Süddeutsche Zeitung

Schwuler Priester Peter Priller:Von Gott so geschaffen, von der Kirche verschmäht

Er wollte seine Liebe zu einem Mann nicht länger verleugnen: Peter Priller durchbrach die Schweigekultur in der Kirche, outete sich als schwul - und verlor sein Priesteramt. Heute berät er ältere Homosexuelle - und arbeitet wieder als Priester.

Ingrid Hügenell

Peter Priller hat, wenn man so will, zwei Berufungen. Er ist Priester. Und er ist schwul. Eine ganze Weile dachte er, beides könne doch irgendwie zusammengehen, er könne den Zölibat leben.

Also ließ er sich 1991 zum Priester weihen, wurde Kaplan in Bad Tölz und merkte bald: Es geht nicht. "Da ist mir in der 11-Uhr-Messe dieser Schnauzbart aufgefallen", sagt er und lächelt wehmütig. Der Mann mit dem Schnauzbart, Josef Hanfstängl, wurde 1992 der Lebensgefährte des jungen Kaplans und blieb es, bis er 2009 starb.

Da war der heute 50-jährige Priller längst aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschieden. Drei Jahre lang hatte das Paar die Beziehung geheim gehalten, dann outete sich Priller beim Kardinal. Friedrich Wetter war das damals. "Der hat sich für seine Verhältnisse bemüht", erinnert sich Priller. Man habe versucht, ihm goldene Brücken zu bauen, etwa mit der Frage: "Ist es auch wirklich sexuell? Gegen eine Freundschaft unter Männern wäre ja nichts einzuwenden."

Wie oft es vorkommt, dass ein schwuler Priester sich seinem Vorgesetzten offenbart, darüber gibt das Erzbistum München keine Auskunft. Man behandle jeden Fall individuell, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit, konkrete Zahlen nenne man nicht.

Offenbar gibt es in der römisch-katholischen Kirche eine Art Schweigekultur: Schwule Priester sagen nichts, und ihre Vorgesetzten schauen weg, solange sie können. Weil die Heimlichkeiten, die daraus entstehen, schwierig auszuhalten sind, treffen sich schwule Priester in München bei "Pastorosa". "Das ist eine Art Selbsthilfegruppe für schwule Priester, die so versuchen, mit ihrer extrem konflikt- und spannungsreichen Situation zurechtzukommen", sagt Michael Brinkschröder.

Der katholische Theologe und Soziologe, Dozent an der Universität München, gehört selbst der Arbeitsgemeinschaft schwuler Theologen an. Er weiß von zahlreichen schwulen Priestern in ganz Deutschland, die sich in Gruppen organisiert haben, die Geheimbünden gleichen.

Neuer Versuch bei den Alt-Katholiken

Auch Priller weiß von diesen Gruppen, aber er wollte kein ständiges Versteckspiel. Hätte er "das Sexuelle" verleugnet, hätte er römisch-katholischer Priester bleiben können. "Aber eine heimliche Beziehung wollten wir beide nicht", sagt er. Es kam zum Bruch mit der Kirche, Priller wurde exkommuniziert. Ganz ruhig erzählt der schmale Mann mit der runden, randlosen Brille davon, wie er seinen Beruf verlor und seine Kirche, allein wegen seiner sexuellen Orientierung.

Dabei fühlt er sich von Gott so geschaffen und so gewollt, wie er ist. "Und ich habe das Glück, in einer Zeit zu leben, in der ich so überleben kann, wie ich bin." Die Sexualmoral der römischen Kirche stört ihn grundsätzlich: "Das Axiom, dass jede Sexualität außerhalb der Ehe Sünde ist, ist schlicht und ergreifend ein Krampf." Es diene dazu, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen und so Macht über sie zu erlangen.

Und tatsächlich hat Priller es geschafft, nicht nur seine Liebe und seine Sexualität zu leben, sondern auch seine Berufung als Priester. Wenn auch mit Einschränkungen. 1996 wechselte er zu den Alt-Katholiken. Trotz ihres Namens sind die nicht besonders konservativ, sondern in vielem weiter als die römisch-katholische Kirche, die Priller nur "die römische" nennt, weil für ihn "katholisch" so viel heißt wie "ans Ganze gewandt".

Es gibt bei den Alt-Katholiken keinen Pflichtzölibat, Homosexualität wird akzeptiert, Frauen können zu Priesterinnen geweiht werden. Vor allem erkennen die Alt-Katholiken die Dogmen des ersten Vatikanischen Konzils von 1870 nicht an, halten also unter anderem den Papst nicht für unfehlbar. Für Priller die richtige Heimat: "Ich hing sowieso nicht so am Unfehlbarkeitsdogma."

Obwohl viele "Römische" im Herzen eigentlich Alt-Katholiken seien, wie Priller meint, zählt diese Kirche doch nur 20.000 Mitglieder in Deutschland, etwa 3000 in Bayern und 600 in der Gemeinde München, zu der auch Prillers Pfarrstelle zählt.

Deshalb arbeitet er ehrenamtlich als Priester, hat mit seinem verstorbenen Lebensgefährten eine Gemeinde aufgebaut von etwa 100 Gläubigen, die sich auf beinahe das ganze Oberland verteilen. "Da ist schon was entstanden", sagt er, und in seiner Stimme schwingt Stolz mit.

"Diese Arbeit wird immer politisch sein"

Leben kann man vom ehrenamtlichen Priesteramt aber nicht. Deshalb hat Priller immer nebenher gearbeitet. Zunächst in Bad Tölz in einer Tagesstätte für psychisch Kranke. Als 2009 sein Partner starb, änderte sich sein Leben grundlegend, er wechselte auch den Arbeitsplatz.

Die Stelle, die er fand, entsprach genau seinen Vorstellungen. Priller arbeitet in der Beratungsstelle "Rosa Alter". Sie wurde 2009 gerade aufgebaut und richtet sich an Schwule, Lesben und Transgender, Menschen, deren gefühlte Identität als Mann oder Frau nicht ihrer biologischen Identität entspricht. Ältere Homosexuelle wollten oft nicht zu den gängigen Altenhilfestellen gehen, wenn sie Hilfe brauchten, sagt Priller. "Sie genieren sich", fürchteten Diskriminierung oder abschätzige Blicke.

"Rosa Alter", das in der Trägerschaft der Aidshilfe steht, bietet alles, was andere Beratungsstellen auch bieten: Priller und seine lesbische Kollegin helfen beim Ausfüllen von Formularen, wissen, was zu tun ist, wenn man selbst oder der Partner pflegebedürftig wird oder das Geld nicht mehr für die bisherige Wohnung reicht.

Priller gehört mit seinen 50 Jahren selbst schon der Zielgruppe von "Rosa Alter" an und sagt: "Das ist ein spannender Prozess, schwul sein und alt werden." Gar nicht so leicht sei es, die Zielgruppe auf das neue Angebot aufmerksam zu machen und "die Leute zu finden, die uns brauchen".

Gerade Männer, die über viele Jahre damit gelebt hätten, dass ihre sexuelle Orientierung sie ins Gefängnis bringen könnte, würden auch heute nie den Begriff "schwul" verwenden, weiß Priller. Bis 1969 stand auch der einvernehmliche Akt zwischen erwachsenen Männern unter Strafe. Heute ist es leichter, offen schwul zu leben.

Priller hat das in Bad Tölz erlebt, wo er in den Stadtrat gewählt wurde, für die Grünen, zweimal hintereinander, obwohl seine homosexuelle Beziehung bekannt war. Dass für viele Homosexuelle auf dem Dorf das Coming-out trotzdem schwer und angstbesetzt ist, weiß er unter anderem aus dem SchuTZ e.V., dem Verein für Schwule und Lesben in Bad Tölz und im Oberland, den er 1994 mit gegründet hat.

Bevor das Internet allgemein verbreitet war, bot der Verein auch ein Rosa Sorgentelefon an, das regen Zuspruch fand. Das Engagement für die Rechte von Homosexuellen treibt ihn weiter an. "Mir geht es um die Lesben und Schwulen, und deshalb wird diese Arbeit immer politisch sein. Es geht immer um die Menschen, nicht nur im Land, sondern auch in der Kirche."

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SZ vom 30.11.2011/tob/gba
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