen schon früher im Jahr ihre Blätter. Dadurch verbrauchen sie mehr Wasser, was die Böden trockener macht, und das wiederum macht die Pflanzen anfälliger. Solches Wissen, sagt Maier, sei wichtig, um Menschen über den Klimawandel zu informieren. "Ich bin immer noch optimistisch, dass wir das Ruder rumreißen können", sagt Maier. Aber: "Wir müssen mehr wissen, wir müssen mehr erkennen, wir müssen mehr aufklären."

Bronzemedaille im Blitzreichtum

In Bayern schlug der Blitz im vergangenen Jahr besonders häufig ein: Sechs der zehn blitzreichsten Städte und Kreise Deutschlands lagen 2020 in Bayern, wie der Siemens Blitz-Informationsdienst mitteilte. Am häufigsten traf es mit 5,1 Blitzen pro Quadratkilometer Kempten, gefolgt von den Landkreisen Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen.

Woran das liegt, hat Meteorologe Harald Maier vom Deutschen Wetterdienst erklärt. Dass es in Bayern besonders häufig gewittert, hat demnach mit seiner Geografie zu tun: Es ist kein Meer in der Nähe, das für mildere, gleichmäßigere Temperaturen sorgen könnte. Dafür sind Berge da, welche die heranströmenden Luftmassen zum Aufsteigen zwingen. Dabei kühlen sie ab. Und weil kalte Luft weniger Feuchtigkeit halten kann als warme, kommt es häufiger zu Niederschlägen. Je nach Konstellation von Hoch- und Tiefdruckgebieten kann es auch zu Frontgewittern kommen: Dann treffen kalte und warme Luftmassen aufeinander.

Die Klimaforschung sagt schon lange vorher, dass Extremwettereignisse wegen des Klimawandels zunehmen werden. Auch der Starkregen, der in diesem Jahr zu beobachten war, ist vermutlich - noch sind die Forschungen dazu nicht abgeschlossen - auf die Erderwärmung zurückzuführen: Weil die Luft wärmer wird, kann sie mehr Feuchtigkeit halten.

Der polare Jetstream, ein Starkwindband, das sich von West nach Ost bewegt, hat zudem an Geschwindigkeit verloren: Weil sich die Arktis stärker erwärmt hat als die Luft in unseren mittleren Breiten, ist der Temperaturunterschied zu uns nicht mehr so groß. Deshalb verharren Wetterlagen länger an einem Ort.

MHES

In Reichersbeuern hat Lorenz Seidl nun einen weiteren Zettel auf den Gartentisch gelegt. Zwei Kreise sind darauf zu sehen, unterteilt in die Monate Januar bis Dezember. Der äußere Kreis steht für die Beobachtungen von 1961 bis 1990, der innere für die Jahre 1991 bis 2019. Sie zeigen: Die Haselblüte, und damit der Vorfrühling, hat in den vergangenen 30 Jahren im Schnitt schon drei Wochen früher im Jahr begonnen als in den Jahren davor.

Seidls Enkel kann sich deshalb vorstellen, die Nachfolge für seinen Großvater anzutreten. "Ich hab' schon gesagt, dass ich das gerne machen würde", sagt der Elftklässler. Doch zuerst will er zum Studieren nach Heidelberg. Für Reichersbeuern oder Umgebung sucht der DWD deshalb einen neuen phänologischen Beobachter.

© SZ vom 07.08.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB