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Schutz der Isarauen:Durchbeißen für die Landschaftspflege

Esel in den Isarauen

Sancho Panzas eigentlich so treues Grautier verschwindet im Roman "Don Quijote" einfach mal. In den Isarauen aber leisten Esel und Ziegen tagein, tagaus wertvolle Naturschutzarbeit ohne menschliche Knute. Sie halten Gehölze kurz, damit seltene Pflanzen sprießen können.

(Foto: Manfred Neubauer)

Seit vier Jahren weiden Esel und Ziegen in den Isarauen bei Lenggries, um dominante Pflanzen zurückzudrängen und das Ufer wieder zu einer ursprünglichen, artenvielfältigen Magerwiese werden zu lassen. Nun ziehen die Verantwortlichen Bilanz.

Von Sandra Freudenberg

Das mokkabraune Fell von Esel Seppi glänzt in der Mittagssonne, sein milchschaumweißes Mäulchen bewegt sich ruhig malmend über einen Happen Pfeifengras, das lässig aus dem Winkel seines Mundes ragt. Für den Moment stockt Markus Henning, Projektleiter vom Maschinenring Wolfratshausen, in seinen Ausführungen: "Die Esel stehlen mir bei jeder Gelegenheit die Show", schmunzelt er. Vier Jahre lang wurden Esel und Ziegen gezielt zum Verbiss und zur Abgrasung von unerwünschten Pflanzen an den Isarauen bei Lenggries eingesetzt. Kürzlich zeigten die verantwortlichen Projektträger im Rahmen einer Führung das Ergebnis, als die Teilnehmer in Wanderkleidung ihre Handykameras entzückt auf Seppi richteten, der gelassen die Pose hielt.

Kühl und still bewegt sich die Isar in ihrem Flussbett, unweit der Eselkoppeln an der Oberen Isar nahe der Bretonenbrücke, auf deren Ablagerungen die Tier weiden. Maja, Lisl und Baby-Esel mischen sich lose unter die gut 20 Teilnehmer der Führung durch das "Hotspotprojekt Magerrasen am alpinen Wildfluss", als ob man bereit wäre, die Menschen gutmütig in die Herde zu integrieren. Wenige Tage später zeigt die Isar wieder ihre wilde Seite, durch Regenfälle sehr schnell angeschwollen. Doch längst nicht mehr so, wie zur der Zeit, als es noch keinen Hochwasserschutz und noch kein Walchenseekraftwerk gab. In ihren wilden Jahrhunderten hatte die Isar Straßen, Brücken und Häuser weggerissen.Diese Kraft wurde der Isar genommen, um Menschen vor Schäden zu schützen. Jahrhunderthochwasser bleiben aus, kleinere Hochwasser werden genau beobachtet und durch den Sylvensteinspeicher reguliert, wenngleich dieser hin und wieder an seine Grenzen gerät, wie zuletzt 2013. "Da hatte der Sylvensteinspeicher die höchste Einstauung seiner Geschichte", so Joachin Kaschik von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Bad Tölz Wolfratshausen.

Vorstellung Beweidungsprojekt

Projektleiter Markus Henning vom Maschinenring Wolfratshausen.

Die starken Hochwasser hätten die Kraft, die Kiesbänke vor Verbuschung zu schützen: Die fest verwurzelten Weiden und Grauerlen würden weggerissen, der Kies aus den Bergen zu Kugeln geschliffen, weiter gespült, neue Arme und Kiesbänke gebildet. Diese enorme Gewalt wurde der Isar genommen. Daher bleiben die Kiesbänke liegen und auf ihnen setzen sich die dominantesten Pionierpflanzen wie die Weiden durch und führten zu einem, wie die Projektverantwortlichen finden, "eintönigen Landschaftsbild". Daher ist es ihr Ziel, bestimmte Pflanzen zurückzudrängen und andere zu fördern.

Heute, wo diese ganz großen Hochwasser ausbleiben, setzten sich die Weiden rasant durch und unterdrücken die Entwicklung zierlichere Pflanzenwelten. Orchideen, weißer Enzian - dem Volksglauben nach verortet sich an deren Standort ein Schatz -, Kugelblume und Silberwurz können sich also gegen die Hölzer und Robustgräser nicht genügend durchsetzen. Hier kommen Seppi und Geißbock Simmerl mit seinen Gefolginnen zum Einsatz: sie knabbern an den Weiden, die dadurch geschwächt werden, futtern die borstigen Gräser weg und schonen mit ihren zarten Hufen und Zehen ansonsten den Boden.

"Sehen Sie nur, ein Gekielter Lauch." Ohne den Hinweis durch eine Botanikerin hätte man wohl die überaus zarte, wenngleich auch vielfach schöne Lauchart glatt übersehen. Und auch die Orchidee nicht erkannt, wie sie sich bescheiden aus dem Gras hervor reckt, vielleicht wäre sogar die Nacktstänglige Kugelblume unbemerkt geblieben. In den vergangenen vier Jahren haben Esel und Ziegen, die sich in der Obhut von Landwirt Kaspar Fischer aus Gaißach befinden, die Landschaft südlich der Bretonenbrücke am östlichen Isar-Ufer von Verbuschungen befreit und zu einer artenreichen Magerwiese entwickeln lassen.

Hatten sie anfänglich noch Gelüste, aus den umzäunten Koppeln auszubrechen, was dem Forstbeamten von Bad Tölz nicht gefiel, benehmen sie sich nun besser, und sehen nicht mehr so oft nach dem Gras auf der anderen Zaunseite. An Regentagen finden die Esel im Stallanhänger Schutz, die Ziegen darunter, "denn diese behalten ganz gerne den Überblick", so Kaspar Fischer.

SERVICE

Neugierig - und nützlich: Ziegen weiden in den Isarauen und halten die Gehölze kurz, damit andere Pflanzen wachsen können.

(Foto: Veranstalter)

Projektträger sind der Isartalverein, die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises in Zusammenarbeit dem Maschinenring Wolfratshausen, das Wasserwirtschaftsamt und die Bayerischen Staatsforsten. Sie alle, so das Fazit der jüngsten Führung, halten das Beweidungsprojekt in den Isarauen für geglückt. Seppi, Simmerl und ihre vierbeinigen Kollegen werden folglich dort noch ein Weilchen weitergrasen dürfen.

© SZ vom 07.08.2020

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